Gegen eine Empörungs-Rhetorik

Foto: Caritas Berlin

Bei einem Caritas-Werkstattgespräch mit Armutsexperten, der Berliner Sozialsenatorin und der Caritasdirektorin ging es im Speisesaal einer Suppenküche um das Thema Armut in Deutschland.

Boomt die Armut in Berlin und Deutschland? Welche Fakten, Positionen, Gegenstrategien sind zukunftsweisend? Um diese Fragen drehte sich ein Werkstattgespräch auf Einladung des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin. Im Speisesaal der Suppenküche der Franziskaner diskutierten Professor Georg Cremer, Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, und Elke Breitenbach (Die LINKE), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales im Berliner Senat. Nach einer Einführung in das
Thema wies Franziskanerbruder Andreas Brands auf die Geschichte dieses besonderen Ortes hin. „Seit 26 Jahren ist die Suppenküche Heimat für viele Menschen ohne Heimat.“

Zusammen mit Franziskanerpater Gregor Wagner und Bernd Backhaus, Leiter der Suppenküche, verwies er stolz auf dieses „Herzstück seit 2004“. Durch die großen Fenster zu allen Seiten komme „viel Welt“ in den Raum hinein. So könnten ihre Gäste von der Straße, die oft aus dem üblichen Rahmen fallen, leichter Kontakt zur „normalen Welt“ knüpfen.

Skandalisierung meiden – Potenziale nutzen

In einem weit ausholenden akademischen Überblick referierte Cremer über die „relative Armut in Deutschland“. Er warnte vor Skandalisierung und Fehlinterpretation von Armut. „Wir haben ungenutzte Potenziale im Sozialstaat, die dringend zu heben sind.“ Arbeit müsse sich auch im Alter gelohnt haben. Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sei für alle Gruppen der Bevölkerung das Ziel.

Breitenbach, seit 100 Tagen als Senatorin im Amt, nahm Berlin als „Stadt der alleinerziehenden Frauen ohne Chance“ in den Blick. Sie unterlägen einer „strukturellen Diskriminierung“ in einer Generation ohne Planbarkeit des Lebens. Die soziale Ungleichheit wachse, die Schere zwischen Arm und Reich lasse sich nur durch eine weitere Anhebung des Mindestlohns verkleinern. Zu groß seien auch die Vorurteile bei einer Bewerbung von „Ali“ oder „Hans“ um eine Arbeitsstelle. Sie plädierte daher für anonymisierte Bewerbungsverfahren.

Auch wenn er „weder Prophet noch Zauberer“ sei, forderte Cremer viele kleine Maßnahmen im Bereich Bildung und präventive Hilfen für Sozialempfänger. Breitenbach betonte die Chancen der „Kreativ-Wirtschaft“ in Berlin und forderte ein neues Tarifsystem. Bei den Themen bedingungsloses
Grundeinkommen und Mindestlohn zeigten sich Unterschiede zwischen beiden.

Beifall gegen den Untergang

Caritasdirektorin Ulrike Kostka nahm eine weitere interkulturelle Öffnung ihres Verbandes in den Blick. Trotz vieler Unwägbarkeiten – wie die Digitalisierung und Umgestaltung der Arbeitswelt – sei eine „Untergangs-Rhetorik“ fehl am Platz. „Der Untergang ist nicht unausweichlich.“

Dieser Satz fand den meisten Beifall des Abends. Auch künftig wird es in der Suppenküche Werkstattgespräche über Sozialpolitik, EU und Armut geben.