Reingelesen

„Durch Gottes Güte zugedacht“

Das frühe Moabiter Dominikanerkloster, „erbaut und benediciert 1869“. | Bilder: Dominikaner Berlin

Die Geschichte Berlins ist eng verbunden mit den Dominikanern. Nicht zu jeder Zeit war der Predigerorden willkommen. Seit der Wiedergründung des Klosters vor 150 Jahren gehört er fest zu Moabit.

„Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen.“ Wenn Dominikaner-Pater Michael Dillmann mit ruhiger Stimme diesen Satz sagt, so sicher nicht ohne Stolz auf die vorangegangenen Mitbrüder, die „Riesen“: Seit 150 Jahren ist das Dominikanerkloster ein fester Bestandteil von Moabit. Stets waren die Patres dort zur Stelle, wo Not am Mann war, und leisteten Großes für Stadt und Gemeinde. „Das ist uns Auftrag für die Zukunft“, sagt der Prior und Pfarrer.

Die Geschichte des Predigerordens in Berlin begann freilich schon viel früher. „Da, wo heute das Außenministerium steht, war das alte Dominikanerkloster“, erzählt P. Michael. 1297 sei es erstmals urkundlich erwähnt worden – nur gut 80 Jahre, nachdem der Spanier Domingo de Guzmán Garcés die Ordensgemeinschaft gegründet hatte. Dann wirkten die Dominikaner in Berlin und Cölln, bis die Reformation 1535 ihr Dasein in der Stadt vorerst beendete: Ihre Kirche wurde umgewidmet zur Domstiftskirche; der Orden musste ausziehen. Dennoch kamen, sobald es in Berlin wieder Katholiken gab, auch wieder Dominikaner in der Stadt – zunächst als Militärseelsorger, später auch als Prediger an der St. Hedwigs-Kirche und am Invalidenhaus.

 

Seelsorger an der St. Hedwigs-Kirche

1866 unternahm P. Ceslaus von Robiano eine Bettelreise durch Deutschland und Österreich, um Geld für den Bau des Klosters in Düsseldorf einzuwerben. Er schrieb dem Ordensgeneral aus Berlin, einflussreiche Persönlichkeiten drängten ihn, in der preußischen Hauptstadt ein Kloster zu gründen. Der Ordensgeneral entsandte P. Ceslaus nach Berlin. 1867 kaufte der Frauenverein St. Hedwig ein Grundstück mit Villa in Moabit, in der ein Waisenhaus eingerichtet wurde, 1869 das Nachbargrundstück mit einer Kesselschmiede. Diese wurde zu einer Kirche umgebaut, der St. Paulus- Kapelle, die am 4. August 1869 – vor 150 Jahren – geweiht wurde. P. Ceslaus schrieb kurz nach der Einweihung an den Ordensgeneral: „All das ist nicht geschehen durch uns, sondern weil Gottes Güte es uns zugedacht hat.“

Die erste Zeit nach der Wiedergründung war turbulent. Schon am 16. August kam es zum sogenannten „Moabiter Klostersturm“, denn zahlreiche Berliner erregten sich über die katholische Neugründung, wenn sie auch außerhalb der Stadtgrenzen lag. Die Schutzpolizei konnte ein Eindringen der Volksmenge in die Kirche verhindern, Kirchenfenster und Teile des Klostergartens wurden aber zerstört. Im Zuge des Kulturkampfes kam 1875 der Auflösungsbescheid. Die Dominikaner verließen ihr Kloster, konnten aber bei Familien in Berlin „untertauchen“. P. Ceslaus kam täglich frühmorgens nach Moabit, um die heilige Messe zu feiern.

1887 wurde das Klostergesetz so abgeändert, dass die meisten Orden aus dem Exil zurückkehren konnten. 1889 wurde die offizielle Wiedergründung des Klosters genehmigt. Da die Kapelle in der ehemaligen Kesselschmiede die vielen Moabiter Katholiken nicht mehr fassen konnte, riss man sie ab und baute die heutige Kirche St. Paulus. Während der Bauzeit nutzte man eine Notkapelle, die später als Gemeindesaal diente.

 

Hervorgetan durch Mut und Mitgefühl

Über die Jahrzehnte sticht St. Paulus hervor durch die Seelsorge für Pfarrei und Studenten, durch Mut und Mitgefühl. Hier fand Romano Guardini seine Berufung. Patres und Brüder wurden heiß geliebt, etwa P. Bonaventura Krotz, zu dessen Beerdigung 1914 rund 12 000 Menschen kamen – der Trauerzug war 12 Kilometer lang. Etwa 20 Patres und Brüder lebten in den 1920er Jahren im Kloster. In der NSZeit trafen sich hier Widerstandskämpfer des Kreisauer Kreises. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, das Kloster zum Lazarett. Auch im geteilten Berlin war St. Paulus stets ein Ort gelebter Caritas. 1964 wurde nebenan die Grundschule St. Paulus gegründet, die die Dominikaner bis heute betreuen. Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit 2015/2016 war eine Tür der Klosterkirche die Heilige Pforte für das Erzbistum. Heute leben acht Patres im Konvent und bilden das Zentrum der neuen Pfarrei St. Elisabeth.

 

Das Jubiläum im Überblick
Die Berliner Dominikaner laden ein zum Jubiläumsjahr in der Oldenburger Str. 46, Berlin-Moabit:

25. August, 11.30 Uhr: Ponitifikalamt mit Kardinal Dominik Duka OP. Musikalische Gestaltung: Schola Ave Florum Flos (Berlin), Schola OP (Olmütz/ Tschechien) und Heiko Holtmeier (Kirchenmusiker)

30. August, 19 Uhr: „Man kann’s doch am Ende nicht wissen…“ – eine literarisch- musikalische Spurensuche zum Thema „Glauben“.

27. September, 20 Uhr: „Gottes Geburt in der Seele“ – Texte dominikanischer Mystik. Kultusstaatsministerin Monika Grütters (Sprecherin), Heiko Holtmeier (Orgel)

12. Oktober, 10 bis 15 Uhr: „Nehmt Neuland unter den Pflug“ (Hosea 10,12) – missionarische Aufbrüche auch in der Kirche von Berlin? Referentin: Sr. Dr. Theresia Mende OP; Anmeldung bis zum 8. Oktober: 030 / 3 98 98 70 oder info(ät)dominikaner.de  

12. Oktober, 15.30 Uhr: Führung durch Kirche und Kloster

8. November, 19 Uhr: Requiem für die seit 1869 verstorbenen Dominikaner von Sankt Paulus, 20 Uhr: Vortrag: „Geschichten von St. Paulus – was Bilder erzählen können. Einblicke in ein Klosterarchiv“ und Buchpräsentation durch Pater Michael Dillmann OP.