„Mit nie endender Liebe habe ich dich geliebt“ (Jer 31,3)

Ein halbes Jahr ist es nun her, seit ich in das Amt des Erzbischofs von Berlin einführt worden bin. Welche bewegende, erlebnis- und erfahrungsreiche Zeit liegt hinter mir! Welchen Reichtum des Lebens durfte ich in diesen Monaten erfahren, welche Not und Verlassenheit vieler Menschen auch spüren!

Wie bewegend aber waren für mich auch die Aussagen von Menschen, die unserer Kirche nicht angehören und den christlichen Glauben nicht teilen. Da war zum Beispiel die Begegnung mit einer jungen Frau, die in ihrem Leben schon so viele Enttäuschungen, Degradierungen, Krankheiten und persönliche Verletzungen erlebt hat, dass sie mir sagte: „Das Beste, das Gott, falls es ihn dann doch gibt, geschafften hat, ist der Tod.“ Wie furchtbar müsste für diese Frau nach all dem, was sie mir von sich erzählt hatte, die Perspektive sein, solch ein Leben ewig weiterleben zu müssen. Wie furchtbar wäre es für diese Frau, wenn die Botschaft von Ostern wäre: Dieses Leben findet kein Ende.

Aber dies ist nicht die Botschaft von Ostern. In der Osterbotschaft geht es nicht um naturwissenschaftliche Feststellungen oder um die trotzige Fortsetzung des irdischen Lebens gegen alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Vergänglichkeit.

Die Osterbotschaft verkündet: Auf dich, Mensch, wartet im Tod Gott, der dich von Herzen liebt. Der Tod ist nicht das Ende des Lebens, sondern die tiefe Begegnung mit Gott, der dich liebt, lange bevor du im Mutterschoß warst (vgl. Jer 1,5); die Begegnung mit dem Gott, der dich ins Leben rief und der dich durch dieses Leben führt, auch wenn du es oft nicht spürst; die Begegnung mit dem Gott, der dir treu bleibt und der seine Liebe zu dir nie widerruft, auch nicht im Tod. Gott widerspricht sich nicht. Wen Gott einmal ins Leben rief, den lässt er nicht fallen. Gottes Liebe hat keine Grenzen. Ein Gott, der eine Grenze in sich hat, wäre ein Widerspruch in sich selbst. Deshalb gilt das Wort des Propheten Jeremia: „Mit ewiger Liebe habe ich dich, Mensch, geliebt“ (Jer 31,3). Ostern verkündet die Botschaft, dass die Liebe Gottes stärker ist als der Tod. So sehr hat Gott seinen Sohn Jesus Christus geliebt, dass er ihn am Kreuz, an das ihn die Menschen genagelt hatten, und im Grab des Karsamstags nicht verkommen ließ: Ich liebe dich und lasse dich nicht fallen: Dich, Jesus Christus, meinen Sohn, nicht und dich, Mensch, seinen Bruder und seine Schwester nicht. An Ostern geht es um die Wahrheit der Liebe Gottes, ich lass euch nie allein. An Ostern geht es um die Botschaft, dass unsere tiefe Sehnsucht nach Liebe nicht ins Leere läuft.

Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hütter hat einmal geschrieben: „Menschen sind keine von irgendwelchen Genen auf Konkurrenz und Selbstbehauptung programmierte Roboter, sondern Kinder der Liebe“. Um diese Liebe geht es. Und um die frohe Botschaft, dass Gottes Liebe stärker ist als alle irdische Wirklichkeit. Allein Gottes Liebe ist der Grund unserer Hoffnung auf unser Weiterleben, kein naturwissenschaftliches Gesetz, keine esoterische Entwicklung, kein Sein an sich. Nichts auf Erden widersteht der Macht des Todes. In der Osternacht feiern wir vielmehr, dass die Liebe stärker als der Tod. Die Botschaft der Osternacht heißt: Wir sind tiefer, ewiger, unendlicher geliebt, als wir es uns denken können. Gott sagt jedem von uns: Du wirst leben: glücklich erfüllt, in Frieden mit den Menschen an deiner Seite! Papst Benedikt XVI. formulierte es so: „Was immer geschieht, ich werde von der Liebe erwartet“.

Welche Hoffnung, welche Lebensperspektive! Ich werde leben und die, die ich so sehr auf Erden liebe, werden mit mir leben, weil wir alle in Gottes Liebe geborgen sind. Ein Mann, mit dem ich über die Situation unserer heutigen Gesellschaft diskutierte, formulierte die religiöse Situation vieler Menschen mit den Worten: „Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben“. Hat unser Herz wirklich vergessen, dass es einen Gott gibt, der immer wieder die Sehnsucht nach Liebe in unser Herz hineinsenkt, die Sehnsucht zu lieben und geliebt zu werden? Die Sehnsucht, dass die Liebe gerade zu den Menschen, die wir von Herzen lieben, im Tod nicht aufhört und auch die Menschen, die mir am Herzen liegen, nicht aus dieser Liebe Gottes herausfallen, sondern wir vielmehr in Liebe verbunden bleiben? Haben wir ganz vergessen, dass wir diesen Gott der Liebe, der uns ins seiner Liebe auch im Tod noch trägt, vergessen haben? Noch einmal der Prophet Jeremia: „Mit ewiger Liebe habe ich dich, Mensch, geliebt.“ (Jer 31,3). Ihn feiern wir an Ostern: den Gott, dessen Liebe keine Grenzen kennt, nicht die Grenzen meiner Gottvergessenheit, meiner Herzenshärte, meiner Verzweiflung, meiner Krankheit, meiner Enttäuschung, meines Todes: „Mit nie endender Liebe habe ich dich geliebt“. (Jer 31,3)

Ich wünsche Ihnen von Herzen ein großes Fest der Liebe, ein gesegnetes, liebevolles Osterfest!