Seit mehr als einem Jahr können in der Kirche Herz-Jesu in Garz auf Rügen Urnen beigesetzt werden. Bisher gab es nur eine Bestattung. Das Interesse ist dennoch groß.
„Wenn wir bei unserer Inseltour diese Kirche betreten, setzen sich die Touristen erstmal aufs Urnenfeld“, berichtet die katholische Tourismusseelsorgerin Marion von Brechan über die erste Begegnung von Besuchern mit dem Kolumbarium in der Garzer Kirche Herz-Jesu. „Wenn ich erkläre, was die weißen Felder mit der Glasplatte darauf sind, stehen sie schnell wieder auf.“ Seit Sommer 2018 sind in der katholischen Kirche Urnenbeisetzungen möglich, obwohl sich rund um die Kirche nie ein Friedhof befand.
Beerdigungsform muss sich noch herumsprechen
„Menschen brauchen Orte der Erinnerung und Trauer, sie müssen wissen, wo ihre Lieben sich befinden“, ist Pfarrer Andreas Sommer überzeugt. Ein Ort der Trauerbewältigung und der Begegnung mit den verstorbenen Angehörigen soll die Herz-Jesu-Kirche in Garz sein. 336 Plätze für Urnen stehen bereit. Die erste Beisetzung mit Requiem fand am 26. Juni 2018 statt. Die Rüganerin Gabriele Zschoch wollte unbedingt in ihrer Kirche beerdigt werden. Im Frühjahr 2018 starb sie. Eine zweite Beisetzung folgte bis jetzt noch nicht. „Es gab schon Anfragen, aber es wird auch noch lange brauchen, bis sich diese Form der Beerdigung herumgesprochen hat“, meint Pfarrer Andreas Sommer.
Nach den Vorstellungen der rund 1700 Mitglieder starken katholischen Rügener Gemeinde soll ihre Garzer Kirche ein Ort „für die Lebenden und die Toten“ sein. Seit 2011 haben sie zusammen mit dem damaligen Pfarrer auf Rügen, Arnd Franke, um eine intensivere Nutzung gekämpft. Stelen waren nach der Sanierung des Gebäudes zunächst angedacht. Doch so wirklich wollte diese Umsetzung nicht in den Kirchenraum passen. Ein Wettbewerb wurde vom Erzbistum Berlin ausgeschrieben. Fünf Künstler hatten sich mit ihren Ideen beworben.
Eine Jury entschied sich für die Umsetzung des Vorschlages von Evelyn Körber. Auf jeder Seite vom Mittelgang stehen drei flache bankähnliche Felder aus hellem Beton, milchiges Glas bedeckt jede Urnenstelle. Das Glas ist strukturiert. Der Betrachter meint Wellen und Wassertropfen zu erkennen. „Unterschiedliche Spuren entstehen durch Lichteinfall. Und die Begräbnisstätte ist nicht anonym, denn auf jeder Platte besteht die Möglichkeit eine geschwungene Glasplatte anzubringen mit dem Namen und den Daten der Verstorbenen. „Das finde ich enorm wichtig. Ich erlebe es immer wieder in der Trauerarbeit, wenn Menschen auf der Ostsee beigesetzt werden wollen oder auf einem anonymen Urnenfeld, dass den Angehörigen dann doch der Ort zur Trauer fehlt“, berichtet der katholische Pfarrer Andreas Sommer. Dabei sei aber auch klar, dass es in Herz-Jesu nur christliche Beisetzungen geben wird. „Freie Redner sind hier nicht gestattet. Wenn sich jemand dazu entscheidet, hier beigesetzt zu werden, muss ihm vorher der christliche Charakter klar sein“, betont der Dekan für Vorpommern. Auf der anderen Seite könnten natürlich auch Atheisten hier beigesetzt werden: „Ich kann ein Ehepaar, bei denen der eine katholisch beziehungsweise christlich ist und der Partner Atheist ja im Tode nicht einfach trennen. Das ist nicht fair“, erklärt Sommer weiter. Dennoch sei ja jedem, der sich für diese Ruhestätte entscheidet, klar, dass die Kirche immer noch als solche genutzt wird.
Weiter Ort für Seelsorge und Gottesdienst
Trotz der Urnenfelder wird das Gebäude weiterhin aktiv genutzt, zu den Messen zum Beispiel am Dienstag, an denen wöchentlich nur noch fünf bis sechs Gläubige teilnehmen. Und im Sommer im Rahmen der Urlauberseelsorge. Hier bot Marion von Brechan immer dienstags eine offene Kirche an, war als Ansprechpartnerin mit vor Ort und abends gab es eine Buchlesung. „Die Lesungen haben wir in Zusammenarbeit mit dem Stralsunder Hospizdienst der Caritas gestaltet“, berichtet Marion von Brechan. So waren Sterben, Tod und Sterbebegleitung Themen der Abende. Die Resonanz fiel unterschiedlich aus, mal kamen drei, mal bis zu 16. „Dreimal auch niemand“, so die katholische Tourismusseelsorgerin weiter. Auf der Inseltour sah das ganz anders aus.
Für viele war die Nutzung einer Kirche als Begräbniskirche neu und so mancher nahm einen Flyer mit. „Für einige Gäste stand die Frage im Raum, was sie selber mit ihrer Kirche machen könnten. Da ist die Nutzung als Begräbniskirche eine gute Idee“, erzählt sie weiter. Auch der Hospizdienst besucht die Garzer Kirche Herz-Jesu öfters. So ist sie ein Punkt in der Ausbildung der Ehrenamtlichen, wenn es um Formen der Beisetzung geht. Darüber hinaus hat sich die zukünftige Großgemeinde Rügen-Stralsund-Demmin die Themen Trauerarbeit, Sterben, Umgang mit dem Tod ins Konzept geschrieben. Pfarrer Sommer ist sicher: „Die Themen Tod und Sterben finden kaum Resonanz in der Öffentlichkeit und sind doch so wichtig.“