Immer zuerst hinhören

Weihbischof Matthias Heinrich (links) bei einem Begegnungstag für Menschen mit Behinderungen. Foto: Walter Wetzler

Weihbischof Matthias Heinrich kann am 20. Juni auf 40 Priesterjahre zurückblicken. „40 Jahre? – Das ist doch kein Jubiläum!“, findet er. Dennoch hat er dem Tag des Herrn aus diesem Anlass bereitwillig drei Fragen beantwortet.
„Neuer Weihbischof will auch in Talkshows auftreten“ war 2009 über Sie in einer Berliner Boulevardzeitung zu lesen. In Ihrem Bischofswappen offenbaren Sie Ihre Verbundenheit mit den Kartäusern, einem Schweigeorden. Wie verbindet sich beides – Sehnsucht nach Stille und Mitteilungsdrang – in Ihrem priesterlichen und bischöflichen Dienst?

Diese Überschrift suggeriert, ich dränge mich in Talkshows. So ist es natürlich nicht. Ein Journalist hatte mich nach meiner Bereitschaft gefragt. Da ich es für wichtig halte, dass Vertreter der Kirche sich in öffentlichen Diskussionen nicht immer nur heraushalten, antwortete ich ihm, ich hätte damit kein Problem. Tatsächlich habe ich seit meiner Bischofsweihe zwar etliche Interviews gegeben, ich schreibe regelmäßig für eine Kolumne in der B.Z., in einer Talkshow war ich seither aber nicht. Das B.Z.-Redaktionsteam freut sich immer, wenn die Beiträge wahrgenommen werden und es viele – durchaus auch kontroverse – Reaktionen gibt. Das war zum Beispiel so, als ich kritisch über den Wandel der Begräbniskultur geschrieben habe oder den vermenschlichenden Kult des Eisbärs Knuth aus dem Berliner Zoo.

Von jeher ist es mir wichtig, dass Verkündigung und Schweigen im Gleichgewicht sind. Will ich nicht nur irgendetwas Erdachtes sagen, muss ich zuvor gut hinhören, auf Gott und auf die Menschen. Hören und Verkündigen gehört für mich zusammen wie Ein- und ausatmen. Sicher ist es als Weihbischof schwieriger, aber ich versuche, mir Zeiten des Schweigens und Hörens regelmäßig einzuplanen.

Seit vielen Jahren sind die Kartäuser mir ein Vorbild für beredtes Schweigen, das seine Auswirkungen hat. Vor meinen Weiheexerzitien hatte ich einen Ort gesucht, an dem es besonders still wäre. Den fand ich bei den völlig zurückgezogen lebenden Kartäusern. Wie sie mir sagten, bin ich wohl der einzige Bischof, der das Kartäuserwappen auf seinem Bischofsring hat. Allein das Kreuz ist ein fester Halt, während sich die Erde, Sterne und alles andere dreht. Das kommt in dem Wappenbild zum Ausdruck. Nur in Ausnahmefällen beherbergen die Kartäuser Gäste. Ich habe in Deutschlands einzigem Kartäuserkloster Marienau bei Bad Wurzach schon Diakone oder Priester geweiht und habe das Glück, dass dort auch für mich gebetet wird.
Dass viele Menschen sich von dem Lebensentwurf der Kartäuser berühren lassen, ist mir aufgefallen, als ich mir im Kino „Die große Stille“ anschaute, einen Dokumentarfilm über ein französisches Kartäuserkloster. Es war dunkel, als ich im Kinosaal eintraf und auch im Zuschauerraum so still, ohne jegliches Knuspern und Rascheln, dass ich mich fast alleine glaubte. Erst etwa drei Stunden später, als das Licht anging, merkte ich, dass das Kino voll war. Es ist schon über zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal in der Kartause war, und ich hoffe, dass es bald wieder einmal möglich wird.

Gab es in den 40 Jahren Ihres Priester-Daseins eine größere Herausforderung als die Verantwortung für den Berlin-Besuch von Papst Benedikt?

