„Ein lebendiges Bauwerk“Dompropst Ronald Rother über den Umbau der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale

Eine der Aufgaben, die auf den neuen Berliner Erzbischof zukommen, wird die Sanierung und Neugestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale sein. Dompropst Prälat Ronald Rother spricht im Interview darüber, was der Wechsel an der Spitze des Erzbistums für den Umbau bedeutet.

Ein neuer Erzbischof von Berlin wird sich auch mit der St. Hedwigs-Kathedrale befassen müssen. Weihbischof Dr. Matthias Heinrich sagte Anfang Dezember, dass die umstrittene Neugestaltung ungewiss sei. Keine Neugestaltung hieße aber auch: Kein Auftrag für die Architekten, die den Wettbewerb gewonnen haben. Wie stark kann ein zukünftiger Bischof noch in die Pläne eingreifen? Kann er die komplette Sanierung stoppen, wenn er das möchte?

Ein neuer Erzbischof hat nach guter Einarbeitungszeit viele Aufgaben zu meistern, u.a. auch das Projekt St. Hedwigs-Kathedrale mit dem Bernhard-Lichtenberg-Haus. Damit die Entscheidung leichter fällt, werden die Planungsarbeiten weitergeführt. Dazu gehören notwendige Bodenuntersuchungen, aber auch Überlegungen, in welchen Bauabschnitten kann das Vorhaben verwirklicht werden. Insofern hat Weihbischof Heinrich Recht, wenn er erklärt, dass eine Entscheidung noch nicht gefallen ist. Eine komplette Sanierung stoppen kann er nicht, denn es muss etwas getan werden, auch wenn man die Inklusionsfragen und die Probleme der Kirchenmusik nicht beachten will.

„Nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2013) ist vorgesehen, den Entwurf des ersten Preisträgers zu realisieren. Insofern ist die Entscheidung der Jury vom Juli 2014 bindend, wenn die Kathedrale umgestaltet werden soll“, heißt es in einer Pressemeldung des Erzbistums. Welchen Spielraum hat da noch ein zukünftiger Bischof? Welche Details kann er noch ändern?

Es wurde ein Realisierungswettbewerb für die Kathedrale und ein Ideenwettbewerb für das Bernhard-Lichtenberg-Haus ausgeschrieben. Entsprechend groß sind die Spielräume für Veränderungen. Zur Kathedrale: Hier gibt es Abstimmungsgespräche – und danach Verhandlungen – über die unterschiedlichen Vorgaben, z.B. des Auslobers, der Jury, der geäußerten Kritik, Fachplaner haben ihr Wissen einzubringen. Selbstverständlich gibt es auch noch Raum für Wünsche des neuen Erzbischofs. Entscheidend ist wohl das Grundkonzept des Architekten, der sich sehr lebhaft hörend und gestaltend an den Gesprächen beteiligt.

Sichau & Walter Architekten BDA bekommen ein Preisgeld von 65.000 Euro. Dabei verdienen die Architekten doch schon an der Verwirklichung des Projektes. Warum werden sie quasi doppelt bezahlt?

Sie sagen richtig: Preisgeld, das steht erst einmal. Kommt es zur weiteren Beauftragung wird es auf das Honorar angerechnet; es wird nichts doppelt bezahlt. Wer anderes behauptet, kennt das Verfahren nicht.

Wie finden Sie persönlich den Entwurf? Welche Ihrer Erwartungen hat er erfüllt, welche nicht?

Wir haben einen sehr offenen Wettbewerb ohne große Vorgaben ausgeschrieben, weil wir selbst keine Lösungen für alle Fragen vorgeben konnten und wollten. Letztlich hat das Gesamtkonzept überzeugt. Es bietet Lösungen zu den Problemen der Kirchenmusik; alle Inklusionsfragen sind positiv beantwortet, eine klare Aufteilung in Kulturdenkmal, Memorialort, mehrfach gestaltete liturgische Orte und mit den Ideen zum Bernhard-Lichtenberg-Haus sind unsere Aufgaben für Caritas, Wissenschaft und Begegnung angesprochen.

Was sagen Sie zu den Argumenten, die gegen den Entwurf sprechen? Es werde eine architektonische Einmaligkeit abgeschafft.

