Kriegsgefangene als KirchenbauerDie Heilandskapelle in Frankfurt/Oder wurde neu eröffnet

Polnische Kriegsgefangene durften die katholische Messe besuchen. Foto: Gunnar Lammert-Türk

Frankfurt an der Oder. Etwas außerhalb, im Nordwesten Frankfurts, steht zwischen lauter Einfamilienhäusern ein Bau, der wie ein Fremdkörper wirkt. Ganz aus Holz und mit Schnitzereien geschmückt, weckt er Erinnerungen an russische Märchenfilme und Dörfer.

Es ist der einzige Zeuge eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers, das sich im Ersten Weltkrieg dort befand und von seinen Insassen errichtet wurde. Es waren die im August und September 1914 in den Masuren besiegten Offiziere und Soldaten der zaristischen Armee. Frankfurt an der Oder lag nah genug am Kriegsschauplatz in Ostpreußen, um die Gefangenen nicht allzu weit transportieren zu müssen und weit genug, um ihnen eine Flucht unattraktiv erscheinen zu lassen.

Seinerzeit stand der Bau, der als Kirche und Kulturraum genutzt wurde, im Zentrum des Lagers. Alle anderen Gebäude waren darum angeordnet. Die exponierte Stellung der Kirche entsprach der großzügigen Auslegung einer Bestimmung der Haager Landkriegsordnung. 1907 erschienen, legte sie die Regeln im Umgang mit Kriegsgefangenen fest. Dort heißt es in Artikel 18: „Den Kriegsgefangenen wird in der Ausübung ihrer Religion mit Einschluss der Teilnahme am Gottesdienst volle Freiheit gelassen.“

Nach der Auflösung des Lagers wurde der Bau von Deutschen, die aus polnischen Gebieten vertrieben wurden, als Kirche einer so genannten „Heimkehrsiedlung“ genutzt. Die Stadt übereignete das Gebäude schließlich der evangelischen Kirchengemeinde, die es bis heute nutzt.

Ein Förderverein hat sich um die denkmalgerechte Sanierung gekümmert. Am 3. August dieses Jahres wurde die Kirche neu eröffnet. „Hier sollten Nachschubeinrichtungen gestaltet werden, die dann auf schnellstem Wege wieder nach Osten verlagert werden konnten“, sagt Rolf Haak, der in dieser Gegend heranwuchs. „Aber da man schnell sehr viele Kriegsgefangene gemacht hatte, sah man sich genötigt, so schnell wie möglich ein Kriegsgefangenenlager in der Nähe einzurichten und dafür eignete sich Frankfurt/Oder-Gronenfelde, also unsere Ecke hier, gut.“

Hier im Nordwesten von Frankfurt an der Oder, wo sich heute eine Einfamilienhaussiedlung befindet, wurde ab Spätsommer 1914 ein Kriegsgefangenenlager für etwa 23 000 Insassen aufgebaut, von russischen Kriegsgefangenen unter deutscher Anleitung. Vom einstigen Lager ist nur ein hölzerner Bau mit einem Turm an seiner Eingangsfront übrig geblieben, in sibirischer Blockbauweise errichtet. Die russischen Handwerker unter den Gefangenen bewiesen hier ihr Geschick und schmückten den Bau in der Tradition ihrer Heimat: mit Zierleisten an Fenstern und Giebeln und zahlreichen Schnitzereien.

Auch die Bänke im Inneren sind etwas eigenwillig gestaltet, wie Rüdiger Hund-Göschel, Vorsitzender des Fördervereins zum Erhalt des Baus, erläutert: „Die Bänke haben die Besonderheit, dass sie keine Rückenlehne haben, das hatte eine funktionelle Aufgabe. Die Heilandskapelle wurde als Lesehalle, aber auch als Kulturraum und als Kirche genutzt. Im westlichen, also im hinteren Bereich stand eine kleine Bühne, die bei kulturellen Veranstaltungen genutzt wurde. Man konnte sich umgedreht auf die Bänke setzen, also nicht mit Blick zum Altar, sondern den Blick auf diese Bühne richten.“