Beim Papstbesuch selbst lief im September 2011 vieles fast ohne mein Zutun. Meine Amtszeit als Diözesanadministrator war zu diesem Zeitpunkt ja auch bereits beendet. Die Wochen und Monate der Vorbereitung würde ich aber schon als größte bisherige Herausforderung bezeichnen. Fast jeden Tag besuchte ich den schwer erkrankten Kardinal Sterzinsky im Krankenhaus, bis er am 30. Juni starb. Der Generalvikar, der eigentlich mit der Durchführung betraut war, kränkelte. Es waren aber viele komplexe Fragen zu klären und schwierige Entscheidungen zu treffen, Tagesordnung, Logistik, Sicherheitsfragen, Finanzierung und vieles andere zu bedenken. Details mussten oft auch mit den anderen deutschen Besuchsstätten des Papstes und mit Rom abgestimmt werden. Hier in Berlin gab es zum Beispiel große Diskussionen, ob der Gottesdienst mit dem Papst im Olympiastadion, am Schloss Charlottenburg oder in kleinem Rahmen im Hof der Kirche Regina Maria Martyrum stattfinden soll. Nachdem der Papst Kardinal Sterzinskys Rücktritt angenommen hatte und man den Nachfolger möglichst schon bei seinem Deutschlandbesuch präsentieren wollte, musste pa- rallel auch noch die Wahl und die Einführung des neuen Bischofs in die Wege geleitet werden.

Besonders bewegt empfand ich aber auch die Jahre, als ich Kaplan in Kreuzberg und später Jugendpfarrer für Berlin-West war. Es war die Zeit der Hausbesetzungen, die Zeit von Christiane F. Junge Menschen lehnten sich gegen das kirchliche Amt auf. Bischöfen gegenüber wurde es auf der Straße oft auch handgreiflich. Nächtelang habe ich mich mit Jugendlichen auseinandergesetzt. Voller Herausforderungen war auch die Finanzkrise, die ich als Personalchef mit bewältigen musste: zahllose Kündigungsverfahren, Zusammenlegungen von Pfarreien, Diskussionen darüber, wie es dazu kommen konnte. Viele haben die Kirche verlassen und sind bis heute wohl nicht zurückgekommen ... Und seit mittlerweile gut zehn Jahren sind wir konfrontiert mit dem Skandal des sexuellen Missbrauchs, eine Herausforderung, die andauert.

Auf welche Weise folgen Sie dem Aufruf von Papst Franziskus, als Mann der Kirche „an die Ränder“ zu gehen?

Ich denke, dass es dem Papst vor allem darum geht, dass wir Katholiken und besonders die Priester und Bischöfe nicht in abgeschotteten Räumen leben, sondern unter und mit den Menschen. Sehr bewusst bin ich nach der Bischofsweihe zum Beispiel nicht neben die Kathedrale gezogen, sondern in die Nachbarschaft von Familien, von ganz normalen Menschen. Ich möchte den Bezug zu den Alltagsthemen und -sorgen nicht verlieren. Ein Bischof wurde einmal nach dem Preis für ein halbes Pfund Butter gefragt. „Die Einkäufe macht doch immer meine Haushälterin“, sagte er. So weit will ich es nicht kommen lassen.
Als Jugendpfarrer hatte ich Zeit, mich einfach in einen Irish Pub zu setzen, und mit Leuten ins Gespräch zu kommen, für die Kirche ein rotes Tuch ist oder die kaum noch etwas mit ihr anzufangen wissen. „Du Papstsau“ wurde ich auch schon tituliert. Und jemand fragte mich im Blick auf meine Priesterkleidung, wo es denn diese „tollen“ Hemden gibt. (Schmunzelnd) Den habe ich dann in einen Gruftiladen geschickt.
Als Weihbischof vermisse ich diese ausgiebigen Gelegenheiten, auf Menschen zuzugehen. Ich versuche aber, die Möglichkeiten zu nutzen, die sich ergeben. Unterwegs werde ich oft von Hilfsbedürftigen angesprochen. Wenn ich als Bischof zu Weihnachten Gefängnisse und Krankenhäuser besuche oder bei Armenspeisungen helfe, hat das natürlich immer auch einen offiziellen Charakter. Es ist nicht wirklich ein Mit-Leben. Dennoch kann ich sagen, dass ich mit Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen in Kontakt bin.

Die Fragen stellte Dorothee Wanzek.