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Das Mehr im Alltag

Samuel (links) und Schwester Monika Ballani (rechts) formen beim Stationengottesdienst im Wald Seifenblasen, die in die Luft steigen. Die anderen Teilnehmer dürfen hinterher auch einmal. | Foto: Anja Goritzka

„Down und Mee(h)r“ hieß Anfang Mai ein Wochenende für Familien und Alleinerziehende mit Kindern mit Down-Syndrom im St. Otto-Heim in Zinnowitz. Die Resonanz war durchweg positiv.

„Wir sind jetzt an einzelnen Stationen vom Ostseestrand über den Wald hier in die Kirche gelangt“, resümiert Schwester Monika Ballani von der Pastoral mit Menschen mit Behinderung im Erzbistum Berlin. Gemeinsam mit ihrer Kollegin aus dem Erzbistum Salzburg, Barbara Schubert, begleitete sie das erste überregionale Wochenende für Familien und Alleinerziehende mit Kindern mit Down Syndrom im Zinnowitzer St. Otto-Heim.

 

Berührend: Kinder segnen ihre Eltern

Ein offener Stationengottesdienst, an dem nicht alle der 28 Erwachsenen und 24 Kinder und Jugendliche – Kinder mit Trisomie 21 und ihre Geschwister – teilnehmen, bildet den Abschluss dieser drei intensiven Tage an der Ostsee. Nachdem die Kinder mit ihren Familien salzige Meerluft rochen, feuchte Erde spürten und im Wald lauschten, ruft sie die Teilnehmer dazu auf, sich gegenseitig zu segnen. Dazu gibt es in der Kirche von St. Otto zwei goldene Reifen. Zunächst stellen sich die Kinder in den Reifen und werden mit einem Segenslied begleitet. Dann segnen die Kinder mit und ohne Trisomie 21 aber auch ihre Eltern und Wegbegleiter. Eine Erfahrung, die auch Dominik Wystup und seine Frau rührt.

Er ist in St. Otto Rezeptionsleiter und Vater einer kleinen Tochter mit Trisomie 21. „Als ich vor zwei Jahren die Idee der Vernetzung hatte, dachte ich nicht, dass es so große Kreise zieht“, berichtet er und gibt zu: „Wir haben ganz wenig Werbung gemacht, aber schon gemerkt, dass viel mehr Bedarf besteht.“ Bedarf für Eltern, aber auch für die Geschwister und für die Kinder mit Down-Syndrom selber. Dadurch, dass Erzieherinnen von der Wolgaster Kita „Friedrich Fröbel“ am Sonnabend vor Ort waren, bestand für die Erwachsenen auch die Möglichkeit des Austausches untereinander. „Wir haben in zwei Stunden ganz intensiv über das Meer und das Mehr im Leben gesprochen. Worin besteht dieses in einer Familie mit Down Syndrom“, erzählt Schwester Monika Ballani.

Selbst aus Bayreuth reiste eine Familie an. „Wir hatten hier schon einmal Urlaub gemacht und da gehört, dass etwas geplant wäre. Da wollten wir unbedingt dabei sein. Der Austausch ist so wichtig“, betont der Vater. „Im Alltag ist man doch immer wieder im Erklärungszwang, warum das Kind jetzt so reagiert, wie es eben reagiert, warum es so ist, wie es ist. Hier an diesem Wochenende mal eben nicht“, bestätigt Initiator Wystup. Und auch Barbara Schubert muss sich nicht erklären, als ihr Sohn Samuel plötzlich im Wald sitzen bleibt, was alle erst ein paar Minuten später mitbekommen. Der 15-jährige mit Down-Syndrom war beim Stationen-Gottesdienst Ministrant, durfte das Kreuz aus zwei Holzstöckern geformt tragen und wollte einfach nicht wieder zurückgehen.

In der abschließenden Feedbackrunde wird schnell klar, dass jeder etwas mitnehmen konnte, auch die Organisatoren. So ist die Bandbreite bei Trisomie 21 sehr hoch. Manche Kinder können keine langen Strecken laufen. Da war der Wunsch nach Aktivitäten auf dem Gelände. Auch die Geschwisterkinder sollten ein wenig mehr Aufmerksamkeit erhalten, mit altersgerechten Spielen zum Beispiel. Dennoch waren sich alle einig, dass dieses Wochenende erfolgreich verlief. „Ich habe gesehen, dass ich nicht allein bin“, meint dann eine alleinerziehende Mutter.

 

Weitere Wochenenden in Planung

Viele notieren sich auch das nächste Familienwochenende vom 8. bis 10. Mai 2020, und Dominik Wystup organisiert weiter: Zusammen mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum „Aktion Sonnenschein“ aus Greifswald ist in St. Otto auf Usedom ein Themenwochenende am ersten Novemberwochenende geplant. „Wahrscheinlich wird es um die Sprachentwicklung gehen, zusammen mit einem Team aus Ärzten, Logopäden und anderen Fachleuten“, verrät er.