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Menschen vor dem Tod retten

Tausende Menschen leben in Ostdeutschland auf der Straße. Für sie ist der Winter eine besonders bedrohliche Jahreszeit. Daher gibt es vielerorts Hilfsangebote, in Berlin ist das unter anderem seit 30 Jahren die Kältehilfe.

In diesem Jahr startet in Berlin die 30. Kältehilfesaison. Die Kältehilfe begann im Winter 1989/1990 aus der akuten Not heraus: In einer eiskalten Winternacht brachten es die Sozialarbeiter in der Beratungsstelle für Wohnungslose in der Moabiter Levetzowstraße nicht übers Herz, ihre Klienten auf die Straße zu schicken. Sie räumten Tische und Stühle weg, besorgten Matten und Schlafsäcke und ließen die Obdachlosen in der Beratungsstelle übernachten. Im Doppelinterview sprechen Berlins Obdachlosenseelsorger, Diakon Wolfgang Willsch, und der Fachreferent für Wohnungslosenhilfe im Berliner Caritasverband, Kai-Gerrit-Venske, über das Hilfsangebot, das Winter für Winter Leben rettet.

Wie hat sich die Kältehilfe seit ihrem Beginn entwickelt?

Venske: Die Kältehilfe ist ein einzigartiges Projekt, um Menschen vor dem Erfrieren zu bewahren, ihnen ein Bett, eine warme Mahlzeit und Zuwendung zu geben. Sie hat sich zu einem gleichsam unverzichtbaren Netz unterhalb der staatlich organisierten Unterbringung entwickelt und ist inzwischen leider nötiger denn je. Von einigen hundert ist sie auf über 1200 Plätze angewachsen, vor allem in den letzten drei Jahren. In vielerlei Hinsicht stellt die Kältehilfe einen Ausfallbürgen für unzureichend vorhandene oder nicht gewährte Angebote, insbesondere auch für obdachlose Bürger dar, die zumeist perspektivlos auf Berlins Straßen gestrandet sind.

Willsch: Die Kältehilfe hat ihre Wurzeln Ende der 1980er Jahre in kirchlichen Initiativen, Bewegungen, Orden und Gemeinden. Von Anfang an war sie ökumenisch ausgerichtet und nicht auf den kirchlichen Raum begrenzt – ein Netzwerk von engagierten Akteuren. Hier trifft der Caritas-Slogan „Not sehen und handeln“ zu. Die Kältehilfe ging in den letzten 30 Jahren durch viele Phasen. Ich erinnere mich, wir hatten nach der Wende von der Gemeinde ein Projekt Am Treptower Park. Die Sozialstadträtin aus dem Bezirk sagte, sie kenne keine Treptower Obdachlosen, das seien alles Kreuzberger, Schwaben und Westdeutsche. Da hatte sie nicht Unrecht. Es gab auch den „klassischen Wendeverlierer“, der seinen Job, dann die Familie und Freunde verlor und schließlich mit dem Systemwechsel überfordert war. Vor dem Beitritt Polens zur EU kamen viele Bürger aus den Folgestaaten der UdSSR bei uns an. Das änderte sich mit der Schließung der Ostgrenze Polens. Mit dem Beitritt Polens zur EU und der Freizügigkeit kamen eine Zeit lang viele Polen, später Menschen aus den Balkanstaaten, im Zeichen der Finanzkrise vermehrt West- und Südwesteuropäer. In den letzten Jahren stiegen die Zahlen rasant. Die Gäste werden internationaler, sind jünger und öfter psychisch auffällig.

Welche Probleme sind geblieben?

Venske: Was damals wie heute noch immer oder besser gesagt wieder so ist, das sind die langen Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen, sinnbildlich für die offensichtliche Wohnungsnot in der Stadt. Die Kältehilfe war und ist keine Antwort darauf, aber sie hilft, das allergrößte Elend zu lindern, Schlimmstes zu verhindern und ein wenig Wärme zu den obdachlosen Menschen zu bringen.

Welche Rolle spielt die kirchliche Obdachlosenhilfe, welche die anderer Hilfsorganisationen, welchen Anteil hat der Staat?

Willsch: Ein entscheidender Schritt war, dass sich die Gemeinden bewusst waren, dass die Solidarität mit den Bedürftigen und die Hilfe zutiefst im Evangelium und Leben der Kirche verankert und ein Gebot für jeden Christen ist. Es handelt sich aber auch um eine gesellschaftliche Aufgabe. Hier griffen kirchliches Engagement und politisches Wirken ineinander, sodass 1990 die ersten von der Stadt finanzierten Nachtcafés und Notübernachtung in den Gemeinden entstanden. Nicht alle kirchlichen Initiativen gingen diesen Weg der staatlichen Finanzierung mit. Manche wollten ihre Freiheit und Eigenständigkeit bewahren und wirken außerhalb der Kältehilfe im kirchlichen Raum zum Teil bis heute sehr nachhaltig.