Weiterentwickelt und verbessert.

In dem Entwurf sind einzelne Stühle anstelle der Kirchenbänke zu sehen. Entsprechend fehlen auch die Kniebänke – wird befürchtet. Kniebänke an den Stühlen des Vorder-Stuhls würden ein versetztes Sitzen in der großen Kirche verhindern und damit die Sicht auf den Altar erschweren.

Die Stühle sind so angeordnet, dass man problemlos nach vorn sehen kann. Es gibt auch künftig Kniebänke, die nicht an einzelne Stühle angebaut werden, sondern wie ein durchlaufendes Band befestigt sind.

Die Bodenöffnung schaffe eine Verbindung zur Berliner Geschichte, zu den dort beerdigten Bischöfen.

Die Berliner Geschichte hat eine längere Tradition als die Öffnung, und die meisten Bischofsgräber sind älter als die Öffnung. Der neue Zugang zur Unterkirche kann benutzt werden, ohne das Geschehen in der Oberkirche zu stören. Es bieten sich vielfältige gleichzeitige Möglichkeiten für kleinere und größere Gruppen, für Touristen u.ä. an.

Wie sollen öffentliche Gelder eingeworben werden, wenn der Denkmalschutz gegen den Entwurf ist?

Die Denkmalschutzbehörden sehen ihre Hauptaufgabe darin, das Vorhandene zu bewahren. Es muss aber auch ein Weiterentwickeln möglich sein, denn eine Kirche ist nicht ursächlich Denkmal, sondern lebendiges Bauwerk, das zum Leben mit Leid, Trauer und Freude einlädt; ein Ort der Begegnung und Feier der Gläubigen mit Jesus Christus.

Für den Umbau sprechen liturgische Gründe. Aber müssten dann nicht sehr viele Kirchen in Deutschland umgebaut werden?

Wenn Sie kurz überlegen, dann fallen Ihnen gewiss genügend Orte ein, in denen die Kirchen seit dem II. Vatikanum bereits zum zweiten Mal umgebaut wurden (Passau, Münster, Hildesheim, Görlitz, Hamburg – um wenigstens einige Bischofsstädte zu nennen.)

Es hieß, die Domgemeinde wurde in die Entscheidung, dass die Kathedrale umgebaut wurde, nicht eingebunden. Wenn doch: Welcher Art? Wenn nicht: Warum nicht?

Der Kirchenvorstand hat zunächst mich als Dompropst beauftragt. Eine Einbindung gab es also. Dann gab es Zweifel, ob ich der Mehrfachbelastung standhalten könne, denn die Gefahr einer Interessenkollision wurde gesehen. Kardinal Woelki hat danach Pfarrer Marra, Pfarradministrator von St. Hedwig, als seinen persönlichen Berater in den Entscheidungsprozess eingebunden.

Was wird aus dem Bernhard-Lichtenberg-Haus? Der ehemalige Berliner Erzbischof ist ja schon nicht eingezogen, weil es kurz nach seinem Amtsantritt vor drei Jahren schon hätte renoviert werden sollen ...

Hier gibt es viele Ideen und Wünsche, aber noch keine Entscheidung. Allerdings ist auch hier eine Sanierung mehr als dringend geboten.

Wo werden die Gottesdienste und die Veranstaltungen, die bis dato in St. Hedwig waren, während des Umbaus stattfinden?

Es gab Gespräche mit dem Kirchenvorstand von St. Joseph-St. Aloysius für das Gotteshaus in der Müllerstraße. Die Pfarrgemeinde hat zwei Kirchen und würde sich über eine Mitnutzung freuen.

So spielt der Wedding also auch nach dem Auszug des ehemaligen Berliner Erzbischofs aus der Osloer Straße eine große Rolle für die Berliner Katholiken. Und welcher Ersatz wird für das Bernhard-Lichtenberg-Haus gefunden, wenn es renoviert wird?

Bestehende Mietverträge sind zeitlich befristet; doch zu weiteren Fragen müssen Sie den Kirchenvorstand von St. Hedwig befragen; mein Mandat bezog sich nur auf die Kathedrale.