Endlich wieder komplett

Klang- und Belastungsprobe zugleich: Die Jüngsten durften schon während des Gottesdienstes ran. Gewidmet sind die vier Glocken der Gottesmutter Maria, der heiligen Hedwig, dem heiligen Josef und dem seligen Märtyrer Bernhard Lichtenberg. Foto: Schilde

Die Kirche St. Mariä Himmelfahrt mit ihrem spitzen Turm ist in Schwedt schon immer unübersehbar, doch etwas fehlte seit über hundert Jahren: Glockenklang. Dieser Zustand ist nun Vergangenheit. 

So gut gefüllt waren die Bänke in der Kirche St. Mariä Himmelfahrt im uckermärkischen Schwedt schon lange nicht mehr. Über 200 Menschen waren am Tag der deutschen Einheit gekommen, um einem Ereignis historischen Ausmaßes für das Gotteshaus und seine Gemeinde beizuwohnen: der Weihe vier neuer Kirchenglocken, den ersten seit dem Kriegsjahr 1917.

Damals waren die Glocken der beiden großen Kirchen in der Stadt, St. Mariä Himmelfahrt und der evangelischen St. Katharinen, allesamt der deutschen Rüstungsindustrie zum Opfer gefallen. Man schmolz sie ein und fertigte Kanonen aus ihnen. Während die evangelischen Ortsnachbarn drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges wieder neue Glocken erhielten, waren bisher alle Versuche der Schwedter Katholiken, ihrer Kirche zu neuem Klang zu verhelfen, gescheitert. Besonders zwei Schwedter dachten dennoch nicht ans Aufgeben: Pfarrsekretär Gerhard Dyrba und Diakon Georg Richter.

„Es war bisher immer traurig, quasi schweigend in die Kirche ein- und auszugehen. Da haben wir gesagt: Wir müssen was tun“, sagte Gerhard Dyrba. Den Aufschwung in der Region vor zwei Jahren wollten die beiden nutzen, um das nötige Geld zu beschaffen. Die Bemühungen liefen gut an, bis Corona kam und das Vorhaben ins Stocken geriet. Doch man ließ sich nicht entmutigen und blieb am Ball. Mit Erfolg: Dank der Unterstützung von der Stiftung „Maßwerk“, Stadt und Land, Wirtschaft, Erzbistum Berlin, den Gläubigen – auch aus den Nachbargemeinden – und nicht zuletzt aus der breiten Schwedter Bürgerschaft konnten sie die 175 000 Euro zusammentragen.

Beim Gießen der Glocken im Münsterländischen Gescher war eine Delegation Schwedter live dabei und verfolgte, wie die flüssige Bronze in die Grube eingelassen wurde. Für die Gemeinde hat sich mit der Wahl der Gießerei ein Kreis geschlossen, denn die beauftragte Firma Petit & Gebr. Edelbrock hatte vor 120 Jahren schon die ursprünglichen Glocken hergestellt. „Das zu begleiten, waren schon erhebende Momente“, sagte Kerstin Ziesche, Leiterin des Gemeindechors, die sich zudem über den ersten gemeinsamen Gesangsauftritt mit ihren Freunden nach anderthalbjähriger Unterbrechung freute.

Für Erzbischof Heiner Koch, der den Festgottesdienst leitete, stehen die Glocken „in gewisser Weise symbolisch für das Leben und die Gemeinschaft“. Jede für sich sei „einzigartig und wertvoll, mit ihrem ganz eigenen Klang“. Allerdings können sie „nur zusammen mit den anderen“ ihre volle Wirkung entfalten, so der Erzbischof in seiner Predigt.

Mitinitiator Georg Richter freute sich über die Glocken, aber auch über den Zuspruch der Menschen vor Ort: „Es war schön, unsere Kirche mal wieder so voll zu sehen, fast wie in alten Zeiten.“ Für Mitstreiter Gerhard Dyrba war es ein Festtag, „aber auch ein Tag des Spannungsabfalls, denn das Projekt war wirklich nicht ohne“. Nicht ohne war auch die erste Belastungsprobe für die Glocken, denn beim Herausgehen durften alle Teilnehmer noch einmal den Hammer zum Klangtest schwingen. Prädikat: stabil und hörenswert. In zwei bis drei Wochen wandern die guten Stücke dann in den Kirchturm. Diesmal hoffentlich für immer.