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„Der Nächste bitte!“

In einer Berliner Arztpraxis helfen Mediziner Patienten, ohne daran einen Cent zu verdienen: Das Projekt des Malteser-Hilfsdienstes versorgt Menschen ohne Krankenversicherung – Ärzte und Helfer werden dringend gesucht.

„Vermutlich hatte ich am Montag einen Schlaganfall“, antwortet Heinz Thiemann auf die Frage „Was fehlt Ihnen?“ von Ärztin Annette Weisbach. Sie greift zum Stethoskop und hört ihn gründlich ab, dann legt sie ihm das Bluthochdruckmessgerät an. „Ihr Blutdruck ist so hoch, dass einem der Schädel platzen könnte“, sagt die Ärztin. Sie ordnet ein EKG an. Der hagere Mann mit grauem Vollbart kann keine Krankenkassenkarte vorweisen. Der Berliner war vor 25 Jahren das letzte Mal in einer Arztpraxis – weil er sich keine Krankenversicherung leisten kann.

 

Dramatischere Krankheitsbilder

Das Wartezimmer in der Praxis des Malteser-Hilfsdienstes in Berlin ist kurz vor Mittag noch so voll, dass sich eine zehn Meter lange Schlange bis in den Gang reiht. Mütter tragen ihre Kinder auf dem Arm, eine Frau stützt ihren kranken Vater. „Der Nächste bitte!“, ruft die Sprechstundenhilfe.

Dass die Menschen erst dann zum Arzt gehen, wenn die Krankheit fortgeschritten ist, ist in der Praxis nichts Ungewöhnliches. „Patienten, die nicht krankenversichert sind, haben längere Leidenswege hinter sich und Krankheitsbilder, die stärker ausgeprägt sind“, sagt Hanno Klemm. Der Mediziner leitet seit vier Jahren die Anlaufstelle für Menschen, die aus dem sicheren Netz des deutschen Gesundheitssystems gefallen sind. Darunter sind überwiegend Migranten, Obdachlose, aber auch Deutsche wie Heinz Thiemann, die kein Geld für eine Krankenversicherung und Medikamente haben.

Bei dem Ärztehaus handele es sich um keine „Hochglanz-Praxis“, betont Klemm. Auch sei es nicht Anspruch der Ärzte und freiwilligen Helfer, den Aufenthaltsstatus der Leute zu klären. Es gehe darum, Menschen zu behandeln, die krank sind. „Es ist die Not der Menschen, die sie zu uns führt.“ Die 35 Allgemeinmediziner, Gynäkologen, Zahnärzte und zehn Sprechstundenhilfen, die abwechselnd in der Praxis arbeiten, behandeln die Patienten anonym und unentgeltlich. Für das Ärzte- und Helferteam ist es ein Knochenjob. „Wir stemmen an den drei Tagen das, was andere Praxen an fünf Tagen in der Woche leisten.“

 

Patientenaufkommen ist explodiert

Annette Weisbach steht jetzt im weißen Kittel zwischen all den Menschen im Flur und beruhigt einen Patienten. „Haben Sie einen Termin? Nein? Dann muss ich sie nach Hause schicken. Es tut mir leid, wir schaffen es heute nicht.“ Die Ärztin arbeitet seit vier Jahren zweimal in der Woche ehrenamtlich in der Praxis. Seither habe sich das Patientenaufkommen „kolossal“ verändert. Weisbach arbeitet ab. Karteikarte für Karteikarte, Schicksal für Schicksal, das sich auf ihrem Schreibtisch stapelt. So wie das des Krebspatienten, dem sie nicht helfen können wird, weil sein Geld für eine Therapie nicht ausreicht. „Die Malteser übernehmen zwar die ein oder andere Rechnung für Medikamente.“ Auch spendeten die Apotheken Arzneimittel. „Doch so eine Krebsbehandlung, die in die zehntausende Euro geht, kann keiner übernehmen“, so Weisbach. Die Schicksale gingen ihr an die Substanz, sagt die Medizinerin. „Aber in meiner Seele macht es mich glücklich, anderen zu helfen.“

So wie Heinz Thiemann, der 25 Jahre gewartet hat, bis er sich heute in die Hände der Ärztin begab. „Ohne Krankenversicherung fühlte ich mich zum Sterben verurteilt.“ Als 1993 die Aufträge als selbstständiger Messebauer und Elektroingenieur ausblieben, fehlte Thiemann das Geld, um die Beiträge für die Krankenkasse zu zahlen. Er flog aus dem System, suchte Hilfe bei den Behörden, fühlte sich aber nicht ausreichend unterstützt. Dabei hätte er seine Krankheiten – Herz-Kreislauf und Lungenprobleme – längst behandeln müssen. „Ein Teufelskreis“, sagt der Berliner. Nach dem Arztbesuch weiß er, dass er noch einmal Glück gehabt hat. Keinen Schlaganfall, nur Bluthochdruckprobleme hat Dr. Weisbach diagnostiziert. Dafür bekommt er jetzt Tabletten. „Die Malteser waren meine Rettung“, sagt er. Den nächsten Termin hat er bereits mit der Praxis vereinbart.

Info: Ärzte mit Herz gesucht
Deutschlandweit leben rund 80 000 Menschen ohne Krankenversicherung. Vor 18 Jahren gründete der Malteser-Hilfsdienst in Berlin eine Arztpraxis, um für Frauen, Männer und Kinder ohne Krankenversicherung eine medizinische Versorgung zu gewährleisten. Jetziger Schirmherr ist der Berliner Erzbischof Heiner Koch. Die 35 Ärzte arbeiten ehrenamtlich in der Praxis. Neue Ärzte und Helfer für das Praxisteam werden dringend gesucht. Wer die Arbeit ehrenamtlich unterstützen möchte, kann sich telefonisch in der Praxis melden: 0 30 / 82 72 21 02 oder MMMedizin(ät)malteserberlin.de . Die Praxis ist auf Spenden angewiesen, auch um die Medikamente für die bedürftigen Patienten zu finanzieren. Bei Fragen kontaktieren Sie bitte Katrin Göhler, Leiterin Spenden und Nachlässe beim Malteser Hilfsdienst Berlin: Katrin.goehler(ät)malteser.org  oder 0 30 / 3 48 00 36 70