Gottes Liebe ist ohne Vorbehalt

Schwester Hannelore und Ulrike Kostka vor dem Vorhang der Erinnerung im Tauwerk-Büro. Fotos: Dorothee Wanzek

Ulrike Kostka leitet seit 2012 den Caritasverband für das Erzbistum Berlin. Kurz nach ihrem 50. Geburtstag hat sie sich zu einem Stadtspaziergang überreden lassen. In der Reihe „Drei Orte in meiner Stadt“ führt sie durch Berlin.


Die Caritas kann nicht alle Not der Stadt lindern, da hat sich Ulrike Kostka nie Illusionen gemacht. Schon wenn sie sich von ihrem Dienstsitz im Wedding zur nächst gelegenen U-Bahn-Station Osloer Straße begibt, schlagen ihr Berlins ungelöste Probleme komprimiert entgegen: Armut, Krankheit und Obdachlosigkeit, Drogenhandel und Prostitution ... An diesem Vormittag scheint es, nachdem ein junger Mann russische Schimpfwörter brüllend in der nächsten Bahn verschwunden ist, gerade einmal ruhig zwischen den Bahnschächten und Imbissläden.

„Bevor ich nach Berlin kam, kannte ich Armut nur von meinen Auslandsaufenthalten mit dem Deutschen Caritasverband“, erinnert sich die Caritas-Direktorin. Gleich zwei Morde innerhalb kurzer Zeit in ihrer nächsten Umgebung taten ihr übriges, dass sie ihre „Landung“ in der Hauptstadt „schon ein bisschen schockierend“ empfand. Mittlerweile hat sie sich an vieles gewöhnt, abgestumpft fühlt sie sich aber nicht. „Ich habe feinere Sensoren für Armut entwickelt“, glaubt die gebürtige Niedersächsin. „Jetzt kann ich sie überall wahrnehmen, wo ich hinkomme, auch als Urlauberin im Allgäu.“ Sie sehe jetzt auch weniger die Not an sich als ihre Gesichter, einzelne Menschen mit ihren Schicksalen, erzählt sie und erwidert den Gruß eines langhaarigen alten Mannes, der ihr aus einem Bus-Wartehäuschen zuwinkt.

„Bei Ihnen habe ich ein anderes Gesicht von Kirche kennengelernt!“

Welche Aufgaben soll die Caritas fortführen, welche neu übernehmen? – für Ulrike Kostka ist das oft keine einfache Entscheidung. Manches, was ihr wünschenswert schiene, scheitert an fehlenden Finanzierungs-Möglichkeiten. „Dort, wo wir nicht unmittelbar helfen können, versuchen wir, auf politischem Weg zu mehr sozialem Ausgleich beizutragen“, ist der Außerordentlichen Professorin für Moraltheologie wichtig. Und dann gebe es in Berlin ja noch das karitative Engagement der Gemeinden und all die anderen Träger, die wertvolle soziale Arbeit leisten, darunter auch manche christliche.

Im Stadtteil Pankow, einige Autominuten entfernt, warten die gastfreundlichen Mauritzer Franziskanerinnen mit Kaffee und Kuchen. So wie Ulrike Kostka es bei ihnen erlebt, findet sie kirchliches Engagement stimmig: „Sie gehen so fröhlich und vorurteilsfrei auf jeden Menschen zu. Auch Gott unterzieht uns schließlich keinem TÜV. Er liebt uns ohne Vorbedingungen.“ Die Schwestern Hannelore Huesmann und Juvenalis Lammers haben 1997 den auf Aids-Kranke spezialisierten ambulanten Hospizdienst Tauwerk ins Leben gerufen. Sie hatten mitbekommen, dass es diesen Kranken gegenüber sogar unter medizinischen Fachkräften noch viel Scheu und Unsicherheit gibt. Gemeinsam mit Schwester Margret Steggemann und Nero – einem pensionierten Blindenführhund aus dem Nachlass eines Freundes – leben sie heute in einer Pankower Mietwohnung.

Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich das Tauwerk-Büro. Von hier aus koordiniert Schwester Hannelore mit einer Kollegin die Arbeit der ehrenamtlichen Hospizbegleiter. An einem Vorhang sind die Vornamen und Sterbetage aller Patienten verewigt, die Tauwerk im Sterben begleitet hat – eine bunte Mischung aus Menschen mit normalen Bürojobs und Künstlern, bis hin zu Drogenabhängigen am Rande der Wohnungslosigkeit. Ihre Begleitung erstreckt sich nicht selten über Jahre, der Krankheitsverlauf lässt sich schwer vorhersehen.