Wachmannschaft saß mit Gefangenen zusammen

Bei Theateraufführungen, Konzerten oder Chorauftritten, für die auch die Sängerempore über der kleinen Bühne im Westen genutzt wurde, saßen die Gefangenen mit der deutschen Wachmannschaft zusammen. Der Altar im Osten war dann mit einem Vorhang verhüllt. Das war auch dann der Fall, wenn die Gefangenen sich in die Bücher der Lagerbibliothek vertieften und der Raum zur Lesehalle wurde. Seitlich der Bühne standen Regale mit dem Lesestoff, der den Gefangenen vor der Bühne ausgehändigt wurde. Haak zeigt einen Ausgabezettel für Bücher in der Lesehalle, der auf russisch geschrieben ist. Darauf wurden der Buchtitel, die Ausleihnummer, der Familien- und Vorname des Häftlings und die Baracke, in dem der Ausleihende wohnte, vermerkt. Außerdem findet sich hinter jedem Eintrag das Datum der Ausleihe. „Das hat jeder bei sich getragen. Wenn er ein Buch ausleihen wollte, hat er die Karte vorgezeigt und hat dann entsprechend ein Buch erhalten. Für uns ist ein Stempel sehr interessant, auf dem ‚Gefangenenlager Russenbibliothek Frankfurt/Oder‘ steht.“

40 Mann starkes Gefangenen-Orchester

Für Unterhaltung sorgte auch ein aus russischen Gefangenen gebildetes, 40 Mann starkes Orchester. Daneben konnten die Insassen in zahlreichen Werkstätten ihren Berufen nachgehen. Freilich wurden sie auch außerhalb des Lagers eingesetzt: in der Landwirtschaft, beim Bahn- und Straßenbau. Sie wurden dafür bezahlt und konnten sich mit dem Geld in den Geschäften des Lagers versorgen oder es mit Zinsvergütung in die Lagersparkasse einzahlen.

Auch ihren religiösen und seelsorgerlichen Bedürfnissen wurde entsprochen. Es gab Gottesdienste in der ihnen vertrauten Sprache und Religion. Sowohl in der Lagerkirche als auch Freiluftgottesdienste. Entsprechende Geistliche standen zum Gespräch zur Verfügung.

„90 Prozent der Insassen des Kriegsgefangenenlagers waren orthodoxen Glaubens und wurden durch einen ebenfalls kriegsgefangenen Popen aus dem Kriegsgefangenenlager Küstrin betreut“, weiß Hund-Göschel. „Desweiteren waren auch jüdische Kriegsgefangene hier, wenn auch in kleinerer Zahl. Die wurden 1915 durch den Rabbiner aus Frankfurt/Oder Dr. Solominski und ab 1917 durch den Rabbiner aus Landsberg, dem heutigen Gorzo, den Rabbiner Dr. Elsaß betreut.“

Die wenigen inhaftierten Polen, die in der russischen Armee dienten, durften in Begleitung von Wachpersonal die Messe in der katholischen Kirche von Frankfurt besuchen. So erfuhren die Kriegsgefangenen in Gronenfelde, auch wenn sie die Zwangsgemeinschaft des Lagers ertragen mussten, doch eine recht humane Behandlung. Sie stand in scharfem Kontrast zu den Schrecken auf den Schlachtfeldern. Ganz zu schweigen von den Umständen im Zweiten Weltkrieg, in dem russische Kriegsgefangene entweder gleich erschossen oder durch brutalen Arbeitseinsatz und Mangelernährung ermordet wurden. Unvorstellbar auch, dass deportierte Juden im NS-Deutschland in einem Lager hätten Gottesdienste feiern können, wie es die jüdischen Soldaten der zaristischen Armee im Westen der Lagerkirche in einem kleinen Raum tun durften.

Nach der Rückkehr der Soldaten in ihre Heimat, kamen 1920 Deutsche aus vormalig deutschen Gebieten, die nun zu Polen gehörten, in das Lager. Anstelle der Baracken errichteten sie Häuser für ihre Familien, restaurierten die schon verfallene Kirche und gaben ihr den Namen „Heilandskapelle“. So heißt sie bis heute. Dennoch wird sie weiter gern „Russenkirche“ genannt. Denn nach wie vor erinnert der liebevoll verzierte Holzbau an seine unfreiwilligen Erbauer, die russischen Kriegsgefangenen von damals.