Für Frieden und ToleranzDie vierte Lange Nacht der Religionen am 29. August

Die Katholiken seien zu zurückhaltend – das kritisierte Thomas Schimmel im vergangenen Jahr in Zusammenhang mit der Langen Nacht der Religionen, die er koordiniert. In diesem Jahr gibt es eine katholische Gruppe mehr: Den Berliner Diözesanverband des KDFB.

Wer Christ ist, trägt gesellschaftliche Verantwortung: Davon sind die Frauen des Katholischen Deutschen Frauenbundes Berlin (KDFB) überzeugt. Als die verstorbene Mutter Teresa einmal gefragt wurde, was sich nach ihrer Meinung in der Kirche ändern müsse, sagte sie: „Sie und ich!“ Das Helene-Weber- Haus, in das der KDFB zur Langen Nacht der Religionen einlädt, ist vor 83 Jahren aus diesem Geist heraus entstanden. Lesungen von Texten kirchenpolitisch engagierter Frauen – von Teresa von Avila, Hanna-Renate Laurien bis hin zu Frauen von heute – zeigen die lange Tradition, in der sie mit diesem Selbstverständnis stehen.

Als christliche Frauen, die sich immer wieder fragen, worauf es im Leben eigentlich ankommt, bieten sie den Gästen an diesem Abend auch ein „Politisches Nachtgebet“ an. „Wir wollen dabei gemeinsam bekunden, dass Verantwortung und Freiheit immer den Mitmenschen im Blick hat, nie auf Kosten des anderen auszuüben ist“, sagt Barbara John, Vorsitzende des KDFB Berlin. Die Frauenband „Les Belles du Swing“ tritt am Lietzensee auf.

Das Haus Helene Weber ist aber das ganze Jahr über ein Ort der Begegnung und des Austausches christlicher Frauen – ein Ort, wo Glaube in der Hauptstadt Raum gewinnt.

Neben dem KDFB sind auch Heiden am 29. August erstmals dabei. Heidnische Gruppen bei der Langen Nacht der Religionen? Ja, denn Heidentum steht nicht für Gott- oder Religionslosigkeit. Als Heiden bezeichnen sich Religionsangehörige, die in Europa vor der Christianisierung herrschten. Eldaring und „Pagane Wege und Gemeinschaften“ sind auch Gruppen, die sich auf indigene Religionen Europas beziehen. Nach der religiösen Überzeugung des Eldarings sind alle Wesen und Dinge sowohl entwicklungsgeschichtlich als auch im aktuellen Kreislauf der Natur miteinander verbunden. Zu den „Paganen Wegen und Gemeinschaften“ gehören in Deutschland die indigenen Religionen der Asatru (germanische Glaubensgemeinschaften) und Kelten, Slawisches Heidentum, Hexen und Wicca (glauben, dass der menschliche Geist Veränderungen herbeiführen kann), europäischer Schamanismus und Druiden.

Insgesamt öffnen 90 Kirchen, Synagogen, Moscheen, Tempel und Gemeindehäuser verschiedener Religionen bei der vierten Nacht der Religionen ihre Türen für Besucher und laden zu Ausstellungen, Konzerten, Gesprächsangeboten, Meditationen, Gottesdiensten und vielem anderen ein. An der Langen Nacht der Religionen beteiligen sich Gemeinden sowohl der großen Religionsgemeinschaften – die Evangelischen Landeskirche ist unter anderem im Berliner Dom präsent, der Islam in der Sehitlik-Moschee, das Judentum im Bildungszentrum Chabad, der Buddhismus im Tibetisch- Buddhistischen Zentrum oder die Hindu-Gemeinde Berlin – als auch zahlreiche kleine christliche Kirchen und Religionsgemeinschaften wie die Neuapostolische Kirche, die Bahai, die Aleviten oder die Sikhs. Neben den Religionsgemeinschaften nehmen auch interreligiöse Initiativen wie das „House of One“, die „franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog“ oder „Salaam-Schalom“ aus Neukölln teil.

Was und wie andere Menschen glauben

Die Religionsgemeinschaften zeigen an diesem Tag, was die Angehörigen ihrer Glaubensrichtung glauben und wie sie ihren Glauben leben. An diesem Tag wollen die unterschiedlichen Religionen mit Menschen anderer Weltanschauungen ins Gespräch kommen. Damit wollen sie Fremdheit und Vorurteile abbauen und einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in der vielfältigen Stadt Berlin leisten.

In der Moschee kann man mit Muslimen über die Bedeutung des Gebetes im Islam sprechen, in der Synagoge erfährt man, warum Juden eine Kippa tragen. In der Neuapostolischen Kirche kann man Chorkonzerten lauschen oder bei den Buddhisten den Weg zum inneren Frieden erlernen. Hindus, Sikhs, Protestanten und Katholiken, Quäker und interreligiöse Initiativen und heidnische Religionsgemeinschaften öffnen ihre Räume, die für Fremde oftmals verschlossen scheinen.

