Gott trifft ins Schwarze

Einst Schauplatz dramatischer Abschiede, heute ein Ort, an dem das Elend der Obdachlosigkeit sichtbar wird: der Bahnhof Friedrichstraße. Foto: Wanzek

„Gott bleibt den Menschen im stetigen Wandel des Lebens und besonders im Leid nahe.“ Von dieser Überzeugung lässt sich Pater Manfred Kollig auch bei einem Berlin-Spaziergang in der Reihe „Drei Orte in meiner Stadt“ leiten.

„Die Welt verändert sich, auch wenn viele sich dagegen sträuben. Keiner von uns ist, wenn er morgens aufwacht, noch genau derselbe wie abends zuvor“, sagt Pater Manfred Kollig, Generalvikar des Erzbistums Berlin. „Wenn sich die Welt wandelt, muss sich auch unsere christliche Botschaft darauf einstellen“, ist er überzeugt. Für seine Stadt-Führung wenige Tage vor seinem 40. Weihetag hat er drei Orte ausgewählt, an denen Veränderung für ihn besonders greifbar wird.

Er startet im Osten der Stadt, am Alexanderplatz, unter dem Fernsehturm. Als die DDR ihn vor 52 Jahren in Betrieb nahm, war er mit 368 Metern der höchste Turm Europas, ein technisches Meisterwerk, das den Handwerkersohn, dessen Verwandte größtenteils auf einem Dorf bei Koblenz leben, schon bei einer Berlin-Schulfahrt in der zehnten Klasse beeindruckt hat. Mittlerweile steht der Fernsehturm mit seiner Länge nur noch auf Platz vier, die Abhöranlage, auf die der Westberliner Stadtführer die Zehntklässler vormals hinwies, ist längst außer Betrieb. Zur Weltmeisterschaft 2006 erstrahlte die Turmkugel im Sechseck-Muster eines Fußballs, erinnert sich Pater Manfred. „Veränderungen wie diese können wir gestalten, andere müssen wir hinnehmen und uns dazu verhalten“, kommentiert er.

Am heutigen Karwochentag zeichnet sich, wie an jedem Sonnentag, auf der Kugel das Kreuz ab, über das sich DDR-Obere einst ärgerten. Manfred Kollig freut sich über dieses christliche Glaubenszeugnis, das ohne kirchliche Planung und ohne einen Cent Kirchensteuern einfach da ist. Weithin sichtbar, an einem der zehn meist besuchten Touristenziele Deutschlands und nur dann, wenn – wie symbolträchtig! – die Sonne scheint. „Oft übersehen wir, dass uns vieles im Leben einfach geschenkt wird. Auch in der Kirche täten wir gut daran, uns selbst und unsere Planungen nicht gar so wichtig zu nehmen“, meint der Arnsteiner Pater.

Die Erfahrung, unverdient etwas geschenkt zu bekommen, wünscht er allen Menschen. In der Adventszeit hat er begonnen, immer einige Euromünzen griffbereit zu halten. Er beschenkt damit Bedürftige, die ihm unterwegs in der Stadt begegnen. Vor Weihnachten hatte er zudem einige Beutel mit selbst gebackenen Plätzchen einstecken, vor Ostern ein paar Ostereier. „Über mein Gebäck haben sich manche noch mehr gefreut als über das Geld“, hat der Pater beobachtet. Sich von einem Geschenk überraschen zu lassen, könne dort, wo zuvor alles erstarrt schien, neue Lebendigkeit hervorlocken. Mit einem freudigen Ausruf nimmt er kurz darauf die zarten rosafarbenen Blüten wahr, die auf dem Weg zwischen den grauen Pflasterplatten hervorsprießen. „Von solchen Lebenszeichen lasse auch ich mich gerne beschenken!“

