Mit Mutters Perlmuttkreuz

Michael Asderis, Das Tor zur Glückseligkeit

Seit 2006 lebt Michael Asderis in Potsdam. Tief eingegraben in sein Gedächtnis ist die Vertreibung aus Istanbul. Über das Schicksal seiner christlichen Familie hat er ein „erzählerisches Sachbuch“ geschrieben.

Das Perlmuttkreuz gehört zu Michael Asderis‘ innigsten Erinnerungen an seine Mutter. Als sie vor 15 Jahren starb, nahm er es aus ihrer Wohnung in Frankfurt am Main mit. Das Kreuz war ein steter Begleiter der Mutter, nicht als Schmuckstück, sondern als tröstendes, hoffnungsvolles Symbol ihres Glaubens.

 

Von Glückseligkeit ausgeschlossen

Auch als sie aus Istanbul 1964 ausgewiesen wurde und zunächst nach Athen ging, fand das Kreuz neben den wenigen Kleidungsstücken und Fotografien, die sie in einem Koffer mitnehmen durfte, Platz. Der seit 2006 in Potsdam lebende Autor Michael Asderis erzählt in seinem Buch „Das Tor zur Glückseligkeit“ von seiner Familie. Von Glückseligkeit wurde die Familie, die mit griechisch-italienisch-armenischen Wurzeln seit 1848 dort ansässig war, in der Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts ausgeschlossen.

Das Buch ist im Binooki Verlag Berlin erschienen, der türkische Literatur ediert. In ihm wollen die Verlegerinnen Selma Wels und Inci Bürhaniye, wie sie selbst sagen, „ein Bild der Türkei abseits von Klischees, Moscheen und Tausend-und-einer-Nacht-Fantasie zeigen, ein Bild der modernen Türkinnen und Türken, das hierzulande nicht nur seit der aktuellen politischen Situation unterzugehen droht“. Das Buch von Asderis reiht sich in die Verlagspolitik bestens ein, denn es gibt Kunde von Menschen einer christlichen Minderheit in Istanbul, deren Schicksal heute weitgehend vergessen ist. Die Erinnerung an sie macht die Veröffentlichung wichtig, ja kostbar.

Die Familie des Autors erlebte in Istanbul – man nennt die Stadt das Tor zur Glückseligkeit – auch Zeiten, in der ihre religiöse Glaubensrichtung respektiert wurde. Sie war römisch-katholisch, griechisch-orthodox sowie griechisch- katholisch geprägt. Dann kommen noch die verschiedenen Ethnien dazu. Das könnte ziemlich verwirrend für Außenstehende sein, bekennt auch Michael Asderis. Doch in „Das Tor zur Glückseligkeit“ versucht er geordnete Wege durch das für Unkundige dichte Gestrüpp der Geschichte christlicher Minderheiten in der Türkei und in dem Vorgängerstaat, dem Osmanischen Reich, zu schlagen. Als erzählerisches Sachbuch bezeichnet er seine Arbeit, an der er rund zehn Jahre mit intensiver Recherche, Akribie und Herzblut arbeitete. Immer wenn Michael Asderis von seinen Nächsten berichtet, atmet der Text eine große Innigkeit und Liebe, auch Trauer über das, was ihnen an Leid zugefügt wurde.

Anfang 1964 wurde eine intensive Stimmung gegen die christliche Minderheit mit griechischem Pass gemacht. Den politischen Interessen, der nationalistischen Ideologie mussten sich die Nichtmuslime immer wieder unterordnen. Asderis zitiert eine türkische Zeitung, dass sie von Kopf bis Fuß rassistisch, chauvinistisch, abstammungslos seien: „Ihnen gegenüber darf man nicht eine Sekunde sein nationales Bewusstsein vernachlässigen. Sie schummeln, schmuggeln, betrügen. Wenn es passt, bringen sie auch um.“ Solch eine Hetze erinnert an nationalsozialistische Verfolgungsjagden. Tief eingegraben in Michael Asderis‘ Gedächtnis hat sich die organisierte Vertreibung seiner Familie aus dem geliebten Istanbul. Da war er knapp 14 Jahre alt.

 

In Deutschland Atem zum Leben gefunden

Sein Vater wurde mit gut 12 000 Menschen, die einen griechischen Pass hatten, aus der Türkei ausgewiesen. Die Eltern und Michael kamen nach Deutschland. Hier fanden sie wieder den Atem zum Leben. Doch die Türkei empfanden sie immer als Heimat. Das Perlmuttkreuz hat Asderis nach dem Tod seiner Mutter nach Potsdam mitgenommen.

Michael Asderis, Das Tor zur Glückseligkeit. Migration, Heimat, Vertreibung – die Geschichte einer Istanbuler Familie, Binooki Verlag, ISBN: 978-3-943562-62-0, 28 Euro.