Ojcze nasz oder Vater unserDeutsche und Polen beim gemeinsamen Urlaub mit geistlichen Akzenten in Niederschlesien

Rund 100 Deutsche und Polen verbrachten im August zehn Urlaubstage mit geistlichem Inhalt in Niederschlesien: Natürlich gehört auch das gemeinsame Tanzen und Singen am Lagerfeuer dazu. Foto: Geneviève Hesse

Berlin/Duszniki Zdrój. Seite 1993 treffen sich Deutsche und Polen im polnischen Duszniki Zdrój zu einer geistlichen Freizeit. Neben geistlichen Impulsen und Freizeitangeboten gibt es viel Gelegenheit, über das deutsch-polnische Miteinander ins Gespräch zu kommen.

In der Franziskanerkirche des Kurorts Duszniki Zdrój halten sich die Gottesdienstbesucher an den Händen und stimmen „Ojcze nasz“/ „Vater unser“ an. Jeder singt in seiner Muttersprache. Die Worte vermischen sich harmonisch mit den Klängen der Musikgruppe, die mit Gitarren, Geigen und Cello die heilige Messe begleitet. Auch der Priester ist zweisprachig. Mal betet er auf Deutsch, mal auf Polnisch. Die Lesungen finden hintereinander in beiden Sprachen statt. Bei der Predigt wird gedolmetscht.

Gemeinschaft Monte Crucis organisiert Treffen seit 1993

Sogar ein eigenes, deutschpolnisches Liederbuch mit neuen geistlichen Liedern wurde für die Duszniki-Treffen erstellt. Die geistliche Freizeit organisierte die Gemeinschaft Monte Crucis zum ersten Mal im Jahr 1993 – und seitdem jährlich zusammen mit einem polnischen Team aus Lodz. Initiiert hatte die Begegnung der Berliner Jesuitenpater Hubertus Tommek, der 1940 im benachbarten Albendorf – heute Wambierzyce – geboren wurde. Wambierzyce, ein Marienwallfahrtsort aus dem 13. Jahrhundert, wird auch als das schlesische Jerusalem bezeichnet, weil die Heilige Stadt um die imposante Basilika des Ortes vor 300 Jahren topografisch nachgebildet wurde. Die Pilgerfahrt nach Wambierzyce, wo die Mutter Gottes als Königin der Familie verehrt wird, ist der Höhepunkt der geistlichen Freizeit. Pater Tommek ist trotz seiner Parkinson-Erkrankung immer noch dabei. Die täglichen Gottesdienste hielten in diesem Sommer der Jesuit Norbert Frejek aus Rom und der Franziskaner Cherubin Zylka, der zu den vom Papst entsandten „Missionaren der Barmherzigkeit“ gehört.

Nicht nur das Geistliche, auch das Freizeitprogramm mit Ausflügen, Bergwanderungen, Besichtigungen oder Wellness vor Ort ist verlockend. Nach der heiligen Messe gibt es täglich zwei Angebote zur Auswahl und zwei Busse ermöglichen bequeme Fahrten in die Umgebung. Vor den geistlichen Abendimpulsen kann man polnisch lernen, danach sich im Café oder mal im Tanzlokal treffen. Einmal gibt es einen Abend am Lagerfeuer.

Die deutsch-polnische Gruppe setzt sich aus Familien und Einzelreisenden aller Altersgruppen zusammen. Für manche ältere Teilnehmer schwingt die eigene, familiäre Flucht- oder Vertreibungsgeschichte mit. „Natürlich ist das oberschlesische Dorf Friedrichsthal – heute Zagwizdie – in meinem Herzen immer noch meine Heimat“, sagt die 75-jährige Irmgard Sygulla, die zum fünften Mal mit ihrem Mann dabei ist. Als Deutsche musste sie 1944 von Zagwizdie fliehen. Fünf Jahre später zog sie mit ihrer Familie zurück. Erst 1974 kam sie nach Berlin als Spätaussiedlerin. „Heute bin ich in Berlin glücklich. In Duszniki Zdrój freue ich mich genauso über die ,echten‘ Polen wie über die Deutschen.“

Gemeinsame Gebete und viele Gespräche

Die 1939 in Oberschlesien geborene Berlinerin Erika Springer war von Anfang an am Aufbau der geistlichen Freizeit beteiligt. In den ersten Jahren spürte sie eine gewisse Reserviertheit von Seiten einiger Teilnehmer aus der polnischen Gruppe. Es gab viele Gespräche. „Unsere täglichen Gebete zusammen zum selben Gott in der Eucharistie waren – und sind heute noch – eine wichtige Basis für unser Zusammenfinden. Es ist noch etwas anderes als Gespräche.“ Heute umarmen sich Deutsche und Polen rührend zum Abschied, schreiben sich an Feiertagen und besuchen sich. Johannes Beimesche findet es immer noch problematisch, wenn „Deutsche hier Boden und Land kaufen wollen, 60 Jahre nach dem Vernichtungskrieg der Deutschen in Polen. „Aber Urlaub, das ist völlig okay und außerdem sehr schön.“ Deswegen nimmt der 50-jährige Pankower jeden Sommer mit Frau und Kindern an der Freizeit teil. Auf der polnischen Seite berichtet die 1957 geborene Mirka Zmuda, wie eine deutsche Teilnehmerin einmal Gott um Entschuldigung für die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg bat. „Dabei war sie selbst keine Täterin! Wir auf der Opferseite sehen es nicht als notwendig an, dass die deutschen Nachfahren einen Schuldkultus gegenüber der Vergangenheit pflegen.“ Das einfache Annehmen der historischen Wahrheit würde reichen. Sie zitiert die Bibel: „Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien“.

Neue Teilnehmer sind für die nächste Freizeit vom 21. bis 30. Juli 2017 herzlich willkommen.

Anmeldungen unter:

Gemeinschaft Monte Crucis
Lausitzer Str. 46
10999 Berlin
E-Mail: info@glsberlin.de