Bei Jesus war die Lehre an das Erleben geknüpft

Auch wenn die Nacht längst vorüber ist, liegen in der Unterführung am Bahnhof Friedrichstraße noch einige Obdachlose in ihren Schlafsäcken. Auch hier ein Ort der Veränderung. Heute kann man hier über das Elend derer weinen, die im Leben keine Chance bekommen haben oder sie nicht zu nutzen wussten. Wenige Meter weiter zeugt der „Tränenpalast“ von Trennungstragödien, die sich bis 1989 am Grenzbahnhof an der Berliner Mauer abspielten. Mehr als 200 Menschen sollen hier allein in Folge von Stress gestorben sein, weiß Manfred Kollig. Er selbst kann sich noch an die bedrückende Atmosphäre erinnern, die er auf seiner Klassenfahrt an dieser Stelle empfunden hat. Den dunklen Gang zwischen den beiden Teilen Deutschlands musste jeder Schüler für sich allein durchschreiten.

Einen Satz des Künstlers Josef Beuys hat Kollig schon in seiner vorherigen Aufgabe als Seelsorgeamtsleiter des Bistums Münster gerne zitiert: „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.“ Gott ist den Menschen dort nahe, wo das Leben spielt, sagt ihm dieses Zitat, auf der Straße, an den Orten der Tränen und der Verzweiflung. Jesus habe kein philosophisches Lehrgebäude errichtet. Er habe mit seinen Jüngern gelebt. Seine Lehre bestand darin, das gemeinsam Erlebte zu deuten. „Dass Erleben und Lehren eine Einheit bilden müssen, haben wir teilweise verlernt“, bedauert der Pater.

Auch die Liturgie lebe von ihrer Verankerung im Alltag. Mit sakramentalen Feiern sei es wie mit runden Geburtstagen der Oma: „Wir brauchen solche Feste, um ihr zu zeigen, was sie uns bedeutet. Ob sie uns wirklich wichtig ist, zeigt sich aber im Alltag.“ Sein bevorstehendes Priesterjubiläum will er übrigens nur mit einem Gottesdienst feiern, solidarisch mit all denen, die zurzeit auf große Familienfeste verzichten müssen. Wer an einen Gott glaube, der Mensch wurde, nicht in einem Palast, sondern in armen Verhältnissen, der könne doch keine Privilegien für sich beanspruchen!

„Die Welt ist Gottes so voll“

Mit dem Bus geht es an den dritten Ort seiner Berlin-Tour, zur Kirche Regina Martyrum im Westen der Stadt. Neben dieser Kirche wohnt der Generalvikar. Mit Rücksicht auf die Flugsicherheit am nahen Flughafen Tegel musste der Kirchturm Anfang der 60er Jahre zwanzig Meter niedriger gebaut werden als geplant.

Tegel ist außer Betrieb, Karmelitinnen halten in der geräumigen Betonkirche weiterhin das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wach und an die katholischen und evangelischen Christen, die im Widerstand ihr Leben riskierten. Besonders nah fühlt sich Manfred Kollig dem Jesuiten Alfred Delp, der im Gefängnis mit gefesselten Händen schrieb: „Die Welt ist Gottes so voll.“

Das Kirchengelände ist voller Symbole, die ausdrücken, was der Arnsteiner Pater von jeher als Kern seines Glaubens versteht: Die Dornenkrone, die den Altar im Kirchhof trägt, die goldglänzende Skulptur über dem Kirchenportal, Ausdruck einer Erlösungs-Vision für eine bedrohte Erde, das Osterlamm als einziger Ruhepol im Zentrum des Altarbilds – alles spricht von seiner Überzeugung, dass Leiden im Christsein zentral ist, ohne dass man es eigens suchen muss. „Gott treffe ich nicht nur auf den goldigen Flächen des Lebens an“, hat er seinen Religionsschülern oft gesagt, „sondern gerade im Schwarzen.“

Wenn er auf die aktuelle Pandemie zu sprechen kommt, wird Pater Manfred nachdenklich: „Jetzt hätten wir die Chance, das zu bezeugen. Nutzen wir sie wirklich? ...“