Ein Dorf kämpft um seine Kirche

Altehrwürdig, aber mittlerweile recht brüchig: der Kirchturm der Netzower Dorfkirche. Foto: Oliver Gierens

Die Kirche im beschaulichen Prignitzdorf Netzow diente bereits als Filmkulisse, doch der Turm droht mittlerweile einzustürzen. Um das zu verhindern, packen alle im Dorf mit an – und hoffen auf Spenden für die Bauarbeiten.

Eine Entführung, ein Mord und sexueller Missbrauch – in dem kleinen, idyllischen Prignitzdorf Netzow, eingebettet in tiefe Wälder und weite, flache Landschaften im Nordwesten Brandenburgs? Nein, hier geht es in Wirklichkeit viel beschaulicher zu. Aber Netzow diente 2008 als Kulisse für den preisgekrönten Film „Das weiße Band“ mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle. Der Streifen bekam die „Goldene Palme“, war sogar zweimal für den Oscar nominiert – und verhalf dem beschaulichen Prignitzdorf, das im Film den fiktiven Namen „Eichwald“ trägt, zu einer gewissen Bekanntheit.

Zurück ins öffentliche Bewusstsein

Die Produktionsfirma, so heißt es, habe sich damals für Netzow wegen seiner Ursprünglichkeit entschieden. So wurde ein ganzer Ort zur Filmkulisse – und mittendrin die Dorfkirche aus dem späten 15. Jahrhundert. Mit ihrem imposanten Turm, der in früheren Zeiten auch Zufluchtsort für die Dorfbewohner war, ragt sie in der flachen Prignitzer Landschaft fast schon trutzig in die Höhe.
Doch der Kirchturm ist gefährdet, er weist starke Risse auf und muss dringend gesichert werden. Die Glocken läuten längst nicht mehr. Auch die Uhr steht dauerhaft auf zehn nach Acht. Ein Herrnhuter Stern schmückt in diesen Tagen den Turm. Doch wenn nicht bald etwas passiert, droht er einzustürzen.
Evelyn Frenzel ist hier seit letztem Jahr die Pfarrerin – die Netzower Kirche wurde zwar einst vom Havelberger Domkapitel errichtet, ist aber seit der Reformation ein evangelisches Gotteshaus.
An diesem Samstag mit dabei ist auch Steffen Jennerjahn, in Netzow aufgewachsen und Vorsitzender des Kirchengemeinderates. Er freut sich darüber, dass die kleine Dorfkirche in den letzten Wochen wieder öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Ein großer Artikel in „Monumente“, der Zeitschrift der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dazu Kirche des Monats November der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) und aktuell Kirche des Monats im Dezember-Newsletter des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg – viele Initiativen setzen sich ein, um das altehrwürdige Gotteshaus zu retten.

„Wir hoffen, dass wir durch diese Präsenz das Wichtigste machen können“, gibt sich Jennerjahn bescheiden. Eigentlich hat die Gemeinde vor rund sechs Jahren ein Gesamtrestaurierungskonzept erstellt, das Glockenstuhl, Turm und auch das Kirchenschiff umfasste, wo an vielen Stellen der Putz bröckelt. Doch davon hat sich die Gemeinde erst mal verabschiedet.„Es geht nur noch um die Turmsicherung“, erklärt Steffen Jennerjahn. Für mehr ist derzeit kein Geld da, und selbst die 250 000 Euro, die derzeit veranschlagt werden, seien schon knapp bemessen – zumal diese Summe längst noch nicht vorhanden ist. 15 000 Euro hat die Stiftung KiBa für den ersten Bauabschnitt bewilligt, der Förderkreis Alte Kirchen will für die Sanierung 3000 Euro dazugeben. Von der Gemeinde Plattenburg, zu der Netzow gehört, gab es in diesem Jahr 1400 Euro, für das nächste Jahr hat die Kommune nochmal 1500 Euro zugesagt. Die Filmcrew hat damals nach Abschluss der Dreharbeiten 10 000 Euro als Spende zurückgelassen – das Geld liegt bis heute auf der hohen Kante.

Glockenturm schon vor zehn Jahren verstummt

Das alles reicht noch längst nicht für die Sicherung des Turms. Selbst für Laien sind die Risse unübersehbar, gleich links neben der Kirchentür klafft ein Loch. Ein Strauch wächst aus dem Mauerwerk, das an vielen Stellen Moos angesetzt hat. „Seit wir uns mit dem Turm beschäftigen, können wir dabei zuschauen, wie die Risse größer werden“, erzählt Jennerjahn.

Auch die schweigenden Glocken empfinden die Dorfbewohner als einen inakzeptablen Zustand. Doch aus baustatischen Gründen dürfen sie nicht geläutet werden: Der Glockenstuhl hat im Laufe der Jahrhunderte an Stabilität und Form verloren, stößt an manchen Stellen an das Mauerwerk an. Schlagen die Glocken, kippt der ganze Turm mit den Glocken hin und her. Seit 2011 rufen die Glocken nicht mehr zum Gottesdienst, läuten am späten Nachmittag nicht mehr den Abend ein, werden die Dorfbewohner ohne Geläut zu Grabe getragen. „Die Glocken gehören dazu“, unterstreicht Steffen Jennerjahn. Doch Pfarrerin Frenzel betont auch: „Wir wollen dafür sorgen, dass dieser Turm nicht einstürzt – das hat oberste Priorität.“

Dorfbewohner hängen an ihrer Kirche

Dass den Dorfbewohnern ihre Kirche am Herzen liegt, merke man insbesondere bei Arbeitseinsätzen. „Da schickt jede Familie einen Helfer – egal, ob Gemeindemitglied oder nicht“, berichtet Steffen Jennerjahn. Von den rund 130 Einwohnern gehören etwa 50 zur evangelischen Gemeinde, rund zehn von ihnen sind aktive Gottesdienstbesucher. Alle paar Wochen kommen sie hier zu Gottesdiensten zusammen.

Und Pfarrerin Frenzel beobachtet, dass auch viele junge Leute, die meist aus beruflichen Gründen in größere Städte gezogen sind, aufs Dorf zurückkommen, um hier kirchlich zu heiraten oder die Kinder taufen zu lassen. „Nähe schafft Geborgenheit“, so das Resümee der Pfarrerin. Die Kirche sei mehr als ein Gotteshaus, sie sei ein Stück Heimat, schaffe Identität. Diese zu erhalten, dafür kämpfen Pfarrerin und Kirchengemeinde gemeinsam – und hoffen auf weitere Unterstützung.