Radio Vatikan auf SächsischRom in Berlin: Die Wahl-Berlinerin Juliane Bittner war „DDR-Korrespondentin“ für Radio Vatikan

Foto: Walter Wetzler

Heute ist Juliane Bittner Redakteurin in der Hörfunk- und Fernseharbeit des Erzbistums Berlin sowie die Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandradio Kultur und Deutsche Welle TV. Angefangen hat sie bei Radio Vatikan. Hier ihr Bericht:

Eines Tages im Frühjahr 1986 rief Pfarrer Konrad Beißel, damals Pfarrer der Kirchengemeinde St. Antonius in Potsdam-Babelsberg, bei mir zu Hause in Berlin-Karlshorst an und fragte, ob er mit einem Gast aus Rom „mal kurz vorbeikommen“ könne. Zwei Stunden später saß Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen, der damalige Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, bei uns im Wohnzimmer.

Radio Vatikan sagte mir nichts; in der DDR konnte der Sender nur mit erheblichem technologischen Aufwand empfangen werden, was ich, ehrlich gesagt, nie ernsthaft erwogen hatte. Pater Gemmingen erläuterte mir also zunächst, was der päpstliche Sender so alles auf Deutsch senden würde. Zum Beispiel Berichte über Beschlüsse und Personalia der Berliner Bischofs- beziehungsweise Ordinarienkonferenz. Das sei die Pflicht, erklärte der Jesuit, doch ihm ginge es ebenso um die Kür: Was passiert in den Gemeinden und Gemeinschaften zwischen Kap Arkona und Suhl, Halberstadt und Frankfurt an der Oder? Was bewegt die Katholiken in der DDR? Wie bereiten sie das Katholikentreffen 1987 in Dresden vor und was erhoffen sie sich von dieser geistlichen Großveranstaltung? Dafür wollte er mich als eine Art „DDR-Korrespondentin“ anheuern.

Berichterstattung via Telefon

Das Prozedere sei so, erklärte mir der Pater: Wenn ich über ein Ereignis, zum Beispiel die Familienwallfahrt nach Alt-Buchhorst, über Pfarrgemeinderatswahlen oder die Religiösen Kinderwochen berichten wollte, sollte ich ihn in Rom kurz anrufen, er würde zurückrufen und meinen Bericht dann via Telefon-Hybrid (ein Gerät, um Telefonate mitschneiden zu können) aufnehmen. Aha. Mir verschlug es erstmal die Sprache.

Mit dem Hinweis, dass ich als Leipzigerin doch recht „sachsophon“ klingen würde, wollte ich raus aus der Nummer. Klappte aber nicht, denn Pater Gemmingen meinte, er hätte sofort gehört, woher ich stamme, was jedoch kein Problem sei, sondern durchaus erwünschtes Lokalkolorit.

„Sie müssen energisch ‚pronto, pronto‘ rufen“

Resümee des Kaffeetrinkens: Sobald ich ein Thema wüsste, Radio Vatikan anrufen („Sie müssen energisch ,pronto, pronto‘ brüllen, damit die sich beeilen, mich an den Apparat zu holen“) und dann sozusagen tiefenentspannt vom Wohnzimmersofa aus meine Geschichte durchgeben. „Und falls die Stasi irgendwann bei Ihnen vor der Tür steht, weil Sie den ,Klassenfeind‘ mit Informationen über Katholisch in der DDR füttern, beenden Sie sofort den Kontakt zu mir, also bitte nicht den Helden spielen“, gab mir Pater Gemmingen noch mit auf den Weg.

Der erste Bericht, den ich lieferte, waren Impressionen eines Treffens der Fokolar-Bewegung in Ostberlin, an dem auch rund 300 Katholiken aus der Tschechoslowakei teilnahmen. Unter ihnen war der spätere Kardinal Miloslav Vlk, der damals als „Untergrundpriester“ bei der Prager Glas- und Gebäudereinigung als Fensterputzer arbeitete. Das mehrtägige Treffen mit den Glaubensgeschwistern aus der CSSR, die unter schmerzhaften Repressalien tapfer ihren Glauben lebten, war erfüllt von berührenden Erfahrungen, von „Nikodemusgesprächen“ und spannenden Begegnungen. Ob der Bericht auch gesendet wurde, wusste ich allerdings nicht, denn Radio Vatikan konnte ich mit meinem Stern- Radio von RFT Sonneberg nicht empfangen, und der Telefonkontakt nach Rom beschränkte sich konspirativ auf das Nötigste.

Anfang 1990, die DDR war untergegangen, lud mich Pater Eberhard von Gemmingen nach Rom ein, um mir das Studio zu zeigen, von dem aus meine Geschichten aus der kleinen katholischen Welt in die große, allumfassende Welt gesendet wurden. Und er vermittelte mir den Kontakt zu Prälat Wolfgang Knauft, dem damaligen Leiter der katholischen Hörfunkund Fernseharbeit im Erzbistum Berlin. Ihm verdanke ich es, dass ich seitdem „auf Sendung“ bin. 

Drei Fragen an Juliane Bittner

Was wurde aus Ihnen und Ihrer DDR-Korrespondentenstelle nachdem sich die DDR in Luft aufgelöst hat?

Eine Stelle war das ja nicht, es ging alles sehr persönlich und ganz gemächlich zwischen Pater Gemmingen und mir zu. Nach der politischen Wende habe ich bis Ende 1990 noch einige Sendungen gemacht, zum Beispiel über das Bildungswesen in der DDR, also zur Frage, wer den Kindern und Jugendlichen mehr geschadet hätte, Erich Honecker oder dessen Frau Margot, die Volksbildungsministerin. Doch gebraucht wurde meine „sachsophone“ Stimme nicht mehr, da nun die Mitarbeiter der Hörfunkund Fernseharbeit des Erzbistums vom Lietzensee sowie die Journalisten von Radio Vatikan das kirchliche Leben im „wilden Osten“ unmittelbar begleiten konnten.

Waren Sie nach Ihrem ersten Besuch bei Radio Vatikan noch einmal da?

Einmal und zwar 1997: Als Senderbeauftragte für den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) habe ich 1997 die Ostermesse und den Segen „Urbi et orbi“ für die ARD kommentiert. In den Tagen der Vorbereitung auf die Übertragung habe ich auch Pater Gemmingen im Sender besucht.

Werden Sie bei der Bistumswallfahrt nach Rom im Oktober Radio Vatikan wieder besuchen?

Weiß ich noch nicht, freue mich aber, dass das imposante Funkhaus des päpstlichen Senders mit ins „Paket“ der Orte, die besucht werden können, gepackt wurde.

Interview: Alexandra Wolff