Eine Eisenbahn für „Bubi“

Die alte Hedwigskirche vor ihrer Zerstörung. Foto: Picture Alliance

Joachim Czarnecki hat am Lesertelefon von seinen Erinnerungen an die alte Hedwigskirche erzählt. Er wurde im Dompfarrhaus neben der Kirche geboren. Als Neunjähriger hat er erlebt, wie sie nach einem Bombenangriff ausbrannte.

Manche seiner Erinnerungen wirken noch so frisch, als wäre alles erst gestern passiert: Kurz vor Joachim Czarneckis Erstkommunion wurde die Hedwigskirche von einer Brandbombe getroffen. Vater Czarnecki war Pförtner in der Dompropstei und – seit Bischof Preysings Chauffeure beide zum Militärdienst eingezogen wurden – auch Bischofs-Hilfsfahrer.

Den Jungen und seine Mutter hatte der Vater, wie immer bei Fliegeralarm, in den große Bunker bei der nahe gelegenen Reichsbank geschickt. Walter Czarnecki hatte die Bombardierung wie gewöhnlich im Heizungskeller abgewartet. Nach dem Angriff wollte er noch löschen und versuchte, zum Brandherd an einer Luke am Ran der Kuppel vorzudringen. Da der Qualm immer mehr zunahm und das Dach eine unerträgliche Hitze ausstrahlte, musste er jedoch bald aufgeben.

Als Joachim Czarnecki aus dem Bunker kam, sah er die brennende Kirche. Er richtete seinen Blick zum großen Kreuz oben auf der Laterne der Kuppel und nahm wahr, wie es sich zu bewegen begann: „Einmal nach links, dann nach rechts, dann stürzte es herunter ...“

Ein zweites Zuhause bei den Ordensschwestern im Pfarrbüro

Mindestens ebenso lebendig stehen ihm die Erlebnisse vor Augen, die er zuvor in der Hedwigskirche und vor allem im Haus daneben hatte: Hinter der katholischen Kirche 3 – die Adresse des heutigen Bernhard-Lichtenberg-Hauses – war seine Wohnadresse von Geburt an. Nicht nur die Prälaten Lichtenberg, Weber, Strehler und Banasch bewohnten das Dompfarrhaus, sondern eben auch der Pförtner Walter Carnecki mit seiner Frau, zwei Töchtern und dem Nesthäkchen Joachim.

„Ich war der Hahn im Korb“, erzählt Joachim Carnecki mit einem Schmunzeln. „und zwar nicht nur in der eigenen Familie, sondern auch im Pfarrbüro bei den Ordensschwestern Luzia und Nathanaela. Wenn meine Mutter mich suchte, konnte sie mich fast immer dort finden. Ich habe mich dort zu Hause gefühlt, und ich glaube, die Schwestern hatten ihren Spaß mit mir. Schon vor der Erstkommunion hatte er in der Hedwigskirche seine ersten Ministrier-Versuche machen dürfen. Besonders gut kann sich der heute 87-Jährige an Dompropst Bernhard Lichtenberg erinnern:

Lebhafte Erinnerungen an Prälat Bernhard Lichtenberg

„Ich sehe ihn noch vor mir, wie er morgens auf dem Bürgersteig auf und ab ging und sein Brevier betete, mit seinem großen Hut und dem langen Mantel mit den vielen Knöpfen. Er war immer sehr nett zu mir, und einmal hat er mir eine Eisenbahn zu Weihnachten geschenkt.“

Dass Prälat Lichtenberg von der Gestapo verhaftet worden war, hatten die Eltern ihrem Jüngsten sicherheitshalber nicht erzählt. Von seinem Schicksal erfuhr er erst nach dem Krieg. Dass Lichtenberg trotzdem weiter an ihn dachte, ist seinen Briefen aus der Gefangenschaft zu entnehmen. In den Briefen, die im erzbischöflichen Archiv erhalten sind, weist er seine Mitarbeiterin an, viele seiner Bekannten mit Weihnachtsgeschenken zu bedenken – auf der langen Liste steht auch der kleine Joachim. Für „Bubi“, wie Lichtenberg ihn nannte, soll die Ordensfrau einen bunten Teller und Weihnachtsbücher besorgen.

Die Erstkommunion fand übrigens trotzdem statt, und zwar im Ausweichdomizil, das die Regierung der Domgemeinde zur Verfügung gestellt hatte, der Singakademie neben dem Brandenburger Tor.

In seinem Geburtszimmer entstand später das Hedwigs-Blatt

Familie Czarnecki verschlug es zum Kriegsende nach Vorpommern. Später zog Joachim Czarnecki nach Leipzig und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung als Kurierfahrer und Hausmeister für den St.-Benno-Verlag. Einer seiner Büchertransporte führte ihn eines Tages in die Redaktionsräume des Berliner Hedwigs-Blatts.

Sein verdutzter Gesichtsausdruck, mit dem er sich dort umschaute, blieb der Mitarbeiterin des damaligen Chef-Redakteurs Prälat Gerhard Lange nicht verborgen. „Der Prälat sitzt genau in der Ecke, in der ich geboren wurde“, gab er ihr zur Antwort.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert wohnt Joachim Czarnecki im Bistum Hildesheim. In den letzten Jahren gehen seine Gedanken immer häufiger zurück an den Ort seiner Kindheit.