„Minderheit verharrt in Privilegien“

Angelika Streich und David Holte. | Foto: Walter Plümpe

Provokante Thesen gab es zu hören bei der Buchvorstellung von „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ von Erik Flügge und David Holte. Organisiert hatten sie das Kathedralforum und und die Katholische Frauengemeinschaft.

„90 Prozent der Kirchenmitglieder nehmen nicht am Gemeindeleben teil. Sie zahlen nur für den Rest. Kann das wirklich die Idee einer Kirche sein?“ Diese Frage stellte Co-Autor David Holte seinen gut 30 Zuhörern im Bernhard-Lichtenberg-Haus. Bettina Birkner vom Kathedralforum und Angelika Streich von der katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands hatten ihn zur Vorstellung seines Buches eingeladen. Zusammen mit Erik Flügge hatte der junge Kölner zum letzten Katholikentag in Münster das Buch geschrieben „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“. 70 Seiten „provokant und subjektiv“, wie er einräumte.

Trotz vieler Belege für einen Glaubensschwund hat Holte das Christentum noch nicht aufgegeben. „Ich glaube noch daran, dass es bestehen kann. Weil das Christentum vielleicht die faszinierendste unter allen Religionen ist. Die eine Religion, die nicht den Sieger feiert, sondern den Gekreuzigten“, las er aus seinem Buch vor.

Den Abend eröffnete er mit einem gedanklichen Experiment: „Ich möchte mir eine Kirche vorstellen, die 90 Prozent ihrer gesamten zur Verfügung stehenden Mittel für die 90 Prozent ihrer Mitglieder aufwendet, die heute nicht am Gemeindeleben teilnehmen. Die 10 Prozent, die heute alles bekommen, sollen in dieser Kirche den Anteil haben, der ihnen entspricht: ein Zehntel vom Ganzen.“

 

Jedes Gemeindemitglied acht Mal besuchen

Was könnte diese Kirche tun, wenn sie all ihr Geld in Personal investieren würde?, fragte er weiter. Am Ende seiner Zahlenspiele stand ein ganzer Arbeitstag, der pro Haushalt zur Verfügung stünde. „Für die allermeisten wäre das unfassbar viel mehr als alles, was sie jemals mit ihrer Kirche erlebt haben“, resümierte er. „Sehr viel Zeit für alle – außer natürlich für die Wenigen, die seither alles bekommen.“ Die wenigen Kirchenmitglieder, die aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, „nehmen alles für sich und teilen nicht gerecht“. Das verstand er nicht als Vorwurf, da die Kirche genau diese Nutzung anbiete.

Für eine Gemeinde mit 5000 Haushalten ließe sich mit 30 Personen ein zweistündiger Besuch finanzieren, „und das sechs Stunden am Tag, also drei Besuche pro Mitarbeiter pro Tag“. Das ergäbe zusammen 43 200 Besuche, ohne eine einzige Überstunde gesammelt zu haben. Bei 5000 Haushalten würde jedes Gemeindemitglied sogar über acht Mal besucht. „Man könnte über Gott und die Welt sprechen und vielleicht genau das werden, wofür sich viel zu viele Menschen heute Therapeuten suchen: Seelsorger.“

Statt in Hausbesuchen stecke das Geld im Unterhalt von Gebäuden, in Diözesanverwaltungen, Universitäten, Struktur und Binnenkultur. „Es steckt überall, nur nicht im Glauben vieler Mitglieder“, beklagte Holte die Privilegien der 10 Prozent. Diese Minderheit wolle keine Veränderung dieser Situation. Daher würden die Privilegien hartnäckig verteidigt. „Nichts darf sterben, aber alles im langen Siechtum verweilen.“ Hinter diesem Vorwurf sah der Autor „systemischen Egoismus“ und forderte eine Umkehr des Prinzips vom Abwarten zum Aufsuchen.

Seine provokanten Thesen beendete David Holte mit einem Vorschlag: Postkarten an alle Gemeindemitglieder zu Ostern, handgeschrieben von Mitgliedern. Der Text könnte lauten: „Ostern ist das wichtigste Fest für uns Christen. Wir feiern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, und hoffen deshalb darauf, dass auch wir von den Toten auferstehen. Sie sind Mitglied in unserer Kirche, und darum wollen wir Ihnen mit dieser Karte Hoffnung machen. Wir glauben, dass Sie auferstehen werden. Herzliche Grüße von Ihrer Kirchengemeinde. Schön, dass Sie bei uns Mitglied sind.“

Erik Flügge/David Holte: Eine Kirche für viele statt heiligem Rest, Herder 2018. ISBN: 978-3-451- 38327-4, Preis: 8 Euro