Hilfe in Armut und Not

Was tut, wer krank und nicht versichert ist? In Berlin helfen ehrenamtliche Ärzte in der Praxis der „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“. Mitbringen müssen die Patienten ein bisschen Geduld.

Ob aus der Nähe des Äquators, aus Asien, Südamerika, Osteuropa, den arabischen Ländern oder Obdachlose von den Berliner Bahnhöfen – Ungeduld ist ein internationales Phänomen. Unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht, egal, ob für die Leistung teuer bezahlt oder sie kostenlos empfangen wird. Und so rückt die Schlange der Wartenden im schmalen Gang vor der Praxis der „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“ in Berlin (MMM) immer mehr in Richtung Anmeldung. In der Hoffnung, dass sie, als Menschen ohne Versicherungskarte, einen Arzt finden, der sich ihres medizinischen Problems annimmt. Zwei bis drei Stunden Wartezeit sind für die Patienten ab Nummer 20 keine Seltenheit. Da liegen die Nerven blank.

„Der härteste Arbeitstag ist der Dienstag. Viele Menschen sind über das Wochenende erkrankt und kommen dann zur MMM“, sagt eine Sozialarbeiterin. Da kommen die Patienten für die Gynäkologen und Zahnärzte hinzu – über die der Allgemeinmediziner hinaus. Doch an der Anmeldung führt kein Weg vorbei. Der Raum ist eng, Feststellung der Identität, erste Einschätzung der Beschwerden, Blutdruck messen, auf die Waage. Alles spielt sich auf wenigen Quadratmetern ab. An der Wand hängen Welt- und Europa- Karten. Auf dem Kalender der Malteser steht: „Weil Nähe zählt“.

 

Auf Wunsch erfolgt die Behandlung anonym

Die haben sie im schmalen Gang zwangsläufig. Patienten samt Familie und Dolmetscher vervielfachen die Zahl der eigentlich Bedürftigen. Sie rücken im Laufe des Vormittags in kleinen Schritten zum Tresen vor. Ein Araber hat‘s geschafft, es brodelt in ihm. Eine Helferin weist ihn zurecht, indem sie ihre beiden Hände hochhält. Er deutet an: „Frau.“ Und kreist mit der Hand über seinen Bauch. Soviel Bürokratie muss dann doch sein: Die Datenschutzerklärung müsse noch unterschrieben werden, fordert ihn eine Helferin auf. Der Leiter der Einrichtung und Allgemeinmediziner, Dr. Hanno Klemm, ergänzt: „Auf Wunsch können sich die Patienten auch anonym behandeln lassen.“

30 Nummern für die Allgemeinmediziner werden in dieser Sprechstunde vergeben, häufig seien es sogar 70. „Notfälle, insbesondere bei Kindern und Schwangeren, werden aber außerhalb dieser Begrenzungen immer angenommen und, wenn nötig, weitergeleitet“, sagt Dr. Klemm. Im Gespräch stellt der 42-Jährige fest, dass die Zahl der Patienten in den letzten Jahren deutlich zugenommen habe. „Berlin ist eine Stadt, in der immer mehr Menschen in Not leben.“ Doch die Zahl der ehrenamtlichen Ärzte sei nicht gleichermaßen gewachsen. Das sei besonders in der Urlaubszeit ein Problem. „Wir suchen vor allem Allgemeinmediziner, Fachärzte, die allgemeinärztlich arbeiten wollen, und Internisten.“

Was macht die Tätigkeit für Ärzte so reizvoll? „Man sieht hier viele Krankheitsbilder und hat nicht viel Verwaltungsaufwand. Wir haben ein tolles Team.“ So ein Ehrenamt sei sowohl für Berufsanfänger nach Beendigung ihres Studiums interessant, als auch für ältere Kollegen, die nach Abschluss ihrer eigenen Praxistätigkeit noch aktiv bleiben wollen. Die Dankbarkeit seitens der Patienten, die den Ärzten entgegenkommt, sei für sie sehr wertvoll.

Die ehrenamtlichen Ärzte gehen keine Verpflichtungen ein. Sie können ihre Arbeitszeit flexibel gestalten. „Ärzte, die Menschen in Armut und Not medizinisch helfen wollen, die Freude am interkulturellen Miteinander haben und diesen Menschen offenherzig und empathisch begegnen, sind herzlich willkommen“, sagt der Leiter der Einrichtung.

Dr. Klemm hat in seiner Sprechstunde gerade eine peruanische Schwester, deren Orden sich absoluter Armut verschrieben hat. Sie hat keine Versicherungskarte. Darum ist die 63-Jährige hier. Sie klagt über Bauchschmerzen. Mit dem Ultraschallgerät findet der Arzt die Ursache heraus: Ein Gallenstein. Viel trinken und Medikamente sollen den Übeltäter zum Abgang bewegen. Nütze das alles nichts, müsse man über eine Operation nachdenken. Wieder einem Menschen weitergeholfen. Die Peruanerin dankt dem Arzt mit einem strahlenden „Muchas gracias“.

Ärzte, die ehrenamtlich arbeiten wollen, können sich in der Praxis melden: 0 30 / 82 72 21 02; hanno.klemm(ät)malteser.org