Beieinander bleiben

Peter Rogge mit der Autorin beim Potsdamer Stadtspaziergang. Foto: Stefan Schilde

Peter Rogge, Grafiker und Mitglied im katholischen Pfarrgemeinderat, führt in der Reihe „Drei Orte in meiner Stadt“ durch Potsdam. Seine Orte existieren nicht mehr, noch nicht, weit entfernt oder vor allem im eigenen Kopf.

Bis zum Sommer war der Schaukasten vor der katholischen Peter- und Paulkirche am Bassinplatz ein Ort des Corona-Gedenkens. Trauernde, die Angehörige oder Freunde an die Seuche verloren hatten und sich aufgrund der Kontaktbeschränkungen kaum verabschieden konnten, legten hier Kerzen und Blumen nieder. Wer wollte, schrieb die Namen seiner Verstorbenen in ein Gedenkbuch, das in der Kirche auslag.
Dort fanden auch Andachten statt, in denen für die Toten und ihre Hinterbliebenen gebetet wurde. Das dankbare Echo vieler Potsdamer Bürger war für Peter Rogge eine Bestätigung: „Dieser Dienst unserer Gemeinde war gut und wichtig.“ Für den 59-Jährigen war es im vergangenen Winter die erste Aufgabe, der er sich als frisch gewähltes Pfarrgemeinderatsmitglied stellte.

Er brachte seine künstlerischen Fähigkeiten in die einladende Gestaltung des Kirchenvorplatzes ein. Besonders imponiert hat ihm, wie schnell und reibungslos das neu gewählte Gremium die Idee umsetzte, zumal von Corona-Leugnern und Gegnern staatlicher Corona-Maßnahmen aus der Stadt durchaus Gegenwind zu spüren war. Am ersten von Potsdamer Professoren initiierten Gedenkort auf dem Alten Markt hatte es mehrfach Störungen und Vandalismus gegeben.

Als die Infektionen im Sommer auf ein anhaltend niedriges Niveau sanken, hat die Gemeinde die Aktion mit einem abschließenden Gottesdienst beendet. Seit Herbstbeginn steigt die Zahl der Infizierten wieder, es gibt auch neue Todesfälle. Der Gedenk-Ort wurde bisher nicht wieder belebt. „Wir sind in Kirche und Gesellschaft gerade mit allen möglichen Themen beschäftigt“, beobachtet Peter Rogge und nimmt sich selbst dabei nicht aus. Die Gemeinde zusammenzuhalten sei nicht einfach in Zeiten, in denen viele aus Sorge um die Gesundheit sonntags eher zu Hause bleiben statt in die Kirche zu gehen. Das Corona-Thema sei bis heute in der Gemeinde kein Thema, das spaltet, stellt er erleichtert fest, auch wenn die Positionen und Einschätzungen zum Teil auseinandergehen.

Erlösungsbedürftig – unversöhnlich

Den nächsten Haltepunkt auf dem Stadtspaziergang verbindet Peter Rogge mit weniger versöhnlichen Erlebnissen. Der Turm-Neubau der zerstörten Garnisonkirche ist noch eine Baustelle. Zu Beginn des Jahrtausends hatte er sich für das Wiederaufbau-Projekt engagiert.

Ihm gefiel die von evangelischen Pfarrern ins Spiel gebrachte Idee, an diesem spannungsreichen historischen Ort ein Versöhnungszentrum zu errichten. Die Garnisonkirche hätte ein neutraler Ort werden können, an dem zum Beispiel Politiker in festgefahrenen Konflikten neue Ansätze zur Versöhnung finden, an dem gemeinsame Workshops mit Israelis und Palästinensern stattfinden, an dem selbstkritisch über Verantwortung für weltweite soziale Gerechtigkeit nachgedacht wird. Der Potsdamer Künstler hatte die grafische Gestaltung des Nutzungskonzeptes und des Spendenaufrufes übernommen. Beim Ökumenischen Kirchentag 2003 gestaltete er eine Ausstellung über das geplante Projekt. Mittlerweile hat er sich zurückgezogen. Schwierig ist für ihn nicht so sehr, dass sich inzwischen Vertreter sehr unterschiedlicher Interessen und Geschichtsdeutungen für die Garnisonkirche stark machen. Zu schaffen macht ihm die Unversöhnlichkeit, mit der Kontrahenten ihre Vorstellungen durchzusetzen versuchen.
Der Streit entzündet sich zum Beispiel daran, ob die Kirche originalgetreu aufgebaut werden soll oder als moderner Bau mit architektonischen Zitaten des Früheren. Wird das Nagelkreuz des Versöhnungszentrums Coventry den Turm krönen oder die historische Wetterfahne? Soll am nachgegossenen Glockenspiel der Garnisonkirche wieder das Lied „Üb immer Treu und Redlichkeit“ erklingen?

„Ich kann die Argumente aller Parteien verstehen, aber ich erlebe hier keine versöhnende Kraft. Es fühlt sich an wie ein heißes Eisen. Ich kann mich nur verbrennen, wenn ich da anfasse“, bedauert Peter Rogge. Seiner eigenen Erfahrung nach – etwa in der Beziehung mit seiner Frau – kann Versöhnung nur gelingen, wenn man in Beziehung bleibt. Dazu gehört, dass jeder bereit ist, eigene Anteile zu erkennen und sich selbst nicht als Nabel der Welt zu betrachten. Spannender als nach Kompromissen, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, zu suchen, ist es in seinen Augen, sich um gemeinsame Lösungen zu bemühen, mit denen alle sich identifizieren können. Dazu gehöre Offenheit für den anderen.

Versunken in sich und in das, was geschehen soll

An spirituellen Kraftorten wie dem begrünten Innenhof der evangelischen Friedenskirche treten derartige Frusterfahrungen für Peter Rogge in den Hintergrund. Mit dem Platz am – im November stillgelegten – Springbrunnen verbinden sich für ihn Erinnerungen an seine Silberhochzeitsfeier, an schöne Picknicks, an die eine oder andere gemeinsame Lösung, die er hier mit seiner Frau gefunden hat.

Ein anderer Ort, den er als noch intensiver erlebt hat, steigt in seiner Erinnerung auf: In einem Familien-Rucksackurlaub Anfang der 90er Jahre gelangten sie zufällig an einen verwunschen wirkenden Ort in der Nähe des ungarischen Dorfes Zalalövö: ein steinerner Altar, aus dem eine Quelle sprudelte, mitten im Wald. Die beiden kleinen Kinder wurden dort ganz ruhig und spielten stundenlang und er hatte das Gefühl: „Hier möchte ich drei Hütten bauen“.

Der stärkste spirituelle Ort, sagt er nachdenklich, sei für ihn das Zeichnen, die Augenblicke, in denen er ganz im Tun und in sich selbst versinkt und irgendwann beglückt feststellt: „Hier hat sich etwas entwickelt. Hier ist etwas geschehen.“