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„Den Körper einbeziehen“

24. Juli 2017 Von Genevieve Hesse

Foto: Geneviève Hesse

Für sie ist es kein Widerspruch zum Christentum: Bei einem „Leib- und Seelentag“ erlebte eine Gruppe
von Frauen, wie Yoga-Übungen spirituell wirken.

Ein Bild von der nackten Eva im Paradies, die sich von Gott dem Vater unterrichten lässt, ein kleines Kreuz aus Holz, ein Gong und Kornblumen stehen auf bunten Tüchern in der Mitte des Meditationsraums vom Charlottenburger Jesuitenforum an einem frühen Samstagvormittag im Juli. Darum herum sitzen zwölf Frauen unterschiedlichen Alters im Stuhlkreis.

Sie hören der Einführung der Referentin für Frauenpastoral im Erzbistum Berlin, Gabriele Kraatz, zu: „Zu unserem christlichen Glauben gehört nicht nur Besinnung, sondern auch Leibbewusstsein.“ Daher beinhalte der anstehende „Leib- und Seelentag“ nicht nur Kurzvorträge und Bibelarbeit – in diesem Jahr zum Schöpfungstext aus Genesis 1,1, mit dem Thema „Rhythmus unseres Lebens“ –, sondern auch ausgiebige Yoga-Übungen. „Mein Weg zurück in die katholische Kirche führte über Yoga“ stellt sich daraufhin die Yoga- Lehrerin Claudia Steiger vor, die mehrere Reihen von Asanas – dem Fachbegriff für Yoga-Körperübungen – über den Tag hinaus anbieten wird. „Mir ist bewusst, dass Yoga aus einer hinduistischen und buddhistischen Tradition stammt.

Dennoch bin ich glücklich katholisch“, versichert die Berlinerin. Im Rahmen ihres Berufs hat sie viele Parallelen zwischen den Asanas und der Körpersprache der katholischen Kirche erkannt: „Mich interessiert, was uns verbindet – nicht das, was uns trennt“. Sie kenne zahlreiche Yoga-Lehrer, die Christen seien. Am Nachmittag lehrt sie die Gruppe eine Asana, die der Körperhaltung des Priesters am Beginn der Karfreitagsliturgie ähnelt. „Legt euch auf den Bauch“, sagt sie den Frauen, die ihre dünnen Yoga-Matten im ganzen Raum ausgebreitet haben. „Öffnet dabei die Arme rechts und links. Die Stirn liegt auf dem Boden oder zeigt zur Seite.

In dieser besonderen Körperhaltung könnt ihr spüren, wie ihr mit dem Einatmen die Kraft aus dem Boden, der uns trägt, zieht und wie sich beim Ausatmen euer Rücken nach oben hin öffnet.“ Die Anleitung zu einer weiteren Übung zur Atemwahrnehmung ergänzt Claudia Steiger mit den Worten: „Der Atem begleitet mich mein Leben lang vom allerersten Einatmen bis zum allerletzten Ausatmen. Er ist immer da, auch wenn ich ihn im Alltag gar nicht bewusst wahrnehme“.

Widerstand und Berührungsängste

In einem kurzen Vortrag erklärt Gabriele Kraatz, dass der Geist Gottes häufig mit einem Atem verglichen werde, da diese Bedeutung in dem ursprünglichen, hebräischen Begriff „Ruach“ mitschwinge – der außerdem weiblich sei. Das Wort schreibt sie auf ein Blatt. Daneben zeichnet sie es in hebräischer Schrift. „Das hat was vom esoterischen Om-Zeichen“, witzelt eine Frau. „Und ist dennoch durch und durch christlich“, erwidert Kraatz.

Mit ihrem Yoga-Angebot für Frauen stieß Gabriele Kraatz auf Widerstand aus konservativen Kreisen: „Besonders in der Berliner Diaspora löst die Nähe zum Hinduismus Berührungsängste aus. Die süddeutschen Bistümer sind da entspannter. Uns wird Synkretismus (die Vermischung verschiendener Religionen – Anm. d. Redaktion) vorgeworfen – eine Kritik, die Christen nicht so schnell ernten, wenn sie sich zum Beispiel mit dem Islam beschäftigen.“ Kraatz zählt drei Aspekte auf, die Katholizismus und Hinduismus verbinden: Gott dreieinig zu denken, die Leiblichkeit im ganzheitlichen Sinne und die mystische Tradition. „Ihr seht alle yoga-affin aus“, schätzt Claudia Steiger beim ersten Blick die Anwesenden ein. In der Tat gehören „eine Kerze, ein christliches Gelöbnis, ein Tee und Yoga-Übungen“ seit fünf Jahren jeden Morgen zum Ritual einer 49-jährigen Teilnehmerin, Mutter von drei Kindern.

Sie stehe immer vor der ganzen Familie auf. „Yoga hilft mir dabei, mich zu erden, gut zu atmen und meinen 24-Stunden-Tag zwischen Beruf, Familie und der Pflege meiner kranken Mutter zu bewältigen.“ So habe sie mehr Kraft und weniger Rückenschmerzen. „Das ist mir lieber als Tabletten“, sagt die gläubige Kinderlerntherapeutin. Die 34-jährige Pressesprecherin Anna Winkler übt Yoga seit zwei Jahren in einem Sportverein. Sie freut sich, heute eine Verbindung zwischen ihrem Hobby und ihrem Glauben herstellen zu dürfen.

„Der Gottesdienst gibt mir etwas für das Herz mit dem Mysterium der Verwandlung, für den Kopf mit der Predigt, aber nicht für den Körper“, erklärt sie. Sie denkt, dass besonders Frauen das ganzheitliche Bedürfnis haben, den Körper in ihren Glauben einzubeziehen. In ihrem Sportverein stellte sie fest, dass viele beim Yoga eine spirituelle Dimension suchen, die sie beim Sport nicht haben: „Die brauche ich nicht, denn ich habe schon meinen katholischen Glauben“.

„Fokussieren auf meine innere Mitte“

„Paulus hat doch gesagt, dass unser Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist“, fügt eine schlanke Frau im Rentenalter hinzu. Sie übt seit sechs Jahren regelmäßig Yoga. „Zu lange hat die Kirche den Leib als Feind betrachtet, den man nicht anfassen und nicht angucken soll, weil er sündig sei“, sagt sie. Yoga helfe ihr, sich auf den Moment zu konzentrieren, um sich dann umso besser ins Gebet oder in die Meditation versenken zu können.

„Ein Hinführen zu mir selbst, ein Fokussieren auf meine innere Mitte“ – so hat der Tag mit den Yoga-Übungen auf eine andere Teilnehmerin gewirkt. Sie sieht keinen Widerspruch zwischen
den hier erlebten, sanften Asanas und ihren regelmäßigen Gottesdienstbesuchen im Kloster Birkenwerder.