„Ich muss jetzt nichts tun“Vortrag von Anselm Grün in der Berliner St.-Marien-Kirche anlässlich zehn Jahre „einfach leben“

Anselm Grün in der evangelischen St.-Marien-Kirche am Alexanderplatz. Foto: Cornelia Klaebe

Wie kann der Mensch einfacher und erfüllter leben, Lebensglück, Sinn und Spiritualität finden? Zu diesen Fragen hielt Pater Anselm Grün einen Vortrag in der St.-Marien- Kirche am Berliner Alexanderplatz.

Anselm Grün bedankt sich: „Sie haben einen Raum des Schweigens in dieser Stadt geschaffen.“ Um die 450 Menschen stehen vor ihm in der St.-Marien-Kirche und tatsächlich war es einige Momente lang ganz still – während jenseits der gotischen Mauern das Leben tobt und lärmt, abends kurz nach acht Uhr am Berliner Alexanderplatz. Gerade hat der Benediktinermönch sein „Ritual“ mit den Menschen vollzogen: Alle standen auf, überkreuzten die Arme vor der Brust und hörten zu, wie er Sätze sprach, die alle mit „Ich umarme in mir“ beginnen. „Ich umarme in mir das Vollkommene und das Unvollkommene“ oder „das Gesunde und das Kranke“.

Die bunten Blätter der Bäume betrachten

Der Mönch mit dem weißen Vollbart und dem schwarzen Gewand ist nach Berlin gekommen, um ein kleines Jubiläum zu begehen: Seit zehn Jahren erscheint Monat für Monat sein Brief „einfach leben“. Deshalb hat er hier einen Vortrag „mit Ritual“ gehalten, in dem er den Zuhörern erläutert, wie sie einfach leben können und welche Fehler es dabei zu vermeiden gilt. Das Ritual ist ein fester Bestandteil seiner „einfach leben“-Briefe: Jeden Monat schlägt er den Menschen vor, was sie tun können, um eine heilige Zeit zu schaffen und einen Raum in sich zu entdecken, in dem sie heil und ganz sein können. Dabei sind die Tipps und Hinweise nicht kompliziert. In der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift „einfach leben“ empfiehlt der Pater, die bunten Blätter der Bäume zu betrachten und ihr Fallen als Bild für sich selbst zu nehmen. Der Leser soll überlegen, was er loslassen soll, was ihm schwer fällt loszulassen, was er im Leben schon losgelassen hat. Er kann dann nachspüren, was die herbstlich fallenden Blätter ihm für das eigene Leben sagen wollen.

Beatrix Dombrowski vom Verlag Herder, der die Briefe verlegt, sagt, der Benediktiner sei „der meistgelesene spirituelle Autor unserer Zeit“. Er trifft mit seinen Briefen und Büchern den Nerv der Menschen – der 450 hier in der St.-Marien-Kirche genauso wie an anderen Orten Deutschlands und weltweit. Die Auflagen sind hoch. „Ich bin ein absoluter Fan, ich esse seine Bücher“, erklärte eine Besucherin vor der Veranstaltung. Im Anschluss an den Vortrag kaufen Etliche die Bücher des Mönchs, um sie von ihm signieren zu lassen. Viele nutzen die Gelegenheit, ein kurzes Wort mit ihm zu wechseln und sich mit ihm fotografieren zu lassen. In seiner frühen Autorenzeit richteten sich Anselm Grüns Bücher vor allem an Ordensleute, heute schreibt er für den einfachen Menschen auf der Suche nach dem Glück.

Dabei zitiert er im Vortrag immer wieder Kirchenväter und große Heilige, am meisten seinen eigenen Ordensgründer, den heiligen Benedikt. Dessen Lebensregel, geschrieben ursprünglich für Mönche, enthält Hinweise, die laut Anselm Grün für alle Menschen gelten können: So solle man auch bei der Arbeit „das rechte Maß finden“ und sich Pausen gönnen, denn: „Wer im Rhythmus arbeitet, kann effektiver arbeiten“. Etwas, das er am Rande des Vortrags auch für alle Menschen empfiehlt, die unter großem Leistungsdruck stehen: sich einfach einmal eine Zeit in eine Kirche setzen und sich sagen: „Ich muss jetzt nichts tun.“

Alles in der Stille Gott hinhalten

Im Endeffekt zielen die Hinweise, die Pater Anselm gibt, alle in eine Richtung: Achtsam und realistisch auf das eigene Leben schauen, sich von überzogenen Ansprüchen gegen sich selbst verabschieden, nicht perfekt sein wollen. Sich selbst und das eigene Leben annehmen, ohne es krampfhaft verändern zu wollen, aber alles in der Stille Gott hinhalten, um es von ihm verwandeln zu lassen – und damit erfüllter zu leben.

Info: www.einfachlebenbrief.de