Die „Mauer-Logik“ durchbrechen

Kinder und Jugendliche bei einer Kundgebung gegen Mauern im September 2020 in Berlin-Neukölln. Foto: Privat

Andrea Riccardi, der Gründer der christlichen Gemeinschaft Sant’Egidio, ist am 22. Juni mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Mit ihm freuen sich auch die rund 200 Berliner Mitglieder der Gemeinschaft. Einer von ihnen ist Tobias Müller.

„Wir freuen uns über die Verleihung, da sie die Arbeit von Sant’ Egidio für den Frieden und die Freundschaft mit den Armen würdigt“, sagt Tobias Müller. Der Berliner ist einer von rund 200 Mitgliedern, die in der Hauptstadt-Region die geistliche Gemeinschaft unterstützen. „Der Preis zeigt, dass eine Kirche, die sich in der Krise fühlt, Vertrauen und Anerkennung in der Gesellschaft zurückgewinnen kann, wenn sie sich im Sinne der Botschaft von Papst Franziskus mit dem Evangelium in der Hand für die Würde der Armen einsetzt.“

Seit 2003 ist Sant’ Egidio auch in Berlin aktiv, im Einsatz für internationalen Frieden und an der Seite sozial Schwacher. Unter anderem hat die Gemeinschaft Menschen aus der syrischen Kriegsregion nach Berlin geholt. Tobias Müller hat mehrmals an Verhandlungen mit Rebellen im Südsudan teilgenommen.
Seit Beginn der Pandemie hat sich vor allem das Engagement für alte Menschen und für Kinder ausgeweitet, jeweils angepasst an die jeweils geltenden Schutzregelungen. Anfangs haben die Ehrenamtlichen von Sant ‘Egidio mit Briefen, Blumengrüßen und Telefon Kontakt mit Bewohnern des Elisabeth-Stifts gehalten. Zu ihrer Überraschung wurden manche Kontakte dadurch sogar intensiver als zuvor. Zu Ostern haben sie ein Video mit hoffnungsvollen Ostergrüßen für die Heimbewohner aufgenommen. Nach mehreren Monaten ohne direkte Kontakte haben sie den Sommer über mit Musikern aus ihrem Bekanntenkreis vierzehntäglich Hofkonzerte veranstaltet, bei denen sie zumindest die Bewohner sehen konnten, die sich im Garten, an den Fenstern und auf der Terrasse aufhielten. Seit September wurden dann dank der Corona-Schnelltests auch wieder persönliche Besuche möglich.
Kinder aus verschiedenen Nationalitäten und Flüchtlingsfamilien, die sich sonst nachmittags in der „Schule des Friedens“ mit Studenten der Gemeinschaft zum Spielen und Lernen trafen, wurden im ersten Lockdown zunächst per Videokonferenz beschäftigt und zum Lernen angeleitet. In anderen Phasen der Pandemie waren 1:1-Betreuungen, Kleingruppen oder auch Besuche bei den Senioren möglich.

Hautfarbe erkennt man im Handabdruck nicht

Im vergangenen September nutzte Sant’ Egidio die niedrigen Infektionszahlen für eine Kundgebung mit hunderten Besuchern aus über 25 Nationen in Berlin-Neukölln. „No more walls – keine weiteren Mauern“ hieß das Motto. „In dieser Zeit hält die Logik der Mauern in Europa immer mehr Einzug“, erklärten die Akteure und verwiesen auf tausende Flüchtlinge, die nach dem Großbrand des Lagers Moria auf Lesbos festsaßen, auf die monatelange Abschottung der Altenheimbewohner und auf die Kinder aus benachteiligten Familien, die in den Schulen den Anschluss verlieren.

Kinder und Jugendliche versuchten, Menschen eine Stimme zu geben, die sonst überhört werden. Die 10-jährige Mawa aus dem Irak sprach über ihre Flucht „Einmal mussten wir mit einem Boot fahren. Das Boot war sehr klein und es waren viele Menschen darauf. Nach einer Stunde ist mitten auf dem Meer der Motor kaputt gegangen. Ich hatte große Angst …“ Sie richtete einen Appell an ihre Zuhörer: „Es darf keine Mauern mehr geben. Auch nicht in unseren Köpfen.“ Franziska, die sich bei der „Jugend für den Frieden“ engagiert, berichtete vom Sommer der Solidarität, den sie mit hunderten Jugendlichen aus ganz Europa auf Lesbos verbrachte, um den dort unter prekären Bedingungen lebenden Flüchtlingen Hoffnung zu schenken. Sie hält Kontakt mit einigen, die aufgrund des Brandes in Moria nun alles verloren haben. „Vergessen wir sie nicht!“, bat sie die Berliner. „Stehen wir ihnen bei! Nehmen wir sie auf!“
Somajah, 10 Jahre alt, aus Afghanistan drückte ihren Traum für eine bessere Zukunft so aus: „Legt eure Hände nebeneinander in den Sand und ihr werdet etwas sehen: Egal, welche Farbe eure Hände haben, eure Abdrücke sind am Ende alle ziemlich gleich...“

Die Älteren nicht als zweitklassig behandeln

An Ständen wurde über Aktivitäten von Sant‘ Egidio informiert, unter anderem konnten die Besucher dort einen europaweiten Aufruf unterschreiben, in Zeiten der Pandemie die Rechte der alten Menschen besser zu schützen. Unter anderem kommt darin auch Sorge zum Ausdruck, dass Alte und Kranke als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden könnten. In einigen Ländern gebe es Diskussionen, angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns die Solidarität mit den Älteren zu begrenzen.

Mehr als neun Monate später erschwert die Corona-Pandemie das Engagement noch immer. Erfreulich findet Tobias Müller, dass Tests nun regelmäßige Besuche im Altenheim möglich machen und dass das neue WLAN-Angebot im St. Elisabeth-Stift die Kommunikation mit einigen Bewohnern erleichtert. Zuweilen bevorzuge man dennoch weiterhin die ganz klassischen Kommunikationsmittel. Zum Valentinstag etwa hätten die Mitglieder der Gemeinschaft ihre Freundschaft zum St. Elisabeth-Stift mit Rosengrüßen, Briefen und Süßigkeiten ausgedrückt. Er und seine Mitstreiter sind ganz sicher: „Egal, wie es mit der Coronapandemie weitergeht, es wird immer Wege geben, um die gegenseitige Freundschaft auszudrücken!“

Kontakt: www.santegidio.org