Reich durch viele KinderRocco Thiede hat ein Buch über kinderreiche Familien herausgegeben

„Im Grunde könnten wir überall leben, wir haben ja uns“, sagt Julia (36 Jahre), Ärztin und Mutter von sechs Kindern, mit Blick auf ihr Wohnumfeld, das schöner sein könnte. Ihre und viele andere kinderreiche Familien stellt Rocco Thiede in seinem Buch „Kinderglück“ vor.

Die neunjährige Daya genießt es, ein eigenes Zimmer zu haben und doch sehnt sie sich nach den vier Geschwistern und muss sich erst daran gewöhnen, mehr allein zu sein. Verschmitzt resümiert eine Frau, die sechs Töchter groß gezogen hat: „Der Vorteil an so vielen Kindern ist: Eins ist immer lieb.“ Drei Schlaglichter aus dem Leben kinderreicher Familien in Deutschland, das Rocco Thiede, Journalist und selbst Vater von sechs Kindern, in dem von ihm herausgegebenen Buch „Kinderglück“ unter die Lupe genommen hat. Beschrieben werden Familien mit vier und mehr Kindern: neben „klassischen“ Großfamilien Patchworkfamilien, neben deutschen gemischtnationale und eine türkische, neben denen mit ausschließlich eigenen Kindern eine, zu der außer vier leiblichen drei Pflegekinder gehören, und ein lesbisches Paar, das die jeweiligen Kinder aus vorigen Beziehungen gemeinsam groß gezogen hat.

Finanzielle Einschränkungen sind kein Verlust

Auch wenn die Eltern dieser Familien über gute Berufs- und Studienabschlüsse verfügen und nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, müssen sie doch manche Einschränkung hinnehmen. Es wird schon mal eng im Haus, gewisse Anschaffungen verbieten sich, im Urlaub geht es nicht ins Hotel, der eigene Kleinbus ist dann das bevorzugte Transportmittel. Das wird aber kaum als Verlust empfunden. Es reiht sich ein in die Umstände, die zugunsten der Bereicherung, die das Leben mit den vielen Kindern diesen Familien schenkt, bewältigt werden. Ein Glück, das nicht immer geplant war und nicht immer ein Vorbild in der Kindheit hatte. Bei weitem nicht alle der hier vorgestellten Eltern stammen aus kinderreichen Familien.

Mehr oder weniger allen gemeinsam aber ist ein gewisser Wagemut, eine Art Risikofreude dem Leben gegenüber, im Vertrauen auf das, was es zu geben hat. Auch der Zusammenhalt der Paare ist wesentlich, es braucht Teamgeist und Organisationsgeschick, um alltägliche Herausforderungen zu meistern. Und klare Regeln für das Zusammenleben. Frühzeitig haben die Kinder Pflichten: Wäsche waschen, kochen, sauber machen, sich um die Geschwister kümmern. Das fördert die Eigenverantwortung und ein hohes Maß an Selbstständigkeit und gibt den Eltern zugleich Unterstützung. Denn die größeren Kinder sorgen mit für die jüngeren, die wiederum ihnen viel an emotionaler Geborgenheit und Sicherheit geben. Für die kleine Schwester da zu sein, kann beispielsweise dem Teenagerbruder helfen, die Mühen der Pubertät zu meistern.

Kinder sind eine Gruppe für sich

Überhaupt sind die Kinder auch eine Gruppe für sich, regeln vieles untereinander und genießen so eine Art Freiheit, die allzu umhegte Einzelkinder oft vermissen. Das erlaubt den Eltern wiederum, sich nicht allzu wichtig zu nehmen. Sie geben den Rahmen vor, mischen sich aber nicht permanent ein. Oder wie die Syrerin Susan es ausdrückt: „Die beste Mutter ist die ausreichend gute Mutter.“ Ihr deutscher Mann Anno sagt über das trubelige Großfamilienleben: Was immer es an Kraft, Zeit und Geld erfordere, dagegen stehe „ein unendlicher Reichtum, Gesundheit, Glück, Ressourcen, Potenzial, Wärme, Liebe. Und das gibt auch Kraft und Rückhalt.“

Davon handelt das Buch in elf exzellent geschriebenen Reportagen, informativ, überraschend und nicht selten auch humorvoll. Es beantwortet die Frage, die Rocco Thiede im Vorwort gestellt hat, ob, wer kinderreich ist, nicht nur reich an, sondern auch reich durch seine Kinder ist, mit einem deutlichen Ja.

Das Buch

Rocco Thiede (Hrsg): Kinderglück. Leben in großen Familien. Bundeszentrale für politische Bildung, 165 Seiten, 4,50 Euro.