Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

„Hoffnung mit Trauerflor“

Älterwerden ist ein deprimierender Vorgang. Dass ich mich als Gerontologin mit dem Thema wissenschaftlich beschäftige, mag angesichts des demographischen Wandels notwendig sein, ist aber letzten Endes ebenfalls deprimierend und hat wenig Glamour. Das ist jedenfalls die Erfahrung, die ich mache, wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache.

Hier nun – nicht nur, weil der Oktober mit dem „Weltseniorentag“ beginnt – meine Gegenrede:
„70 ist das neue 60“: Die Lebensphase, in der Menschen von der Erwerbsarbeit freigestellt und gleichzeitig gesund und aktiv sind, ist länger denn je und bedeutet einen Zugewinn an individueller Freiheit und Gestaltbarkeit des eigenen Lebens. In Deutschland können Menschen, die aktuell 65 Jahre alt sind, damit rechnen, dass sie im Durchschnitt noch knapp 20 Lebensjahre vor sich haben. Die Generation der heute 75-jährigen sind nicht nur fitter, sondern auch zufriedener als alle untersuchten Alterskohorten zuvor.

„Nichts hat mehr Glamour als die Geschichten der Alten“: Ich selbst habe einige Jahre in einer geriatrischen Rehabilitationsklinik gearbeitet und war von Anfang an fasziniert von so viel gelebtem Leben und der Fülle an Lebensgeschichten, mit denen ich in Berührung kam. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass das kalendarische Alter im Rahmen echter persönlicher Begegnungen an Bedeutung verliert. In der Liebe, der Neugierde, im Humor oder auch im Schmerz sind wir alterslos – oder eben jung.

„Alternsforschung hat eine unvergleichliche Dynamik“: Die Gerontologie ist ein junges Forschungsfeld mit großen Herausforderungen. Das Feld ist geprägt von intensiver interdisziplinärer Forschungsaktivität, Utopien und Höhenflüge inbegriffen. Dies prägt auch die akademische Ausbildung in der Gerontologie. Von deprimierter Stimmung keine Spur.

Alles gut also? Ganz gewiss nicht. Insbesondere die letzte Lebensphase ist mit unwiederbringlichen Verlusten verbunden. Paul Baltes hat diese Gemengelage so treffend als „Hoffnung mit Trauerflor“ bezeichnet. Wir haben viele Jahre geschenkt bekommen. Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist es, diese gut zu nutzen.

Claudia Schacke
Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Fachhochschule Berlin (KHSB)