Das Programm, das die Religionen für diesen Abend auf die Beine gestellt haben, ist so vielfältig wie die religiöse Landschaft in Berlin. Kaum eine andere Stadt in Europa weist eine so große kulturelle Vielfalt auf wie Berlin. Mit ihren über 250 Religionsgemeinschaften gehört die Stadt zu den multireligiösen Zentren.

Friede und Liebe als Kernthema aller Religionen

„Durch religiös motivierten Terror und Gewalt wird in den letzten Monaten wieder verstärkt diskutiert, ob Religionen Friedens- und Integrationsfähig sind“, sagt Thomas Schimmel, Koordinator der Langen Nacht der Religionen. „Die Lange Nacht der Religionen zeigt ein anderes Bild: Für alle Religionen sind der Frieden und die Liebe zwischen den Menschen und ihr Weg zum Glück das Kernthema.“

Die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in Berlin würden durch ihre Arbeit einen konstruktiven Beitrag zur friedlichen Entwicklung der multikulturellen und -religiösen Gesellschaft leisten. „Im Leben geht es um mehr als nur Arbeiten und Konsumieren: Das macht ihr Fokus auf vielfältige Formen der Spiritualität deutlich“, betont Schimmel. „Der Mensch ist vielmehr ein Wesen, das Gerechtigkeit, Glück und Frieden sucht und nicht Reichtum, Unterdrückung und Krieg. Nur extremistische oder fundamentalistische Minderheiten predigen Gewalt, Unfrieden und Intoleranz – einzig ihre Lautstärke ist es, die den Eindruck vermittelt, für die Mehrheit zu sprechen.“ Die Lange Nacht der Religionen setze diesem Eindruck die Realität entgegen.  

Programmpunkte mit katholischem Bezug   

  • 14.30 bis 16 Uhr: „Religionstoleranz oder wirtschaftspolitisches Kalkül? Die Friedrichstadtkirche und die Hedwigskirche“. Stadtund Kirchenführung vom Gendarmenmarkt zum Bebelplatz und zurück. Treffpunkt: Treppe am Französischen Dom (Aufgang zum Glockenturm), Gendarmenmarkt 1-5 in Berlin-Mitte – Ein Angebot von: Kathedralforum an der St.-Hedwigs-Kathedrale/ Französische Kirche Berlin/ franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog e.V.
  • 17.15 bis 17.45 Uhr: Einführung in den katholischen Gottesdienst im Bernhard-Lichtenberg-Haus (Bettina Birkner/Dr. Thomas M. Schimmel), 18 bis 19 Uhr: heilige Messe. 19 bis 20 Uhr: Gespräch im Foyer des Bernhard-Lichtenberg- Hauses. Ort: Hedwigkirchgasse 3 in Berlin-Mitte – Ein Angebot von: Franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog e.V./Kathedralforum an der St.-Hedwigs-Kathedrale
  • 18 bis 22 Uhr: Halbstündliche Lesungen von Texten kirchenpolitisch engagierter Frauen, Führungen zur Verbands- und Hausgeschichte und ein „Politisches Nachtgebet“ um 20.30 Uhr. Während des ganzen Abends besteht die Möglichkeit, bei Getränken und Snacks mit engagierten Frauenbundsfrauen ins Gespräch zu kommen. Ort: Wundtstr. 40-44 in Berlin-Charlottenburg – Ein Angebot von: Katholischer Deutscher Frauenbund Diözesanverband Berlin e.V. und das Haus Helene Weber in Berlin
  • 18 Uhr: Vesper, 18.20 Uhr: Führung über das Klostergelände und durch die Suppenküche mit Br. Natanael Ganter OFM, 19 bis 20 Uhr: Gespräch über Franz von Assisi, das Leben der Franziskanerbrüder und die Option für die Armen mit Br. Dr. Hermann Schalück OFM und Br. Natanael Ganter OFM, 22 Uhr Komplet und Abendsegen mit Bruder Hermann Schalück OFM und Bruder Andreas Brands OFM. Ort: Wollankstraße 19 in Berlin-Pankow – Ein Angebot von: Franziskanerkloster Pankow/franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog
  • 19 bis 22 Uhr: „The Peacemakers… Frieden allen Menschen!“ Aus allen Kulturen der Welt Texte und passende Musik dazu. Zuhören und sich inspirieren lassen; man kommt und bleibt, solange man möchte. Ort: Alt Rudow 46 in Berlin-Rudow – Ein Angebot von: Katholische Kirche St. Joseph Berlin Rudow

Das vollständige Programm für die vierte Lange Nacht der Religionen gibt es im Internet unter www.nachtderreligionen.de. Es kann aber auch unter der Telefonnummer 01 76 / 87 53 00 74 (dienstags und mittwochs zwischen 10 und 16 Uhr) oder unter der E-Mail-Adresse post(ät)nachtderreligionen.de  bestellt werden.