„Auf dieser Matte findet ein Leben statt“

30 Jahre gibt es die Berliner Kältehilfe: „Kein Grund zum Feiern“ sagen die Verbände der Wohlfahrtspflege. Sie fordern die Politik auf, in erster Linie für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Kältehilfe sei nur ein Notsystem.

Der Standpunkt von Caritasdirektorin Ulrike Kostka sorgte bei den anwesenden Journalisten für Nachfragen: „Wir wollen keinen weiteren Ausbau der Kältehilfe“, hatte sie bei der alljährlichen Pressekonferenz der Berliner Wolfahrtsverbände zum Beginn der Saison gesagt. 30 Jahre Kältehilfe, waren sich die auf dem Podium versammelten Sprecher einig, seien „kein Grund zum Feiern“. Aber die Frontfrau der katholischen Nächstenliebe im Erzbistum konnte alle Missverständnisse gerade rücken: Natürlich werde die Kältehilfe auch weiterhin genügend Plätze brauchen, um Obdachlose vor dem Erfrieren zu retten. Aber: „Eine Notübernachtung ist keine Wohnung“, stellte sie fest. Das Problem der Wohnungslosigkeit aber wachse an. „Ein weiterer Ausbau der Kältehilfe kann nicht die Antwort auf die Probleme des Berliner Wohnungsmarktes und die Zunahme der Straßenobdachlosigkeit sein“, konstatierte sie. „Vorrangig muss die Schaffung von Wohnraum sein und nicht die von Notübernachtungen.“

Schützenhilfe erhielt Kostka von Diakonie-Direktorin Barbara Eschen und dem Vorsitzenden der Liga der freien Wohlfahrtsverbände im Land Berlin, Oliver Bürgel. „Die Hälfte der Plätze müsste eigentlich genügen“, sagte sie und wies auf die exemplarisch vorbereiteten spartanischen Schlafstätten auf dem Boden der Kreuzberger Taborkirche, in der die Pressekonferenz stattfand: „Stellen Sie sich vor, dass ein Leben auf solch einer Matte stattfindet.“ Und der Vorsitzende der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, Oliver Bürgel, betonte, die Kältehilfe sei ein „letztes Notsystem“. Nachhaltige Lösungen würden jedoch am Anfang der Kette benötigt. Der Liga gehören neben Caritas und Diakonie noch die Arbeiterwohlfahrt, das Deutsche Rote Kreuz, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Jüdische Gemeinde an.

Getragen vor allem durch Ehrenamtler

Im Oktober hält die Kältehilfe 678 Plätze dieses Jahr bereit; im November werden es 1157 Übernachtungsplätze sein. Das sind mehr als dreimal so viele wie vor zehn Jahren, als es im Schnitt 369 Plätze gab. Getragen wird die Kältehilfe zum großen Teil durch ehrenamtliches Engagement. Bis zum 30. April ist die Kältehilfe täglich von 19 bis 23 Uhr erreichbar (0 30 / 8 10 56 04 25). Eine neue, auch offline nutzbare Kältehilfe- App hat Informationen und weist den Weg zu allen Einrichtungen der Kältehilfe in Berlin.