Pilgern digital

Eine Übersicht der ersten Pilgerwoche. Ziel ist nach sieben Wochen die Kapelle der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung.

Handy und Pilgern – ist das nicht ein Widerspruch? Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen sieht das nicht so: Sie hat eine Pilger-App entwickelt. Ein Selbstversuch.

Als ich angefragt werde, eine Pilger-App zu testen, stutze ich: Gepilgert bin ich schon öfter, aber das Handy war dabei still irgendwo in der Tasche. Allerdings ist mein Smartphone ein Teil meines Lebens geworden. Ich habe eine App (Programm) für die Wettervorhersage, mit einer anderen halte ich den Kontakt zu meiner Familie und mit einer dritten schreibe ich gerade diesen Artikel. Warum also keine App fürs Pilgern? Ich lade sie herunter.

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) hat die Pilger-App auf den Markt gebracht, unter anderem unterstützt vom Ökumenische Rat Berlin-Brandenburg. Ist das Pilgern nun im digitalen Zeitalter angekommen?

Die App startet mit dem Bild von einem Weg durch saftiges Grün. Organisatorisch ist sie am Wochenzyklus von Montag bis Sonntag ausgerichtet. Beim ersten Öffnen muss ich mich erstmal registrieren. Das ist nötig, weil es in der Pilger-App auch um Austausch mit anderen Pilgern gehen soll. Ich wähle Deutsch als Sprache aus, schreibe meinen Vornamen hin. In der App kann ich auch noch Einstellungen für die Privatsphäre vornehmen und entscheide mich für die mittlere Variante: Die Leute, die ich unterwegs treffe, sollen auch mit mir in Kontakt treten können.

Auf etwas verzichten, um Neues zu entdecken

Pilgern heißt in der App: 30 Minuten oder mehr am Tag zu Fuß unterwegs sein, auf etwas verzichten und etwas entdecken. Ich entscheide mich beim Verzicht für diese Woche für „kein unnötiges Shopping“ (englisch für Einkaufen), es gibt aber neben „kein Zucker“, „kein Alkohol“ oder „kein Plastik“ noch reichlich andere Optionen, oder auch ein freies Feld für eigene Ideen. Beim Laufen könnte ich längere Zeitspannen auswählen (alternativ geht auch meditieren), aber 30 Minuten sind für mich realistisch und zum Reinkommen gut – Pilgern ist ja kein Leistungssport.

Montag. Ich starte in der App die heutige Etappe und laufe einfach erstmal los. Ich habe eine gute Wohnlage in Berlin, zur Spree ist es nicht weit und so laufe ich am Wasser entlang stadt- einwärts. Mir fällt auf, dass jetzt die Bäume endgültig mehr gelb als grün sind und überall Kastanien am Boden liegen – es ist Herbst geworden. Meine Gedanken schweifen hier- und dorthin; in meinem Leben stehen gerade wichtige Entscheidungen an, jetzt hat mein Kopf Zeit sie zu beackern. An einer Brücke sehe ich eine aufgesprühte Sternschnuppe: Passend, finde ich, denn im Berlin des Jahres 2021 würden Maria und Joseph wohl unter einer Brücke ein Domizil finden – wie viele Menschen unserer Zeit auch. Schnell das Handy gezückt: Klick, Foto gemacht, ich lade meine erste Wegmarke hoch. Die kann jetzt andere Pilger inspirieren.

Dienstag. Wieder laufe ich einfach los. Ich habe gestern beim Hochladen der Wegmarke gesehen, dass an der Stelle zum Hochladen der Bilder ein Impuls hinterlegt ist. Den hätte ich mir etwas prominenter erwartet. Heute denke ich drüber nach, ob es schon pilgern ist, wenn ich eine halbe Stunde am Tag einfach nur laufe. Früher hatten meine Pilgerwege immer ein Ziel, häufig Marienwallfahrtsorte wie Kevelaer, Neuzelle oder Tschenstochau. Hier ist offenbar das Laufen selbst, ist der Weg das Ziel. Ein abgedroschener Spruch ... Auf meinem Weg komme ich an meiner Lieblingskonditorei vorbei. Letzte Woche habe ich mir hier noch ein Stück Torte mitgenommen. Aber jetzt habe ich ja „kein unnötiges Shopping“ als Verzicht gewählt … Ich fange an, mit mir zu diskutieren: Ist Torte Shopping? Fallen da nicht nur Klamotten und Technik drunter? Ist Torte unnötig? Immerhin macht sie glücklich! Aber dann entscheide ich: Torte ist Luxus. Ich brauche sie nicht, sondern möchte sie nur gern. Also bleibt sie heute ungekauft. Ich will ja nicht schon am zweiten Tag mogeln.

