Jesus in der „Hall of Fame“

In der Hall of Fame: Zwischen dem Reeder Albert Ballin, dem Schriftsteller Kurt Tucholsky und dem russischen Revolutionär Leo Trotzki ist Jesus abgebildet. Foto: Rocco Thiede

Eine neue Dauerausstellung in Deutschlands größtem jüdischen Museum in Berlin führt die Beziehungen der Juden zu ihrem christlichen und säkularen Umfeld in Geschichte und Gegenwart vor Augen.

„Sind Sie der Messias?“ – Diese Frage steht auf einer sogenannten Mitmachmaschine in der neuen Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin. Zwölf Fragen können dort per Schieberegler mit Ja oder Nein beantwortet werden. Darunter sind theologische Fragen wie „Sind Sie sicher, dass Moses die Heilige Schrift am Berg Sinai von Gott erhalten hat?“, aber auch profane wie „Trainieren Sie regelmäßig in einem Fitnessstudio?“ oder „Sind Sie ein Mann?“.

Diese Maschine überrascht in der Ausstellung des bedeutendsten jüdischen Museums der Bundesrepublik ebenso wie eine raumfüllende Installation von Anselm Kiefer mit dem Titel „Schwerirat ha-Kelim“ (Bruch der Gefäße). Die Bleiplatten und zerborstenen Glasscheiben sind eine Interpretation Kiefers des kosmischen Konzepts der Kabbala, jener mittelalterlichen mit Zahlen- und Buchstabendeutung verwobenen mystischen Geheimlehre. Über allem steht in einem Halbkreis der Name des unendlichen Gottes. Für den Künstler ist die Schöpfung nicht makellos, sondern beinhaltet von Anbeginn auch das Böse, Unvollkommene und die Möglichkeit zur Umkehr.

Die wieder eröffnete Dauerexposition im JMB besteht aus vielen kleinen Ausstellungen. Es gibt Abteilungen zum Hören, zum Sehen, zum Mitmachen und viel zum Lesen.

Mitmachen können die Besucher gleich am Beginn, wenn sie aufgefordert werden, ihre Wünsche auf einen grünen, blattförmigen Zettel zu schreiben. Die Wunschblätter kommen an einen Baum, bevor der Rundgang mit den frühesten Zeugnissen des Judentums in Deutschland beginnt. Erklärt wird mit Modellen, Bildern und Schautafeln die Herkunft der „Aschkenasim“ in Europa und Deutschland. Es ist bis heute die größte ethno-religiöse Gruppe im Judentum.

Dann steht man vor zwei jungen Frauen: Ecclesia und Synagoga. Die zwei Gipsfiguren stammen aus Bamberg und wurden um 1235 für ein Gotteshaus geschaffen. Ecclesia trägt eine Krone. Synagoga sind die Augen verbunden. Die aus heutiger Sicht fragwürdige Botschaft verstanden auch die schriftunkundigen Menschen des Mittelalters: Siegreich ist Ecclesia, also die christliche Kirche. Synagoga, das Judentum, verweigert sich der Wahrheit …

Jüdische Intellektuelle neben antisemitischen

„Auch Juden werden Deutsche“, ist eine weitere Abteilung überschrieben. Hier sind die Besucher in der Epoche der Aufklärung angekommen. Große Leuchttafeln über den Köpfen strahlen Botschaften aus: „Die Menschen bleiben von Geburt Frei und Gleich an Rechten“ steht zum Beispiel auf einem Schriftband. „Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, dass sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden“, ist auf der Rückseite zu lesen.

Solch demagogischen Aussprüchen antisemitischer Intellektueller folgt eine Bildergalerie mit führenden jüdischen Köpfen des 18.und 19.Jahrhunderts, darunter noch heute bekannte wie der Philosoph Moses Mendelssohn, aber auch nahezu in Vergessenheit geratene wie der Naturforscher Marcus Elisier Bloch. Auch Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus und seiner Forderung nach einem jüdischen Nationalstaat, sind eine Reihe von Exponaten gewidmet.

Neu in der Dauerausstellung ist das Thema „Frauen im geistlichen Amt“. An einer Schauwand sind Fotos der ersten Rabbine- rinnen in diversen Ländern zu sehen, angefangen bei der 1902 geborenen Regina Jonas, die 1944 in Auschwitz starb.

In einer Gemäldesammlung jüdischer Künstler sind unter anderem Werke von Max Liebermann, Jankel Adler, Lesser Ury und Felix Nussbaum zu sehen.

Von jüdischen Pfadfindern werden viele Besucher bisher kaum gehört haben. Ein großformatiges Gemälde von Erwin Singer aus dem Jahr 1932 zeigt sie im Gleichschritt mit Kluft, Fahne, Rucksack und Trommel.

Filmemacher und Schauspieler läuteten in der Weimarer Republik eine Renaissance der jüdischen Kultur mit ein, wie große UFA-Plakate von „Der Kongress tanzt“ oder „Der blaue Engel“ in einem Nachbau eines Kinosaales aus den 20er Jahren zeigen. Dazu gibt es einen Film-Zusammenschnitt mit zeitgenössischen Aufnahmen.

Die Exposition bietet viele neue Perspektiven auf die fast 1700 Jahre alte deutsch-jüdische Geschichte. Es geht um Zugehörigkeit und Ausgrenzung, um Kultur und Tradition und neben der Schoa auch um die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland. Mit 18,6 Millionen Euro unterstützte die Bundesregierung die Ausstellung, in deren Zentrum die Beziehung von Juden zu ihrer christlichen und zunehmend säkularen Umwelt steht. Die gut 1000 Objekte sind in sogenannten Epochenräumen, wie die oben erwähnten Aschkenas, die Frühe Neuzeit oder die Zeit der Katastrophe von 1933 bis 1945 eingegliedert. In Themenräumen hingegen geht es um die Tora, Gebot und Gebet oder um die Frage „Was ist heilig im Judentum?“ Was der Schabbat bedeutet, kann man nicht nur sehen und lesen, sondern mit liturgischen Gesängen auch hören.

Jüdisches Leben in seiner Vielstimmigkeit

Wie stark der Judenhass im Nazideutschland das öffentliche Leben prägte, zeigen 962 antijüdische Verordnungen, die als lange Fahnen von der Decke hängen. Berührend sind auch einige originale Abschiedsbriefe von Menschen, die ahnten und wussten, dass ihre Deportation ein Abschied für immer sein wird. Einige schieden vorher durch Freitod aus dem Leben.

In der „Hall of Fame” mit comic-artigen Porträtzeichnungen von Andree Volkmann gibt es eine Verbeugung vor bekannten jüdischen Persönlichkeiten, von Albert Einstein über die Marx-Brothers, Amy Winehouse bis hin zu Jesus. Mit der modernen Video-Installation „Mesubin“ („Die Versammelten“) endet der Rundgang durch das Museum. Es ist ein Schlusschor, der die aktuelle und bunte Vielstimmigkeit des jüdischen Lebens in Deutschland eindrucksvoll vor Ohren und Augen führt.

Das Jüdische Museum (Lindenstraße 9 – 14, Berlin-Kreuzberg) ist täglich (bis auf hohe jüdische Feiertage) von 10 bis 19 Uhr geöffnet.