„Hier fehlt es mir an nichts“

„Ich habe hier alles, was ich brauche“, sagt der Jesuitenpater Vitus Seibel. Fotos: Stefan Schilde

Das Peter-Faber-Haus in Berlin ist für Jesuiten in Deutschland einer von drei Orten, an dem sie alt werden und dabei ihren Glauben leben können. Pater Vitus Seibel wohnt seit 18 Jahren hier – und macht aus jedem Tage das Beste.

Wahrlich: Hier lässt es sich gut aushalten: Ein traumhafter Blick vom Ufer auf die Havel, die Pfaueninsel gegenüber und den Wannsee. Die Seelenruhe, bei der man nur den Wind hört, der durch die Baumwipfel im Garten streicht, dazu die Enten und Schwäne, ganz selten mal den Benzinmotor vorbeifahrender Boote. Der Berliner Großstadtlärm ist weit weg. Das Peter-Faber-Haus im Randberliner Stadtteil Kladrow ist eine von drei Seniorenkommunitäten der Jesuiten in Deutschland. Hierher kommen die Patres und Brüder der Jesuiten, um ihren Lebensabend zu verbringen.

25 Zimmer gibt es hier, 14 weitere in der Pflegestation. Wie intensiv die Betreuung ist, hängt vom Zustand des Bewohners ab, sagt Pater Joachim Gimbler, der seit vier Jahren Oberer im Peter- Faber-Haus ist. „Einige sind noch weitgehend selbstständig, andere werden permanent betreut.“

Loszulassen fällt vielen Jesuiten schwer

„Wir möchten unseren Mitbrüdern eine Umgebung bieten, in der nicht mehr die äußere Leistung zählt. In der sie ihren Glauben leben können, der ihnen durch das Alter hilft. Wo sie loslassen können.“

Loslassen, zur Ruhe kommen – gerade für Jesuiten ist das nicht einfach. „Manche Bewohner haben die ganze Welt bereist“, sagt Pater Gimbler. Da sei zum Beispiel Pater Christian Troll, Theologe und Islamwissenschaftler, der viele Jahre im Iran, in Pakistan und in Indien verbracht hat. Oder Fundamentaltheologe Pater Peter Knauer, der lange in Lateinamerika gelebt hat. Oder Pater Willi Lambert, eine Koryphäe auf dem Gebiet der ignatianischen Spiritualität.

Und eben auch Pater Vitus Seibel. Schon mit 38 Jahren wurde er Provinzial der damaligen Süddeutschen Provinz, hatte im Laufe seiner 68 Ordensjahre fast alle wichtigen Ämter inne. Seit 1994 lebt der 87-jährige Pfälzer in dem Haus, das damals nicht nur „Altenheim“ war, sondern auch Kolleg für das Terziat – die dritte und letzte Prüfungszeit vor der Eingliederung der Priester in den Orden.

„Für uns Jesuiten ist es nicht einfach, uns selbst zurückzunehmen“, sagt Pater Seibel. „Wir definieren uns nämlich gern über Leistung und neigen zu der Ansicht: Wenn wir nichts mehr tun können, dann sind wir nichts mehr wert – was natürlich idiotisch ist.“

„Die meisten Jesuiten waren stets dort, wo das Leben tobte. Am eigenen Leibe festzustellen, dass Körper und Geist im Alter nachlassen, das ist schwer“, sagt Oberer Joachim Gimbler. „Man braucht länger, Dinge gedanklich zu verarbeiten. Und weil die Kraft in den Händen schwindet, fällt einem auch mal etwas herunter.“

Pater Vitus Seibel gehört nicht zu jenen, die mit dem Schicksal hadern. „Mein Prinzip war immer: Wohin du kommst, schaue nicht zurück, wie schön du es hattest und wie blöd jetzt alles sein wird. Sondern: mit vollen Segeln immer ins Neue!“ Deshalb sieht er in seinem Umzug von München nach Berlin-Kladrow sogar ein Stück weit die Freiheit, die er dazugewonnen habe: „Frei, das zu tun, was ich von Anfang an immer begleitend und mit Begeisterung gemacht habe, nämlich Exerzitien zu geben.“ Jedenfalls solange, wie es der eigene Körper zuließ, bis 2018.

Geistliches Leben auch im hohen Alter

Spätestens, wenn Krankheiten hinzukommen, werde die Frage nach dem Sterben präsenter. „Man darf sich aber nicht zu sehr davon einnehmen lassen, sonst versinkt man in einem Loch“, sagt er. Oberer Gimbler legt Wert auf einen offenen Umgang mit dem Thema Tod. „Wir klären mit den Mitbrüdern: Wie möchtest du dein Lebensende gestalten? Wie steht es um palliative Betreuung? Möchtest du, dass lebensverlängernde Maßnahmen wie künstliche Beatmung angewandt werden oder lieber nicht?“ Zehn Sterbefälle gab es im vergangenen Jahr. „Für die meisten, die hierher kommen, ist das Peter-Faber- Haus die letzte Destination“, sagt Pater Gimbler.

