Als Rentner nach Santiago

Auf dem Somportpass in 1631 Metern Höhe beginnt Ehepaar Hille aus Jüterbog seinen Pilgerweg. | Foto: privat

Pilgern auf dem Jakobsweg ist nicht nur etwas für junge Leute: Auch viele Senioren sind dort unterwegs, so wie Monika und Johann Hille vor einigen Jahren: Sie dankten Gott für den Fall der Mauer.

„Ich bin dann mal weg“. Nicht erst seit dem Buch von Hape Kerkeling, bereits im Mittelalter pilgerten die Menschen zu Orten, die ihnen heilig sind. Gegenwärtig ist Santiago de Compostela die Nummer eins der Pilgerziele in Europa. „Jeder“ im Sinne von aus jeder gesellschaftlichen Schicht pilgert dorthin. Einen großen Anteil haben die Studenten, doch auch sehr viele Senioren sind auf den Jakobswegen unterwegs, so die Statistik des spanischen Wallfahrtsorts.

Pilgern, um Gott zu danken

Monika und Johann Hille aus Jüterbog gehören dazu. Als sie sich 2001 auf dem Weg nach Santiago machten, waren beide schon einige Jahre Rentner. Der damalige Pfarrer von Jüterbog, Jürgen Wiechert, hatte den Anstoß für dieses Abenteuer gegeben, erzählt Johann Hille, heute 82: „Nach einem Gottesdienst begrüßte der Pfarrer ein Paar, das gerade aus Santiago zurückgekehrt war. Ich habe die beiden gleich in unseren Seniorenkreis eingeladen und gefragt, warum sie gepilgert sind: weil sie allen Grund hätten Danke zu sagen.“ Das machen wir auch, sagte sich Ehepaar Hille. Auch sie wollten Gott danken: für den Fall der Mauer, die für sie dadurch größer gewordene Welt, für ihre vier Kinder und die Enkel.

Die beiden Senioren zogen alleine los, sie hatten sich ihren Wallfahrtsweg selber zusammengestellt. Dass Johann Hille 43 Jahre lang als Eisenbahner tätig war und seine Frau flott im Internet unterwegs ist, kam ihnen dabei zugute.

Unterwegs hatten es ihnen die Kirchen besonders angetan. Zunächst einmal, weil es dort, wo Gott wohnt, meist angenehm kühl ist, meint Johann Hille und lacht. In Kirchen könne er gut ausruhen, Atem holen für Leib und Seele: „Ich liebe diese stumme Zwiesprache mit Gott. Einfach da sitzen und denken: Ich bin da. Und wissen, Gott ist es auch. Das genügt mir.“

Der Legende nach schätzten bereits die Kelten den – später so genannten – Jakobsweg. Sie glaubten, parallel zur Milchstraße würden sich in der Erde Kraftadern bis nach Compostela, also bis zum „Sternenfeld“ ziehen. Als dann um 830 in einem Grab Gebeine gefunden wurden, die man dem Apostel Jakobus zuschrieb, wurde die Kathedrale von Santiago zum christlichen Wallfahrtsort. Am Sehnsuchtsziel angekommen, bilden die Pilger lange Schlangen vor der Figur des heiligen Jakobus. Sie wird – je nach religiösem Temperament – bestaunt, umarmt oder geküsst.

Monika und Johann Hille begannen ihren Jakobsweg an der französisch-spanischen Grenze. Nach genau 448 Kilometern zu Fuß standen sie vor der Kathedrale: „Das war schon ein überragendes Gefühl. Auch ein bisschen Stolz war dabei: Wir haben es geschafft“, erzählt Johann Hille und seine Augen leuchten. Vergessen waren die Blasen an den Füßen, so manche gewöhnungsbedürftige Pilgerherberge oder schlecht ausgeschilderte Wege. „Und dann am nächsten Tag 12 Uhr die Pilgermesse, das war wunderbar. Wir haben dort viele getroffen, mit denen wir unterwegs ins Gespräch gekommen sind.“

„Zuhause ist es doch am schönsten“

Als die beiden loszogen, wussten sie nicht, wie der Pilgerweg sie prägen würde. Ist man ein anderer Mensch, wenn man zurückkehrt? Johann Hille schüttelt den Kopf. „Eigentlich nicht. Wir haben viele Erfahrungen gesammelt. Haben das Land kennengelernt, war ja alles fremd für uns, wir mussten viel lernen. Und es hat Spaß gemacht.“

Doch zuhause in Jüterbog mit seiner kleinen katholischen Kirche St. Hedwig, da ist es dann doch am Schönsten: „Ich fahre gerne weg, aber ich komme auch sehr gerne wieder nach Hause. Ein Gottesdienst in der Kathedrale von Santiago oder im Kölner Dom ist was Fantastisches. Aber hier, in meiner bescheidenen Kirche, da bin ich zu zuhause. Da gehöre ich hin.“