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„Eine echte Alternative“

„Wir ziehen alle Register für eine neue Orgel“: Pfarrer Matthias Patzelt (links) und Organist Jochen Noehles mit der „Spendenpfeife“.

Wiederverwerten statt neu kaufen: Die Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit in Brandenburg kauft eine Orgel aus zweiter Hand, die schon von einer englischen Gemeinde genutzt wurde. Die Vorteile sind nicht nur finanziell.

"Wir sehen es als unsere Aufgabe, den Fortbestand der Kirchenmusik in unserem Pastoralen Raum zu gewährleisten. Dazu muss in der Pfarrkirche eine funktionierende und den musikalischen Bedürfnissen angepasste Orgel vorhanden sein.“ Wenn Jochen Noehles anfängt, über das Orgelbauprojekt in Brandenburg an der Havel zu sprechen, sprudelt es aus ihm heraus. Kein Wunder, denn der nebenberufliche Organist und ursprünglich gelernte Orgelbauer kann auf der vorhandenen Orgel zur Begleitung des Gemeindegesangs oft nur zwei bis drei Register nutzen, und auch das wird immer schwerer: Die Klaviatur ist ausgeschlagen, die Traktur schwergängig, das Pfeifenwerk stark verunreinigt. Er stellt fest: „Oratorien oder andere Werke musikalisch höherer Qualität sind hier gar nicht spielbar.“

 

Aktuelle Orgel am Ende ihrer Lebenszeit

Die Kirche Heilige Dreifaltigkeit war im zweiten Weltkrieg ausgebrannt, dabei fiel auch die Orgel den Flammen zum Opfer. So war im Jahr 1968 die einmanualige Universalorgel mit sechs Registern, die die Gemeinde bekam, eine Bereicherung, wenn sie auch nicht auf den Kirchenraum abgestimmt und ihre Materialqualität begrenzt war. Nun ist das Ende ihrer Lebenszeit absehbar. Weitere Investitionen in den Erhalt wären nicht wirtschaftlich.

Seit dem Herbst 2013 beschäftigt sich die Gemeinde mit dem Gedanken an eine Nachfolgerin, es gab Fachvorträge und Informationsveranstaltungen. „Zunächst waren die Reaktionen der Gemeinde gemischt. Viele sagten: Aber wir haben doch eine Orgel“, erinnert sich Pfarrer Matthias Patzelt. In einer Konzertreihe wurde dann jeweils das gleiche Stück erst in Heilige Dreifaltigkeit, dann in der benachbarten evangelischen St. Katharinenkirche gespielt. Danach sprachen sich 80 Prozent einer Gemeindeversammlung für die neue Orgel aus.

Die Gemeinde prüfte mit Unterstützung des Orgelsachverständigen des Erzbistums, Norbert Gembaczka, verschiedene Möglichkeiten. „In Zeiten von Sparzwängen ist ein Instrument aus zweiter Hand eine echte Alternative“, sagt Noehles. Die für den technischen Neubau veranschlagten Kosten von etwa 230 000 Euro liegen über 100 000 Euro niedriger als für einem kompletten Neubau. Darüber hinaus sei das Pfeifenmaterial gerade historischer englischer Orgeln um ein Vielfaches besser als alles, was man derzeit neu erwerben könne, weiß Orgelexperte Noehles. „Orgeln aus England sind besonders reizvoll, sie sind weicher in der Intonation und grundtöniger als deutsche Orgeln. Aufgrund ihres charmanten Klanges eignen sie sich besser für die Begleitung des Gemeindegesangs“, so der gelernte Orgelbauer. Abgesehen davon passe ein englisches Instrument zu den Fenstern des englischen Künstlers Graham Jones, deren Finanzierung der Kirchenbauverein vor 15 Jahren erreichte.

Fündig wurde man in der Christchurch in Woking bei London: Die anglikanische Gemeinde gestaltet ihr Gotteshaus derzeit um und benötigt ihre Orgel danach nicht mehr. „Ein wichtiger Faktor ist, dass der Kirchenraum der Christchurch unserem vergleichbar ist“, weiß Noehles. Er reiste mit dem Orgelsachverständigen nach England, um die Orgel ausgiebig zu begutachten. Inzwischen hat der Bau- und Förderverein der Gemeinde das Instrument aus Eigenmitteln erworben. Das Pfeifenmaterial wurde in den letzten Wochen demontiert, nach Deutschland gebracht und fachgerecht von einem Orgelbauer eingelagert.

 

Modernes Instrument mit fahrbarem Spieltisch

Nun steht der Gemeinde noch der größere Schritt bevor: Die finanziellen Mittel für den Neuaufbau zusammenzutragen. Aus den 15 klingenden Registern soll in Kombination mit moderner technischer Ausstattung ein neues Instrument mit romantisch-symphonischem Klangbild entstehen. Sie soll neben der Möglichkeit der Verbindung mit elektronischen Instrumenten auch einen fahrbaren Spieltisch bekommen, der im Kirchenschiff aufgestellt und über Netzwerkkabel mit der Orgel verbunden werden kann. „Im gesamten deutschsprachigen Raum wird dieses Orgelkonzept einzigartig sein“, steht dem Organisten die Vorfreude ins Gesicht geschrieben.

Dafür unternehmen Bauverein und Orgelteam Etliches: Eine „Spendenpfeife“, selbstgebaut aus einer Orgelpfeife, steht in der Kirche als Informationsgeber und Spardose. Verschiedenste Musiker tragen mit Benefizkonzerten und regelmäßigen „Musikalischen Perlen“ während der Gottesdienste in der Pfarrkirche und im gesamten Pastoralen Raum ihren Teil bei. Nach den Gottesdiensten wird regelmäßig die Kaffeetafel zugunsten der Orgelerneuerung gedeckt. Die Brandenburgische Landesregierung hat ihre Unterstützung in Aussicht gestellt, über Stiftungen sollen weitere Fördermittel eingeworben werden. Trotzdem ist klar: „Ohne Großspenden wird es nicht gehen“, zeigt sich der Pfarrer realistisch. Dafür werden auch Pfeifen- und Registerpatenschaften vergeben. Einig sind sich beide Männer mit dem ganzen Orgelteam: „Für unsere neue Orgel ziehen wir alle Register.“