Venske: Die von katholischen und evangelischen Hilfeorganisationen und Kirchgemeinden betriebenen Notübernachtungen und Nachtcafés waren über viele Jahre für die Kältehilfe prägend. Das Herz, das hier für obdachlose Menschen gezeigt wurde, war vorbildhaft, sodass in Zeiten wachsender Not inzwischen neben dem DRK-Wärmebus auch Einrichtungen aus allen anderen Wohlfahrtsverbänden dazugekommen sind. Das Land Berlin unterstützt schon länger durch die Finanzierung eines Kältehilfetelefons, seit zwei Jahren nun auch durch eine ganzjährige Koordinationsstelle, die insbesondere bei der jährlich neu anfallenden Immobiliensuche helfen soll.

Erstmals sollen in Berlin die Obdachlosen gezählt werden. Welchen Nutzen hat das Ihrer Sicht?

Venske: Die Straßenzählung, die erstmalig in der Nacht vom 29. auf den 30 Januar 2020 erfolgen soll, ist als ein Teil eines sehr viel größeren Paketes, einer Wohnungsnotfallstatistik, anzusehen. Diese soll erfassen, wie groß der eigentliche Eisberg Wohnungslosigkeit, dessen sichtbare Spitze die obdachlosen Menschen auf der Straße sind, tatsächlich ist und wie sich dieser verändert. Diese Angaben benötigen wir, um besser steuern zu können und um den Dingen vielleicht auch schonungsloser, aber – aus Helfersicht – auch ohne Mythenbildung in die Augen blicken zu können.

Willsch: Wenn man der Obdachlosigkeit entgegenwirken möchte, muss man wissen, womit man es zu tun hat. Fakten und Zahlen haben ihre Berechtigung und werden benötigt. Gleichzeitig sehe ich Grenzen. Zum einen beim erhobenen Datenmaterial: Wir können in den Einrichtungen zählen. Obdachlosigkeit und Elend sind in der Stadt sichtbar. So können wir auch Teams auf die Straßen schicken, um zu zählen. Dennoch wird da, wie ich meine, eine große Dunkelziffer bleiben, denn viele Obdachlose leben verborgen. Ein weiterer Punkt: Die Kältehilfe dient als Schutzraum. Wir wollen, dass die Menschen Vertrauen fassen. Manche der Gäste fühlen sich verfolgt, andere sind es. Viele sind in ihren Beziehungen gebrochen. Andere sind psychisch auffällig oder suchtkrank. Je stärker der Anschein erweckt wird, dass wir Daten erfassen und weiterleiten, umso mehr besteht die Gefahr, dass wir Vertrauen aufs Spiel setzen und Bedürftige die Straße als den vermeintlich größeren Schutzraum sehen und draußen bleiben.

Welche konkreten Maßnahmen der Obdachlosenhilfe sind darüber hinaus am dringendsten?

Venske: In erster Linie gilt es, die Wohnungsnot in der Stadt zu bekämpfen. Wohnungsneubau, aber auch der Erhalt bezahlbaren Wohnraums müssen Hand in Hand gehen. Den Fokus nur auf die Straßenobdachlosigkeit zu richten, wäre fatal. Deshalb ist es begrüßenswert, dass es nach einem umfassenden Strategieprozess endlich neue Leitlinien für die Wohnungspolitik in Berlin gibt, die auch mit entsprechenden Maßnahmen hinterlegt sind. Diese gilt es energisch umzusetzen.

Willsch: Für die Kältehilfe brauchen wir im Innenstadtbereich Räume für Projekte. Kleine Einrichtungen können dem Druck des Mietmarktes nicht mehr standhalten. Da ist auch die Kirche gefragt. Im Rahmen der Spar- und Fusionierungswelle des Erzbistums Anfang der 2000er Jahr verloren allein in Kreuzberg zwei Notübernachtungen die Möglichkeit, Räume in den Gemeinden zu nutzen. Begründet wurde das mit den Sparzwängen oder anderen konzeptionellen Schwerpunktsetzungen. Noch heute sehe ich im Innenstadtbereich, dass Gemeinden lieber ihre Räume ungenutzt lassen, als sie zum Zwecke des Gemeinwesens oder gar von der Kältehilfe (zwischen-)nutzen zu lassen. Das ist eigentlich ein Skandal. Andere Gemeinden agieren vorbildlich und stellen sich der Herausforderung.