Mittwoch. Heute habe ich es eilig, weil ich mittags verreisen muss, denn morgen habe ich einen Termin im Taunus. Ich bin nervös. Trotzdem entscheide ich mich für meine Pilgeretappe. Bevor ich losgehe, mache ich ein Kreuzzeichen und unterwegs bitte ich Gott um Segen für meine Reise. Pilgern ist das, was ich selbst draus mache. Das Laufen tut mir gut.

Donnerstag. Ich habe bei einer Freundin in Wiesbaden übernachtet und nehme den Bus in das Taunusstädtchen. Leider hat er Verspätung, sodass ich meine Pilgeretappe nicht schaffe. Ich wollte sie mit einer Besichtigung des mir unbekannten Ortes verbinden. Nach dem Termin, der bis zum Nachmittag dauert, geht es sofort wieder zum Zug zurück nach Berlin. Heute bin ich nicht gepilgert.

Freitag. In der App prangt ein roter Balken: „Verspätet“, mahnt er mich. „Ja, aber ich kann doch nichts dafür, ich wollte doch laufen“, möchte ich entgegnen. Egal. Sehr barmherzig von den Machern ist die Möglichkeit, eine Flagge zu heben und damit andere Pilger um Hilfe zu bitten: Vielleicht möchte einer länger laufen und meine Etappe von gestern übernehmen? Ich entscheide mich gegen die Option. Nach dem langen Sitzen gestern ist eine Doppeletappe drin. Wieder gehe ich am Wasser entlang, heute stadtauswärts. Ich biete Gott all das an, was mich bewegt und bitte ihn, meinen irdischen Pilgerweg gut zu leiten. Da sehe ich einen Mann, der mit zwei Gießkannen Wasser aus der Spree holt und am Uferweg die Blumen gießt. Sehr sympathisch finde ich, dass auch das Unkraut an der Ufereinfassung etwas abbekommt. Hier in der Großstadt zählt jede Pflanze – so wie für Gott jeder Mensch zählt. Ich entdecke einen hübschen Spazierweg, den ich noch nicht kannte und ich hänge sogar eine dritte halbe Stunde an: So übernehme ich eine Etappe und helfe einem anderen verspäteten Pilger. Fühlt sich gut an.

Virtuelle Herberge zum Austausch mit anderen

Samstag/Sonntag. Als ich morgens die App öffne, bin ich überrascht: Ich kann keine Etappe starten. Dann fällt mir ein, dass ich gelesen hatte, dass am Wochenende Pause ist in einer Herberge. Die erste Herberge hat Verena gestaltet, die mich in einem kurzen Text freundlich begrüßt. Dann kommt die Möglichkeit, ein Bild meiner Pilgerschuhe hochzuladen, damit andere Pilger sofort sehen, wie viele schon da sind. Auch ein Gästebuch und eine Bücherei erwarten mich. Ich finde eine Kapelle vor, in der ich mir orthodoxe Chormusik anhöre und ein Café, in dem ich mich mit anderen Pilgern per Textnachricht austauschen kann.

Fazit: Beschäftigt hat mich diese Woche vor allem, was Pilgern eigentlich heißt. In dem Tagesimpuls, den ich anfangs übersehen habe, gibt es eine kleine Anregung, aber zum Beispiel Gebete zum Anfang und Ende einer Etappe hätte ich in einer christlichen App schon erwartet. Hier heißt es, selbst den Spazier- zu einem Pilgerweg zu machen … Der Gesamteindruck der Bedienbarkeit ist gut, die App erklärt sich von selbst. Technisch gab es kleinere Schwierigkeiten, zum Beispiel hat es mit dem Hochladen meiner Foto-„Wegmarken“ nicht immer geklappt. Ich denke, die Entwickler werden das Problem noch lösen. Gut getan hat es, wirklich jeden Werktag eine Zeit zu laufen. In meinem Alltag sitze ich ja ohnehin viel zu viel. Im Gehen wird auch der Kopf freier für die großen Fragen des Lebens und so werde ich die App wohl auch nach dieser Testwoche weiter verwenden.