Der digitale Klingelbeutel

„Bar oder mit Karte?“: Kollekte mit einem digitalen Spendenkorb. | Foto: kna/Harald Oppitz

Vorab: Wer will, kann auch weiter Münzen und Scheine einwerfen. Aber immer mehr Gottesdienstbesucher wünschen sich eine bargeldlose Kollekte. In Berliner evangelischen Gemeinden gibt es erste Erfahrungen.

Auf dem Altar der Berliner Marienkirche am Alexanderplatz leuchtet es bläulich. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass im Gottesdienst die Kollekte eingesammelt wurde, und die Klingelbeutel den Weg zum Altar gefunden haben. Denn die Predigtkirche des evangelischen Landesbischofs Markus Dröge ist eine jener Berliner Kirchen, in denen derzeit der von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz, dem Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte, der Evangelischen Bank und der digital.wolff GmbH entwickelte elektronische Klingelbeutel im Praxisbetrieb erprobt wird. Im letzten Sommer hatte ihn Dröge der Öffentlichkeit vorgestellt. Auch die katholische Pax Bank testet den Einsatz solcher digitalen Klingelbeutel derzeit.

 

Hilfe durch farbige Bedienungsanleitung

Aber wie läuft es eigentlich in der Praxis? Derzeit wird der Klingelbeutel in der Marienkirche und der Kirchengemeinde Tiergarten erprobt, demnächst soll die Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche hinzukommen. Als Superintendent Bertold Hoecker am vergangenen Samstag einen Abendgottesdienst in der Marienkirche aus Anlass des Festes Mariä Lichtmess feierte, war es wieder einmal soweit. Der Klingelbeutel sollte zum Einsatz kommen. Schon mit ihren Gesangbüchern hatten die Gottesdienstbesucher eine farbige Bedienungsanleitung bekommen. Und um die Kirchgänger vollends mit dem ungewöhnlichen Hilfsmittel vertraut zu machen, trat Hannah Wolf nach den Ankündigungen ans Redepult.

„Wie bei jedem Klingebeutel können Sie auch bei diesem Modell ihr Bargeld in den Beutel werfen“, erklärte sie den Gottesdienstbesuchern. Wer sich allerdings für eine digitale Spende entscheide, müsse zunächst mit einem am Griff des Klingelbeutels angebrachten Drehregler die Spendenhöhe einstellen. Sie werde in einem kleinen Display angezeigt. Mit einem Druck auf den Drehregler werde diese Summe bestätigt. Anschließend könne man seine Kreditkarte auf den Klingelbeutel legen. Sofern die Karte mit einem Funkchip ausgestattet ist, werde die Spende dann abgebucht.

 

„Theologisch macht es keinen Unterschied“

Doch ein Blick in die Bankreihen zeigt: Noch ist das digitale Spenden für viele Kirchbesucher ungewohnt. Und: Es dauert länger, bis der Geldbetrag eingestellt, bestätigt und abgebucht ist. „In jedem Gottesdienst sind es fünf oder sechs Besucher, die per Karte spenden“, sagt Wolf nach dem Gottesdienst in der Sakristei. Viele Menschen hätten schlicht ihre Bank- oder Kreditkarten nicht dabei, wenn sie in die Kirche gingen. Vor allem für Ältere sei die neue Technologie auch ungewohnt. Junge Menschen dagegen hätten oft nur ihr Handy in der Hosentasche: Künftig sollen deswegen auch Systeme wie Apple- Pay mit dem Klingelbeutel funktionieren.

„Theologisch macht es sowieso keinen Unterschied, auf welche Weise ein Kirchgänger spendet“, sagt Superintendent Höcker. Problematisch sei, dass viele Berliner Banken keine Münzeinzahlungen mehr akzeptierten, und die Einzahlung der Kollekten für die Kirche oft mit hohen Kosten verbunden seien. „Aber mit dem digitalen Klingelbeutel geht die Kirche auf die Gottesdienstbesucher und ihre Bedürfnisse zu, und das ist doch eine gute Sache.“ 

Zur Sache

Auch für katholische Gemeinden Auf die steigende Nachfrage nach einer bargeldlosen Kollekten-Lösung hat auch die Pax-Bank reagiert: Ihr digitaler Klingelbeutel „digi-Collect“ kann jetzt in den Einsatz genommen werden. Voraussetzung dafür sei lediglich ein störungsfreies W-LAN in der Kirche. Die Bezahlung erfolge kontaktlos über die Karte oder das Smartphone mit NFC-Kennung, wie es an Supermarktkassen üblich ist. Ebenso stellt die Bank auch digitale Opferstöcke bereit. Interessierte Gemeinden wenden sich an Markus Lichtenthäler von der Pax-Bank unter 02 21 / 16 01 51 08 oder markus.lichtenthaeler(ät)pax-bank.de . (ckl)