Christen gedenken der vielen SelbstmordeDunkles Kapitel der Hansestadt Demmin am Ende des Zweiten Weltkrieges

Foto: Anja Goritzka

Mit einer ökumenischen Andacht gedachten die katholische und evangelische Kirche in Vorpommern am 30. April in der katholischen Kirche Maria Rosenkranzkönigin dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Hansestadt Demmin.

Im Mittelpunkt der Andacht mit anschließender Kranzniederlegung auf dem Gräberfeld des Demminer Friedhofs standen vor allem die nach Schätzungen fast 2000 Menschen, die sich in den Tagen um den 30. April 1945 in dem kleinen Ort an den drei Flüssen Peene, Trebel und Tollense das Leben nahmen.

„Dadurch, dass wir dieses Gedenken begehen, machen wir sichtbar, dass die Ereignisse uns angehen. Wir stehen in Verbundenheit mit denen, die die Katastrophe betraf, die sie erlebten“, betonte Frank Hoffmann, Propst für Vorpommern und Pfarrer von Greifswald, während der Andacht in Demmin und Hans-Jürgen Abromeit, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, fügte in seiner Predigt hinzu: „Schuld und Schuldgefühle müssen ausgesprochen werden, damit sie vergeben werden können. Schweigen ist der falsche Weg.“

Lieber sterben, als den Russen in die Hände fallen

Nachdem die deutsche Armee am 29. April 1945 die Brücken über die Flüsse in Demmin gesprengt hatte und die sowjetische Armee zusammen mit tausenden Vertriebenen und Einheimischen im Ort festsaß, wurde geplündert, die Innenstadt niedergebrannt und Frauen wurden vergewaltigt. In diesen Tagen begingen Alte und Junge, Frauen mit ihren Kindern und Männer, Arbeiter, Angestellte und Beamte, Einheimische und Flüchtlinge Selbstmord: Sie erschossen, vergifteten, erhängten sich und ihre Familienangehörigen, sie versuchten, sich die Pulsadern aufzuschneiden oder gingen in die Flüsse, die überfluteten Wiesen und Torflöcher rund um Demmin, um sich und auch ihre Kinder zu ertränken, wobei mitunter nur die Kinder starben, die Frauen selbst hingegen überlebten. In einem improvisierten Sterberegister der Friedhofsverwaltung notierte die Tochter des Friedhofsgärtners die Toten und Todesursachen der vier unendlich lang erscheinenden Tage im Mai 1945 bevor die Rote Armee Richtung Westen weiterzog. Demmin steht heute für eine Art Selbstmordepidemie, die in den letzten Kriegstagen viele Gebiete Deutschlands erfasste.

„Schwierige Erinnerung. Das Kriegsende in Demmin 1945“

Die gemeinsame Andacht in Demmin bildete den Abschluss eines Veranstaltungstages zum Thema „Schwierige Erinnerung. Das Kriegsende in Demmin 1945“. In Vorträgen, Filmvorführungen und während eines Podiumsgesprächs waren Zeitzeugen, Historiker und Psychotherapeuten der Frage nachgegangen, was die Menschen damals zu den Selbsttötungen trieb und welche Nachwirkungen sie bis heute für die Stadt und die Region haben.