Raum für Wärme und SchutzCaritas-Chefin Ulrike Kostka: Kältehilfe ist ein Seismograph für soziale Nöte insgesamt

Zum Start in eine neue Saison der Berliner Kältehilfe haben die Akteure auf die Anfänge des Hilfsnetzes für Menschen auf der Straße zurückgeblickt und auf aktuelle Probleme hingewiesen.

Die Berliner Kältehilfe ist in die 25. Saison gestartet. Ursprünglich wurde sie gegründet, um wohnungslose Menschen im Winter vor dem Erfrieren zu schützen. „Mit Hilfe von zahlreichen ehrenamtlichen und beruflichen Mitarbeitern ist ein einzigartiges System entstanden, das den Menschen im Winter nicht nur einen warmen Schlafplatz bietet, sondern auch ein offenes Ohr, etwas zu essen und soziale Hilfen“, sagt Caritas-Direktorin Ulrike Kostka. Seit Jahren aber gibt es eine Tendenz, die ihr große Sorgen bereitet: Die Kältehilfe wird immer mehr zum Auffangbecken und Seismographen für soziale Nöte aller Art. Immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen suchen die zwölf Notübernachtungen und 13 Nachtcafés auf. Ältere Menschen mit niedrigen Renten kommen hinzu, dann EUBürger, Menschen aus Osteuropa, Flüchtlinge aus Kriegsgebieten und Armutsmigranten.

Überlastung führt zu Spannungen

Damit tritt die ursprüngliche Funktion der Kältehilfe immer stärker in den Hintergrund: Obdachlose vor dem Erfrieren zu bewahren. Die Folgen sind Kapazitätsprobleme und Spannungen in den Kältethilfeeinrichtungen; denn sie sind jetzt schon voll. „Hier ist die finanzielle Unterstützung durch die Senatsverwaltung für Soziales dringend erforderlich“, so Kostka, denn die Kältehilfe ist kein ein Ort für Familien mit Kindern und für Flüchtlinge, die vermehrt die Hilfe beanspruchen. Wegen der schwer einzuschätzenden Situation im kommenden Winter müssten alle relevanten Akteure „ein gemeinsames Menü kochen“ für Menschen in Not. In einem dringend erforderlichen Koordinierungskreis sollten neben den Wohlfahrtsverbänden auch die Kirchen und Bezirke einbezogen werden.

Wo schlafen die rund 1800 Obdachlosen Berlins, wenn sie nicht einen der 500 Schlafplätze in Anspruch nehmen? Warum nutzen viele Menschen das Hilfsangebot nicht oder nur kurzfristig? Wie kann auch die Caritas noch mehr Menschen erreichen? Wie lässt sich der Bekanntheitsgrad des Kälte-Telefons steigern? Viele offene Fragen sind noch zu klären.

Hausordnung in 25 Sprachen verfügbar

Eine von zwölf Notübernachtungen für Menschen ohne Obdach wird ökumenisch betrieben: Von der Berliner Stadtmission und dem Caritasverband für das Erzbistum Berlin. Die Notübernachtung Franklinstraße 27a nördlich des Ernst-Reuter-Platzes verfügt über 73 Betten für Männer und Frauen; es gibt eine Kleiderkammer, Duschen und Hygieneartikel. Man kann sich durch Sozialarbeiter in Problemlagen beraten lassen. Das Haus kooperiert mit einer Vielzahl von Fachberatungsstellen. Die Hausordnung für das niedrigschwellige Angebot gibt es in 25 Sprachen.

Das Hauptproblem der Kältehilfe ist der Mangel an geeignetem Raum. Kleine Einheiten für bis zu 15 Personen helfen ebenso, wie dringend benötigte mittelgroße Notübernachtungen. Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin- Brandenburg-schlesische Oberlausitz, fragt: „Welcher Eigentümer ist bereit, saisonal zu vermieten? Wer kennt ein Objekt, das in Frage kommen könnte?“ Für sie steht fest: Kältehilfe rettet Leben. Ein Netzwerk von hunderten haupt- und ehrenamtlichen Akteuren engagiert sich bereits. Stellvertretend für alle Träger dankt sie „den erfindungsreichen Planungsteams“ der Einrichtungen und Kirchengemeinden. 

Hintergrund

Die in Berlin insgesamt angebotenen Kältehilfe-Übernachtungsplätze sind in den letzten fünf Jahren von 55 000 auf 71 000 gestiegen. Die Zahl der tatsächlichen Übernachtungen erhöhte sich in diesem Zeitraum von 57 000 auf 73 000. Die Auslastung der Häuser lag also stets über 100 Prozent, im Winter 2011/2012 bei 116 Prozent.

Die Notübernachtung Franklinstraße 27a in Berlin- Charlottenburg ist ganzjährig von 18 bis 8 Uhr geöffnet. Hausmannskost ist zwischen 19 und 21.30 Uhr erhältlich, ein Frühstück zwischen 6 und 7.30 Uhr. Telefon: 0 30 / 3 91 27 22 oder 0 30 / 36 75 19 67. Das zentrale Berliner Kälte-Telefon hat die Nummer 0 30 / 8 10 56 04 25.