Die Rückkehr zur Einfachheit

Pfarrer Christoph Zimmermann (rechts) zeigt den Spendern den Stand der Renovierungsarbeiten. Foto: Oliver Gierens

In der Herz-Jesu-Kirche im brandenburgischen Neuruppin wird derzeit der Innenraum neu gestaltet. In seiner Schlichtheit soll er auf die Besucher einladend wirken und ihnen helfen, zu Gott zu finden.

Noch ist der Innenraum der Herz-Jesu-Kirche in Neuruppin (Landkreis Ostprignitz-Ruppin) eine große Baustelle. Farbeimer, Kabeltrommeln oder große Säcke mit Material für den Bodenbelag stehen entlang der riesigen Säulen, der Boden ist mit Karton und Filz abgedeckt. Die 1883 erbaute Kirche erhält ein neues Gesicht. Heller, einladender, offener als bisher soll sie werden. Ein schlichter, aber edel gestalteter Innenraum soll den Besuchern helfen, sich auf das Wesentliche, das heißt auf den Wesentlichen zu konzentrieren.

Der Neuruppiner Pfarrer Christoph Zimmermann führt rund zehn Besucher durch die Kirche, zeigt den Stand der Bauarbeiten. Sie alle haben für die Renovierung gespendet und können an diesem spätsommerlichen Samstagnachmittag sehen, was mit ihrem Geld passiert.

Aus Malerarbeiten wird Innenraumumgestaltung

Die Bauarbeiten liegen gut im Zeitplan, unterstreicht der Pfarrer bei der Führung. Einige Handwerker waren sogar früher dran als geplant, sodass im Dezember – wohl rechtzeitig zu Weihnachten – das altehrwürdige Gotteshaus wieder in neuem Glanz erstrahlen kann. Dabei haben die Arbeiten erst im Juni begonnen, kommen seitdem allerdings zügig voran. Vorausgegangen war eine jahrelange Diskussion über die Innensanierung der Kirche. „Als ich im Herbst 2017 hierher kam, war das eines der ersten Dinge, die der Kirchenvorstand an mich herangetragen hat“, erinnert sich Pfarrer Zimmermann. Rund 20 Jahre nach der letzten Renovierung habe die Kirche in Grautönen geschimmert. An den Stellen, wo die Maler noch nicht Hand angelegt haben, sieht man deutlich den starken Kontrast zwischen Alt und Neu. Auch an der Elektrik gibt es einiges zu tun, war sie doch bisher auf dem Stand der 1970er Jahre. Das Ordinariat in Berlin sagte seine Unterstützung zu und meinte dabei, ob man denn die Kirche wirklich nur streichen oder auch gleich neu gestalten wolle. „Dann aber richtig“, waren sich Erzbistum und Gemeinde einig. Das Ordinariat lobte einen Künstlerwettbewerb aus, übernahm die Preisgelder. Schließlich erhielt der Künstler Tom Kristen aus dem bayerischen Weil den Zuschlag – für ein Konzept, das auf den ersten Blick recht karg wirkt, aber dennoch der Kirche eine besondere Ausstrahlung verleihen soll.

Göttlicher Gegenpol zur hektischen Außenwelt

Ruhe, Gelassenheit, das Loslassen vom oft überfrachteten Alltag – das ist die Grundidee, die Kristen durch den in schlichtem Weiß gehaltenen Innenraum umsetzen will. „Es ist ein Gegenpol zu dem, was wir oft außerhalb der Kirche erleben – da ist viel los, viel Verkehr, die Medienwelt, es ist bunt und laut“, erläutert Pfarrer Zimmermann das Konzept. Im Gegensatz dazu soll der weiße Kirchenraum das Göttliche symbolisieren. Der Besucher soll sich dem Himmel nah fühlen, neu zu Gott finden und dabei etwas von dem loslassen, was er draußen vorfindet. „Es ist eine Rückkehr zu der Einfachheit, die uns erlaubt innezuhalten, um das Kleine zu würdigen“, zitiert Kristen die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus.

Für einen angenehmen Farbkontrast sorgt der handwerklich gefertigte, vor Ort frisch angerührte Kalkterrazzo mit Schmucksteinen aus Kalksteinen und Ziegelsplitt, der künftig den Boden des Altarraums zieren wird.

Dieser öffnet sich zudem mehr zur Gemeinde hin, der neue Altar steht ein ganzes Stück weiter vorne, außerdem gibt es nur noch eine Treppenstufe. „Wenn der Pfarrer predigt, kann er jetzt den Menschen in der ersten Reihe in die Augen schauen“, scherzt Pfarrer Zimmermann. „Ich werde künftig viel näher bei den Leuten sein.“ Durch die bernsteinfarbenen Fenster in der Apsis fällt warmes Licht ins Kircheninnere, sodass trotz des weißen Anstrichs der Raum eine behagliche Atmosphäre erhält.

Manche Umgestaltung hat naturgemäß für Diskussionen gesorgt, schließlich liegt die Kirche vielen Gläubigen sehr am Herzen. Der Tabernakel wandert in die linke Ecke neben dem Altarraum. Das, so erläutert Pfarrer Zimmermann, soll zum einen eine Dopplung der Gegenwart Christi in der Brotsgestalt während der Eucharistiefeier auf dem Altar und im Tabernakel vermeiden, wenn dieser in der Mitte stehe. Wichtig sei für die Gemeinde aber auch, dass durch die Seitenposition der Tabernakel und damit die Gegenwart Christi näher an die Gemeinde rücke, dass man zur persönlichen Anbetung ein etwas geschützteren Raum habe und dass bei Konzerten, Krippenspielen und anderen Aktionen der Tabernakel nicht verdeckt werde und nicht der Eindruck entstehe, er sei nicht wichtig.

Hinzu kommt, dass es künftig keine Kirchenbänke mehr geben wird, sondern Stühle. Damit sei man flexibler, um den Kirchenraum für verschiedene Anlässe zu nutzen. Es sind spezielle Stühle, die für den Hildesheimer Dom entwickelt wurden und dort seit Jahren im Einsatz seien, erklärt der Pfarrer den Besuchern. Sie werden zu den Gottesdiensten in eine lose Bodenschiene hineingestellt, die auch über eine Kniebank verfügt. Damit können die Gottesdienstbesucher weiterhin zur Eucharistiefeier oder zum persönlichen Gebet niederknien. „Man muss sich etwas daran gewöhnen und recht gerade knien“, meint der Pfarrer. Aber die Vorteile lägen auf der Hand: Beispielsweise könne man bei Taufgottesdiensten die Stühle um das Taufbecken herum gruppieren – oder zu Weihnachten, wenn Krippe und Tannenbaum einigen Platz beanspruchen, die vorderen Stuhlreihen entfernen. Hinzu kommt, dass die Kirche bisher keinen Mittelgang hatte: Die Bänke führten von einer Seite bis zur anderen. Damit wirkte der Innenraum sehr sperrig, künftig ist er offener und gibt den Blick auf den Altarraum frei.

Knapp über 600 000 Euro kostet die gesamte Renovierung. Etwas über 70 Prozent davon trägt das Erzbistum, auch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken gibt einen Zuschuss von 60 000 Euro dazu. Den Rest finanziert die Gemeinde über Sponsoren und Spenden; über 27 000 Euro sind laut Pfarrer Zimmermann schon zusammengekommen. Eine stolze Summe, die zeigt, dass den Katholiken in Neuruppin und Umgebung ihre Herz-Jesu-Kirche am Herzen liegt.