Bei einigen von ihnen hat der Einsatz der katholischen Schwestern auch die Sicht auf die Kirche verändert, von der sie sich zuvor verurteilt, abgewertet und ausgegrenzt fühlten. Die Rückmeldung eines Patienten in ihrem früheren Einsatzgebiet hatte Schwester Juvenalis überhaupt erst auf die Idee gebracht, sich künftig Aids-Kranken zu widmen. „Ich habe bei Ihnen ein anderes Gesicht von Kirche kennengelernt“, hatte der todkranke Homosexuelle ihr gesagt. Ein anderer Patient rückte nach monatelanger Begleitung von seinem mehrfach angekündigten Vorhaben ab, aus der katholischen Kirche auszutreten: „Wenn es Menschen wie euch gibt, brauche ich doch nicht mehr austreten!“

„Wir sind dann aber auch die ersten, die es ausbaden, wenn der Vatikan sein Segensverbot für Homosexuelle bekräftigt“, bedauert die Franziskanerin. Dass der Berliner Caritasverband einige Tage zuvor in seinen Einrichtungen von Rügen bis Frankfurt an der Oder Regenbogenfahnen als Zeichen für Vielfalt gehisst hat, freut sie hingegen.

Staunen und still werden vor dem Horizont der Lübarser Aue

„Viele homosexuelle Paare leben in zutiefst verantwortlichen Beziehungen und tragen einander in guten und schlechten Zeiten. Es war uns wichtig, hier auch als Institution klar Position zu beziehen“, erläutert die Caritas-Direktorin. Sie findet es wichtig, in der Kirche die Sprachfähigkeit über unterschiedliche Lebensentwürfe zu stärken. Für die Ehe einzustehen und zugleich die Liebe schwuler und lesbischer Paare wertzuschätzen, sieht sie keinesfalls als Widerspruch.

„Die Schwestern sind für mich auch ein wichtiger Gebetsrückhalt“, sagt Ulrike Kostka auf dem Weg zu ihrem spirituellen Rückzugsort im Norden der Stadt. „In schwierigen Entscheidungen oder wenn wir als Verband politisch etwas zu bewegen versuchen, brauchen wir eine Gebetsmannschaft im Hintergrund. So mancher Knoten hat sich auf diesem Wege schon gelöst.“ Da nicht nur das eigene Team als Beter oder Daumen-Drücker zu mobilisieren, sondern auch Ordensschwestern und -brüder, liegt ihr besonders nahe. Sie hatte sich selbst als junge Frau mit dem Gedanken getragen, Vinzentinerin zu werden und verbrachte ein Jahr als Postulantin in einem Kloster. In Berlin gebe es eine große Zahl von älteren Ordenschristen. Die seien froh, dass sie regelmäßig einbezogen werden in die Themen, die den Aktiven im Caritasverband gerade unter den Nägeln brennen.

Ulrike Kostkas eigenes geistliches Leben hat sich in letzter Zeit ein Stück in die Natur verlagert. Vor drei Jahren ist sie aus einem sozialen Brennpunkt in eine ländliche Stadtrandidylle gezogen, mit Gärtchen, Vogelvoliere und seit einem halben Jahr mit dem fröhlichen Hund Charly. Morgens und abends zieht es sie mit ihm zu einem Spaziergang durch die Lübarser Auen. Tagsüber folgt oft eine Sitzung auf die nächste. Die Weite, der Blick auf den Horizont lässt sie zur stillen und staunenden Zuhörerin werden, tiefer durchatmen und alles, worum sie gerade ringt, ins Gebet nehmen. Zum Staunen bringen sie hier nicht nur die Wunder der Schöpfung. Direkt an der ehemaligen DDR-Grenze wird ihr auch immer wieder das Wunder des Mauerfalls bewusst, ausgelöst durch den Mut unzähliger Menschen.

Auch sie möchte etwas bewegen, möchte Kirche und Gesellschaft mitgestalten und andere zum Mittun bewegen. In ihrer Heimatstadt Celle hatte sie Kirche als Ort kennengelernt, an dem sie sich mit all ihren Fähigkeiten einbringen konnte. Schon als 16-Jährige war sie zum Beispiel im Pfarrgemeinderat engagiert und durfte auch predigen. Als Caritas-Direktorin für das Erzbistum hat sie nun weitaus größere Gestaltungsmöglichkeiten. Sie möchte sie nutzen, damit viele Menschen die Liebe Gottes erfahren.