Bis das Unvermeidliche irgendwann eintritt, versuchen die altgedienten Jesuiten, das Beste aus jedem Tag zu machen. Dazu gehört auch das geistliche Leben in der Gemeinschaft. „Im Mittelpunkt steht die tägliche heilige Messe. Es gibt aber auch die eucharistische Andacht am Sonntag, mit schönen Texten aus dem Gotteslob. Am Mittwoch beten wir um Nachwuchs für den Orden“, erzählt Pater Vitus Seibel.

Das Mittagessen nehmen die Brüder gemeinsam ein, besuchen danach die Kapelle für ein kurzes stilles Gebet. Am Montag steht der Themenabend auf dem Plan. Ein Mitbruder von außerhalb ist eingeladen und berichtet über die aktuellen Entwicklungen im Orden. Ex-Provinzial Seibel versucht, seine Kontakte zu alten Weggefährten – Mitbrüder, aber auch Nicht-Jesuiten, Männer und Frauen, katholisch und evangelisch – so gut es geht zu pflegen.

Seinen Glauben kann er mittlerweile nicht mehr so praktizieren wie früher. Er sieht das als Chance, neue Wege zu finden. „Ich kann mich zum Beten nicht mehr für eine Stunde in die Stille setzen und mich lange konzentrieren. Also versuche ich, alles, was ich den ganzen Tag so sehe – Menschen, Gegenstände, Natur – mit Gott in Beziehung zu bringen, über alle Sinne wahrzunehmen: ‚Du bist da!‘

Man hat auch Zeit für sich. „Ich liebe die Natur und gehe gern in den Garten, schaue auf den Fluss und die Schiffe“, sagt Pater Seibel. Er füttert und fotografiert die Vögel, die hier pfundweise Erdnusskerne picken. „Unter anderem sind es zurzeit Schwärme von 30 Staren und 50 Spatzen. Schon als Kind war ich Vogelnarr.“ Er zeigt die Seminararbeit über die Vogelwelt, die er einst im Philosophiestudium schrieb. Er schaut aber auch gern fern, amüsiert sich zu amerikanischen Serien wie „Monk“ oder „Two and a half Men“.

Pater Seibel fühlt sich wohl hier im Peter-Faber-Haus. „Ich bin zufrieden. Wir leben hier in wunderschöner Natur. Wir sind privilegiert, wie wir hier mit Hilfe des Ordens gepflegt werden“, sagt er. „Das ist ja etwas, was Menschen sehr beschäftigt, wenn sie älter werden: Wie schaffe ich das? Wir sind hier in Gemeinschaft, für uns ist gesorgt.“

Auch das Prinzip der Armut, das Jesuiten beim Eintritt in den Orden geloben, sieht er relativ. „Ich hatte immer eine Schreibmaschine und später einen Computer. Auch ein Auto, mit dem ich bis vor zwei Jahren noch gefahren bin und öfter etwas zu essen eingekauft habe, das mir gefiel. Als das nicht mehr ging, merkte ich: Das brauche ich alles überhaupt nicht. Wir haben hier alles.“ Sich mit gelebter Armut zu brüsten, sei deshalb überhaupt nicht sein Ding. „Meine einzigen Ansprüche sind das Futter für die Vögel und Schokolade als Geschenk für meine Betreuer.

Es sind nur Mücken, keine Elefanten

Bei allen gesundheitlichen Beschwerden: Starke Persönlichkeiten sind sie hier im Peter-Faber- Haus nach wie vor geblieben. „Im Spaß nenne ich sie auch ‚meine Professoren‘“, sagt Oberer Joachim Gimbel. Jeder habe seine Ecken und Kanten, die manchmal auch aneinanderstoßen. Pater Vitus Seibel hat längst gelernt, damit umzugehen: „Abends nehme ich mir eine Viertelstunde, um auf die Geschehnisse des Tages zurückzublicken, auch auf das Miteinander unter uns Brüdern. Wir alle haben ja unsere Macken und neigen manchmal dazu, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen.“ Er mache sich daher bewusst: Es sind eigentlich nur Mücken, und die dürfen auch existieren und herumschwirren. „Oder fromm gesagt: Ich versuche, durch die Augen Jesu darauf zu schauen, so gut es geht, jeden Tag aufs Neue.“

Wer sich mit Vitus Seibel unterhält, hat das Gefühl: Dieser Mensch ist mit sich selbst und seiner Umwelt im Reinen. Zum Loslassen gehört für ihn auch, sein Vermächtnis in guten Händen zu wissen. „Es gehört dazu, dass andere nun die Aufgaben übernehmen. Deshalb halte ich mich auch zurück mit klugen Ratschlägen, unter dem Motto: In meiner Zeit war ja alles viel, viel besser“, sagt Pater Seibel. „Nein, die machen das gut, ich bin richtig stolz auf meine jungen Mitbrüder. Ich finde nur, es könnten noch ein paar mehr von ihnen sein.“