Hand in Hand für Lebensfreude Die Brandenburgerin Olga Schmidt freut sich, im Alter nicht alleine zu sein

Ein Bild voller Wärme: Britta Wenzel, Olga Schmidt und Koordinatorin Annett

Brandenburg. In der Stadt Brandenburg wurde ein Besuchsdienst unter dem Dach der Caritas aufgebaut. Er ist für alt gewordene Menschen und für Menschen mit Behinderungen eine Brücke zur Außenwelt.

„Sie könnte meine Enkelin sein“, sagt Olga Schmidt und drückt liebevoll die Hand der jungen Frau neben ihr. Tatsächlich liegen zwischen den beiden Frauen über 40 Lebensjahre. Dennoch verbindet sie heute eine Freundschaft. „Zusammengebracht“ hat die beiden Koordinatorin Annett Kießig über den vor zwei Jahren gegründeten Besuchsdienst der Stadt Brandenburg in Trägerschaft der Caritas und weiterer Partner.

Wieder mehr nach dem Nachbarn schauen

„In der Gesellschaft ist es hart geworden untereinander“, sagt Kießig, „wir müssen wieder viel mehr zum Nächsten schauen. Viele ältere Bürger und Menschen mit Behinderungen leben in unserer Stadt ungewollt isoliert, fühlen sich in ihrem Alltag stark eingeschränkt und einsam, sind an die Wohnung gebunden.“ Der Besuchsdienst ist eine Brücke zur Außenwelt. Der Kontakt zu anderen Menschen und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben werden durch diesen ehrenamtlichen Dienst erleichtert. Dabei gehe es nicht um häusliche Pflege oder Haushaltshilfe, sondern um geschenkte Zeit und Zuwendung, Gespräche und Gesellschaft, Spaß und Spaziergänge. „Aktivieren“, ist das Zauberwort von Annett Kießig, damit ihre Klienten noch recht lange ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Zuhause führen können.

„Nehmen Sie die Wiener Porzellantasse“, sagt Olga Schmidt, verweist auf Geschirr und Gebäck, das sie schon vorsorglich bereitgestellt hat. Jeder Handgriff ist vorbereitet. Die 87-jährige leidet seit ein paar Jahren an einer schweren Augenerkrankung, das Sehvermögen ist stark beeinträchtigt. Doch in ihrem häuslichen Umfeld kennt sie sich aus. Jeder Gegenstand hat seinen festen Platz. Der Tee zieht bereits in einer gläsernen Kanne, daneben stehen zwei zierliche Teegläser. Ein Geschenk der Tochter von einem Dubai-Urlaub, erzählt die Seniorin. Ihre drei Kinder kümmern sich um ihre Mutter so oft es geht, dennoch konnten sie den durch den fortschreitenden Sehverlust gewachsenen Betreuungsbedarf nicht mehr alleine abdecken. Ein Pflegedienst kommt nun zweimal täglich und ergänzend wurde Kontakt zum Besuchsdienst aufgenommen.

Und dann kam eine Frau Wenzel

Dann ging alles ganz schnell und unkompliziert. Annett Kießig machte einen ersten Hausbesuch, um die persönlichen Verhältnisse und Bedürfnisse kennenzulernen, die passende Besucherin unter den ehrenamtlichen Helfern zu finden. Und hatte dabei wieder einmal eine glückliche Hand: „Dann kam eine Frau Wenzel“, erinnert sich Olga Schmidt an den Sommer letzten Jahres. Nein, aufgeregt war sie nicht, eher in Vorfreude. „Es ist doch schön, wenn jemand kommt, wenn wir miteinander sprechen oder spazieren gehen können. - Nehmen Sie Zucker?“, ist sie dann schon wieder ganz bei ihren Gästen. „Frau Wenzel holt ihn, sie kennt meine Beschaffenheit“, sagt sie fast ein wenig entschuldigend, und ihre Hand sucht erneut die von Britta Wenzel.

Dieser Händedrück umschließt eine Vertrautheit, die von Woche zu Woche gewachsen ist. Jeden Mittwoch macht sich die 46-jährige Britta Wenzel seither auf in die sanierte Stahlarbeitersiedlung, in der Olga Schmidt seit Jahrzehnten wohnt. „Es kommt immer etwas zusammen, wenn wir beieinander sind“, sagt diese mit Blick auf die gemeinsamen Interessen und Gespräche, die Kinder und die Familie, Natur, die Erinnerung an ihren schönen Garten. „Und wir haben schon zusammen gesungen“, stimmt Britta Wenzel zu, die viele Jahre in einem Gospelchor mitwirkte. Olga Schmidt liebt die „tiefen Glaubenslieder“. Und so machten die beiden Damen erst kürzlich Hausmusik mit „Großer Gott wir loben Dich“, oder „Im schönsten Wiesengrunde“. „Lieder aus der Heimat, der Hohen Tatra“, sagt Olga Schmidt, und ein Strahlen huscht über ihr Gesicht, als sie vom Kirchenchor und der wunderschönen Schubert-Messe erzählt. „Ich freue mich immer, dass ich kommen darf“, meint Britta Wenzel über dieses gegenseitige Geben und Nehmen, und diesmal streicht sie auf berührende Weise über die Hände von Olga Schmidt.