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Den Staub von der Seele blasen

11. Juli 2018 VON WALTER PLÜMPE

Der Ikonenmalkurs mit den aktuellen Arbeiten. Foto: Walter Plümpe

Frauen der Karl-Borromäus-Gemeinde in Berlin-Grunewald wissen schon länger, welche Freude man an einer eigenen Ikone hat. Kursleiterin und Schülerinnen sind sich einig: „Ikonenmalen macht glücklich!“

„Ikonen malen ist schöner als kochen“, findet Monika Taterra (62). Im dritten Jahr besucht sie die Ikonenmalkurse von Tatjana Pauly im Gemeindehaus von St. Karl Borromäus in Berlin-Grunewald. Vor zehn Jahren hat sie nach einer schweren Krankheit mit dem Malen begonnen, jetzt ist sie vor allem begeistert vom meditativen Mischen der Farben, „die heilen können“. Ähnlich sieht es Dorothea Stüttgen (70). Sie wurde auf einer Ausstellung von Pauly auf die Ikonen aufmerksam. „Wenn ich male, sind alle Sorgen weg.“ Das Einlassen auf Motive und Farbpigmente bläst ihr den Staub von der Seele.

Von Anfang an dabei ist auch Barbara Buhnert (77). Ihr gefällt vor allem das Meditative und tief Theologische. „Jesus spricht beim Malen zu mir. Es ist wie ein Zwiegespräch, mehr als ein Gebet.“ Sie schätzt vor allem Jesus- Bilder mit menschlichen Zügen und liebevolle Darstellungen der Heiligen. Zur Zeit malt die ehemalige Religionslehrerin ein Fresko von Giotto: die legendäre Begegnung von Joachim und Anna. Eine weitere Teilnehmerin ist 2013 im Benediktinerinnen-Kloster Alexanderdorf auf den Geschmack von Ikonen gekommen. Für sie veranschaulicht die Beschäftigung mit den Kultbildern in ihren streng formalen Überlieferungen das Kirchenjahr.

Gemeinde profitiert vom Ikonenmalen

Wie gelingt der Übergang von Oxydbraun zu Permanentrot? Mehr Spinellocker oder Titanweiß? Wo sollte das Gesicht noch etwas aufgehellt werden? Typische Kurs-Fragen an Tatjana Pauly (47), die sich seit zehn Jahren der Ikonenmalerei verschrieben hat. Aufgewachsen in Sibirien hat sie verschiedene Kunstschulen in Russland besucht, ist 1994 mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen, Mutter von drei Kindern und seit 13 Jahren in Berlin. „Ikonenmalen macht glücklich. Man schaltet ab und vergisst alles um sich herum“, ist ihr Credo. Für Pater Bernd Dangelmayer, den Pfarrer der Gemeinde, malt sie zur Zeit ein Ikonen-Kreuz für den Altar von St. Karl Borromäus. Der Salvatorianerpater weiß die Gruppe zu schätzen. Seit vier Jahren werden zum Abschluss der Fronleichnamsprozession die neu gemalten – ganz genau „geschriebenen“ – Ikonen in der Kirche geweiht. Und in der Kirche hängt an der linken Seitenwand eine große Abendmahls-Ikone.

Das Malen nach Ikonen-Vorlagen, das Kopieren nach dem Durchpausen von Konturen lässt sich Schritt für Schritt erlernen. Mit dem Gold für Hintergrund und Heiligenscheine beginnen, dann folgt die Kleidung; den Schluss bilden Gesicht, Hände und Füße. „Unser Schwerpunkt sind altrussische und griechische Ikonen des 13. bis 16. Jahrhunderts.“ Aber auch andere Zeitepochen und Stilrichtungen sind möglich.

Bevor die 43 Pigment-Döschen geöffnet und die frisch angerührte Eigelb-Emulsion verteilt wird, sprechen die Teilnehmer ein Gebet zur Einstimmung: „Du göttlicher Herr von allem Sein, erleuchte und erhelle meine Seele, mein Herz und den Geist deines Dieners. Führe meine Hand, damit ich würdig und vollkommen dein Bild, das Bild deiner allerreinsten Mutter und aller Heiligen beschreiben kann zu deinem Ruhme und zur Verherrlichung und Zierde deiner heiligen Kirche. Gib, dass alle Verherrlichung und Ehre, die den Ikonen gebracht werden, auf ihre Urbilder übertragen werden. Erlöse alle von der Versuchung, welche deinen Geboten entgegen sind, durch die Fürbitte deiner heiligen Mutter, des berühmten Apostels und Evangelisten Lukas und aller Heiligen.“ 

Mitmachen

Wer sich über das Schaffen von Tatjana Pauly, die auch modernes Design in ihrer Heimat studiert hat, informieren möchte, hat dazu im Dezember Gelegenheit. Während des Kunsthandwerkermarktes ist sie im Gotischen Haus von Spandau anzutreffen. Der nächste Ikonenmalkurs findet vom 22. August bis 21. November (mittwochs von 11 Uhr bis 14 Uhr) im Gemeindehaus von St. Karl Borromäus (Delbrückstraße 33, 14193 Berlin) statt. Die Teilnehmer lernen die alte Technik der Ikonenmalerei und malen auf Holztafeln mit Ei-Tempera eine eigene Ikone. Kosten: 150 Euro; Farbpigmente und Lösungsmittel sind inbegriffen. Vorgrundierte Ikonenbretter und Blattgold können bei der Kursleiterin erworben werden. Anmeldung und Information: 01 62 / 7 09 09 68; www.pauly-art-berlin.de

Bei genügend Anfragen bietet Tatjana Pauly auch einen Abendkurs für Berufstätige an.