Ich leide, also bin ich

Die Interkulturelle Woche Berlin stand in diesem Jahr unter dem Motto „Vielfalt verbindet“. In diesem Rahmen hat Kerim Pamuk in der Neuköllner Pfarrgemeinde St. Clara sein Kabarett Oriental präsentiert.

 

„Die Deutschen sind ein tolles Volk. Aber sie werden aussterben. Wegen ihrer gesunden Ernährung.“ In seinem Soloprogramm „Leidkultur“ geht Kerim Pamuk dahin, wo es weh tut. Geprägt durch anatolischen Weltschmerz, gepeinigt vom deutschen Jammer durchsiebt er das Leben nach Momenten des Leidens. „Wir haben Hotlinehilfe, Onlinesupport, ein Navi im Auto, entkoffeinierten Espresso mit Sojalatte und vegetarischen Döner – trotzdem ist heutzutage nichts leicht und alles Wissenschaft“, meint der deutsch-türkische Kabarettist. „Die Deutschen haben es echt schwer, oder musste sich jemals ein Sudanese fragen, welcher Wellnesstyp er ist?“

Erfolgsgeschichte einer Integration

Geboren wurde Pamuk 1970 in einem Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste. Als seine Eltern nach Deutschland einwanderten, blieben er und seine Schwester zunächst beim Großvater. Als Neunjähriger wurde er dann nachgeholt, schaffte es, innerhalb zweier Jahre Deutsch zu lernen, absolvierte Realschule, Aufbaugymnasium und Abitur. Beim Orientalistik-Studium lernte er seine spätere Ehefrau, eine Islamwissenschaftlerin, kennen. Sie leben mit ihren drei Kindern in Hamburg. Momentan tourt er mit dem Solo-Programm „Leidkultur“ durch die Lande. Dabei gibt er Türken wie Deutschen ordentlich Saures. Spielt mit den Stereotypien der nationalen Eigentümlichkeiten, dass es einem Deutschen, der die politische Korrektheit schätzt, graust. Und einen Türken dazu bringen könnte, mit Schaum vorm Mund von mangelndem Ehrgefühl zu sprechen. Er selbst sei „gern deutsch“, betont er, und beschreibt seinen „Prozess der Verdeutschung“ anhand eines Fußballspiels, das er mit einem türkischen Freund besuchte: „Wir sitzen im Stadion, unser Lieblingsverein ist krass am Verlieren. Mein Freund tobt, brüllt, haut mit Schimpfwörtern um sich. Ich aber sage mit sanfter Stimme: ‚Du, das find ich jetzt ein bisschen schwierig. Wollen wir reden?‘ Und ich dachte: Jetzt ist es passiert, jetzt bist du deutsch.“ Der Türke ist aggressiv, „is so, kennt Ihr Neuköllner doch“, argumentiert er. Der Deutsche hingegen sei empört: „Der sagt nichts, guckt pikiert, ärgert sich zwei Tage lang und macht dann eine Anzeige.“ Um sein Studium zu finanzieren, habe er in der ambulanten Altenpflege gearbeitet und dabei Frau Müller kennengelernt. „Die alte Dame stellte mir Tag für Tag dieselbe Frage: ‚Wo tust du eigentlich herkommen, Kerim?‘ – ‚Frau Müller, ich bin Türke.‘ – ‚Ja, ja. Sind ja auch Menschen‘.“

Die Deutschen würden sich das Leben unnötig beschweren mit ihrer „Grundgeknicktheit“, stellt er fest. Und auch weil sie nur „spontan Geplantes machen“. Deshalb stellt sie selbst der Kindersegen vor unlösbare Fragen: Babyblues oder Stilldemenz? Krabbel- oder Therapiegruppe? Elternzeit oder gleich Altersteilzeit? Der Türke hingegen bliebe entspannt, er sage sich: „Irgendwann hab ich – mit Allahs und meiner Hilfe – Kinder. Und dann ist es so: Meine Frau erlaubt, ich verbiete und die Großeltern machen den Rest.“

Privatsache Glauben, Glam-Rocker, Opulenz

Mit orientalischer Gelassenheit blickt der Satiriker auf alles, was den Deutschen lieb und teuer ist. In diesem Ton widmet er sich ebenso Themen der orientalischen und islamischen Kultur. Das sei natürlich nichts für „Fundis“, gibt er zu. Die wären dauerbeleidigt, weil ihnen ironische Selbstdistanz und die Fähigkeit zur Selbstkritik fehlten. „Kennt Ihr ja von Erdogan.“ Differenzierung sei nur dann interessant, wenn „der strebsame Gläubige die tägliche Verteufelung des Westens mit dem begeisterten Gebrauch westlicher Technik in Einklang bringen“ müsse. „Denn Regelkunde steht für sie an erster Stelle. Wer sich korrekt an die Regeln hält, ist automatisch ein guter Moslem. Der hat schon mal gute Karten fürs Paradies. Das kritisiere ich.“ Für Kerim Pamuk ist der Glaube Privatsache. Allein Gott gegenüber müsse man Rechenschaft ablegen – wenn man an ihn glaubt.

Auf die Frage, was er von den Katholiken halte, preist er deren Lebensfreude, ihren Pragmatismus und, dass sie nicht so „verhärmt“ daherkämen. Die „Glam-Rocker“ unter den Christen nennt er sie, anspielend auf einen Musikstil, der sich durch Opulenz und glanzvolle Ästhetik auszeichnet. „Ihr macht eine tolle Performance.“ In diesem Jahr war er zum ersten Mal im Petersdom, erzählt er: „Wahnsinn. Aber mal ehrlich: Ist der nicht doch ein bisschen überladen? Das islamische Bilderverbot ist doch gar nicht so schlecht, oder?“