Der „kleine Vatikan“

Foto: Marina Dodt

Eine Reise an die Ränder: In der Serie „Katholisch in Brandenburg“ beleuchtet der Tag des Herrn die brandenburgischen Ränder des Erzbistums Berlin. Im ersten Teil wird Brandenburg an der Havel in den Blick genommen.

Brandenburg ist die Wiege – die Wiege der Stadt, der Mark und des Landes Brandenburg. Und eine Wiege des Christentums. Als erste Bischofsstadt östlich der Elbe wurde es 948 erstmals urkundlich erwähnt, war somit Ausgangspunkt und Zentrum kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens. Nach der Reformation liegt der katholische Glauben über 200 Jahre völlig brach.

Dann wird Brandenburg erneut zur Wiege: Stationierte Soldaten, wandernde Handwerker und Kaufleute und später eine italienische Familie begründen hier den Grundstock der neuen katholischen Gemeinde „Heilige Dreifaltigkeit“, die mit den 1850 verliehenen Pfarr-Rechten zu den ältesten des Bistums zählt. Ein Jahr später, 1851, wird die Pfarrkirche geweiht. Heute ist sie der Grund- und Eckstein des „kleinen Vatikan“, wie Pfarrer Matthias Patzelt das Ensemble ein wenig scherzhaft nennt.

Denn wie an einer Perlenschnur reihen sich Schwesternwohnhaus, katholische Kita, Pfarrhaus und das Caritas-Seniorenzentrum aneinander, hofseitig angeschmiegt an die alte Stadtmauer und ergänzt durch das Gemeindehaus und das Freiwilligen- und Caritasberatungszentrum. Am vergangenen Dreifaltigkeitssonntag konnte der „kleine Vatikan“ sein 165.

Patronatsfest begehen. Langjährige caritative Erfahrungen in der Stadt Brandenburg ist Wegbereiter caritativer und sozialer Dienste. Die katholische Kindertagesstätte „Heilige Dreifaltigkeit“ ist mit ihrer 115-jährigen Geschichte die zweitälteste Kita der Stadt, erzählt Leiterin Carina Donner nicht ohne Stolz. Heute werden hier 50 Kinder aus dem gesamten Stadtgebiet betreut und individuell gefördert. Auf eine
über 90-jährige Geschichte blickt das Marienkrankenhaus zurück. Schwester Klara, eine der sechs im Schwesternhaus wohnenden Franziskanerinnen von Vöcklabruck, ist mit „ihrem“ Krankenhaus in besonderer Weise verwachsen. Seit 1959 wirkte sie hier als Krankenschwester, bis die Franziskanerinnen 1995 die Leitung abgaben.

Heute ist das Caritas-Krankenhaus St. Marien eine moderne geriatrische Fachklinik mit 90 stationären und 15 teilstationären Betten. Ein Anbau für Palliativmedizin und Demenzkranke mit weiteren 50 Betten soll 2018 übergeben werden. „Das wird ein toller Bau“, freut sich Gemeindereferentin Barbara Käding. Sie ist zugleich in der Krankenhausseelsorge tätig und organisiert den Einsatz der „Engelbrigade“, dem ehrenamtlichen Besuchsdienst mit neun Helferinnen, allesamt aus der Gemeinde. Brandenburg ist außerdem Wegbegleiter für Menschen in Rand- und Grenzsituationen und am Ende ihres Lebens. Neben dem Marienkrankenhaus zählt dazu besonders das Caritas-Seniorenzentrum „St. Benedikt“, das am 11. Juli seinen 20. Geburtstag feiern kann. Hier in „St. Benedikt“ hat auch Schwester Klara als Seelsorgerin und gute Seele eine neue Erfüllung im „Menschsein und Tätigsein“ gefunden, gemeinsam mit den fast 90 Mitarbeitern.

Im einstigen „Haus der Jungen Pioniere“ leben heute knapp 100 Senioren in vollstationärer-, Tages- und Kurzzeitpflege, knapp 40 weitere noch weitestgehend selbstständig im sogenannten Servicewohnen. „Pflege ist so schön, das gibt einem so viel wieder“, sagt die 28-jährige Stefanie Schneider, seit Januar amtierende Leiterin, und oft fänden Bewohner gerade durch diesen Einklang mit sich selbst und den anderen im Alter zum Glauben (zurück). Auch der Caritas-Club am Trauerberg (CaT) versteht sich als Wegbegleiter, bietet für Achtbis 27-Jährige offene und projektorientierte Jugendarbeit, zudem sind die 12 Sozialarbeiter um Leiterin Cécile Templin in der Schulsozialarbeit der Stadt Brandenburg tätig. In Spitzenzeiten finden hier täglich bis zu 50 Besucher ein zweites Zuhause, zum Teil aus sozial schwachen und benachteiligten Familien.

Buntes Leben mit wenigen Akteuren

Die Vielzahl katholischer Einrichtungen und Initiativen, ihre Ausstrahlung und guter Leumund sind immens im Verhältnis zu der doch kleinen Schar der ca. 2000 Gläubigen in der Stadt und an den Standorten Lehnin und Jeserig. Dennoch bleibt es für Pfarrer Matthias Patzelt eine Herausforderung, aus der Vertrautheit des
„kleinen Vatikan“ immer wieder neu herauszugehen.

Dabei, so sagt Pfarrgemeinderatsvorsitzende Christine Gampe, gehe es nicht so sehr um äußere Strukturen, sondern innere Findung, um gelebten Glauben aus einer lebendigen Spiritualität. Um ein geistiges Zuhause in der Gemeinde, um neue Formen des Glaubens- und Gemeindelebens, ging es daher auch auf der jüngsten PGR-Klausurtagung: Nach der Sommerpause brennt „Die Hütte“.

Über 400 Leute zwischen 20 und 35 Jahre erhalten zu diesem Film- und Gesprächsabend eine persönliche Einladung, um sie wieder mehr in das Gemeindeleben einzubeziehen. Persönliche Willkommens-Besuche soll es künftig bei den Zugezogenen geben. Auch mit der laufenden Vortragsreihe „Einmaleins des Glaubens“ ging der „kleine Vatikan“ aus sich heraus in den Rathaussaal – mit bis zu 120 Teilnehmern. Die Pfingstnacht mit 70 Jugendlichen, Firmfahrten in verschiedene Klöster, die von Friesack ausgegangene Himmelwallfahrt, die Motorradsegnung oder jüngst am Pfingstmontag der „Märkische Katholikentag“ (Dekanantstag) in Kloster Lehnin, all das sind innovative Formen, mit denen Brandenburg seinen Traditionen als Wiege, Wegbereiter und -begleiter treu bleibt, auch in Zukunft. Der Pastorale Raum ist im Dekanat (k)ein Thema, sagt Pfarrer Patzelt, sondern den ca. 4000 Katholiken in Rathenow, Brandenburg, Bad Belzig und Treuenbrietzen durch den seelsorgerischen und pastoralen Alltag bereits in die Wiege gelegt.

weitere Informationen:
Katholische Pfarrgemeinde Heilige Dreifaltigkeit
Neustädtische Heidestraße 25
14776 Brandenburg an der Havel
Tel.: 03381 / 28093
Eucharistiefeiern am Sonntag: 8.30 und 10.00 Uhr