Sehnsucht am Ende des Lebens

Was verbinden Sterbende und ihre Angehörigen mit dem Tod? Wonach sehnen sich Menschen, wenn das Lebensende absehbar ist? Trauerbegleiterinnen der Malteser in Berlin erzählen von ihren Erfahrungen.

Lauf des Lebens. Junge Erwachsene sehnen sich nach anderem als Menschen im reifen Alter. Welche Sehnsüchte begegnen Ihnen bei Sterbenden, Frau Kurzke?

Kerstin Kurzke: Sehnsüchte sind immer individuell und verändern sich sowohl im Verlaufe einer Krankheit als auch im Prozess des Sterbens. Anfangs ist es die Hoffnung: „Das kann nicht sein, ich doch nicht! Der Arzt muss die Akten verwechselt haben!“ Bei jüngeren Sterbenden erleben wir eine „Terminsehnsucht“: Sie wollen die Hochzeit des Sohnes erleben oder ihren Geburtstag noch einmal mit allen Freunden feiern. Menschen mit einem schwierigen Leben voller Brüche trauern auch um verpasste Chancen: „Ach, hätte ich doch…“ Am Ende des Sterbeprozesses ist es die Sehnsucht nach Ruhe, nach Frieden. Dass keine Schmerzen, keine Luftnot quält und sie nicht alleine sind.

Und welche Sehnsüchte nehmen Sie, Frau Ehm, bei Sterbenden wahr?

Regina Ehm: Zunächst die Sehnsucht nach dem Verstorbenen. „Hätte ich doch noch Zeit mit meinem Mann verbringen dürfen. Wir wollten doch noch…“ Dann die Sehnsucht nach Nähe und Berührung. Ältere Menschen haben meist nie alleine gelebt – und plötzlich ist die Wohnung leer. Wenn Kinder das Haus der verstorbenen Mutter auflösen, wird das häufig als Verlust des „Nestes“, des Ortes der Kindheit, erlebt. Das Haus, in dem zu Weihnachten alle zusammen gekommen sind, gibt es nicht mehr. Manche Trauernde sehnen sich auch nach einem neuen Partner. Eine 35-jährige Witwe sagte uns, sie wolle wieder als „normale“ junge Frau wahrgenommen werden, die auch mal auf eine Party geht, die Freude am Leben hat, und nicht als „Trauerkloß“ gelten.

Apropos Trauerkloß: Um den Verlust eines nahestehenden Menschen besser verarbeiten zu können, lädt der Malteser-Hilfsdienst Trauernde zum Kochtreff „Trauer & Klöße“ ein. Die Idee: Beim Kochen mit anderen ins Gespräch kommen, Erfahrungen und Rezepte austauschen und das gemeinsam Gekochte und Gebrutzelte miteinander genießen.

Ehm: Gerade junge Trauernde nehmen das Angebot gern an. Es ist eine neue Erfahrung, an so einem Kochabend auf Leute zu treffen, die Ähnliches erlebt haben, mit denen sie über Gott und die Welt und ihre Trauer reden können - aber nicht müssen. Und vielleicht neue Freude finden. Bei Älteren schwindet mit dem Tod eines geliebten Menschen oft die Lust, gut für sich selbst zu sorgen. Ihnen ist der Appetit vergangen. Und sagen „für mich alleine zu kochen lohnt sich doch nicht“. Mit anderen zusammen etwas Leckeres zuzubereiten und dann an einem großen Tisch zu sitzen und zu essen – das macht Appetit. Und weckt die Erkenntnis, dass auch der Leib Fürsorge braucht. Übrigens geht es in Trauergruppen nicht nur traurig zu. Alle Gefühle dürfen sein. Die „Gesichter“ auf den Klößen zeigen es.

Wird der Tod herbeigewünscht, wenn das Leben unerträglich und sinnlos scheint?

Kurzke: Wenn jemand „ich will nicht mehr“ sagt, muss man genau hinhören, was gemeint ist: Lebensmüdigkeit? Angst vor Schmerzen, vor Hilflosigkeit oder anderen „zur Last zu fallen“? Hochbetagte sind oft die Letzten ihrer Familie. Auch die Freunde sind tot; keiner ruft mehr an. Daraus kann der Wunsch erwachsen, dass „der liebe Gott mich jetzt auch holen“ möge. Andere wollen 100 werden, weil Menschen da sind, die sie besuchen, denen sie von ihrem Leben erzählen können, die sie und ihre Lebensleistung schätzen. Wichtig ist, dass Menschen Hilfe erhalten – therapeutische Begleitung bei Depression und Suizidgefährdung, palliative Betreuung im Sterbeprozess. Eine sehr alte Frau sagte mir mal: „Ist schon alles mühsam, aber tot bin ich noch lange genug!“

Die Tochter eines Freundes von mir nahm sich mit 29 Jahren das Leben. Ihr Vater äußerte daraufhin, er wolle dort sein, wo sein Kind „jetzt ist“. Erleben Sie bei Trauernden dieses Verlangen, dem geliebten Verstorbenen nachzufolgen?

Ehm: Grundsätzlich gilt: Bei uns darf alles gesagt werden. Wir geben Raum, dass Menschen Worte finden für ihre Gedanken und Gefühle, für Trauer, Wut oder Schuld. Angenommen, dieser Vater säße mir gegenüber, würde ich ihn zunächst ermutigen, von seiner Tochter zu erzählen. Das Bedürfnis, über den Verstorbenen zu reden, ist meist groß. Wie auch der Wunsch, der andere wäre nicht gestorben. Dieses Leid muss ich anerkennen und aushalten. Hätte ich den Eindruck, der Vater ist so verzweifelt, dass er akut suizidgefährdet ist, würde ich das ansprechen: „Muss ich mir jetzt Sorgen um Sie machen?“ Und dann versuchen, die Perspektive zu wechseln: „Was würde sich denn Ihre Tochter für Sie wünschen?“ In der Regel sind das gute und wohlwollende Wünsche, die ein kleiner Anker sein können.

Erleben Sie bei religiös empfindenden Menschen eine Hoffnung auf Vollendung bei Gott und das ewige Leben?

Kurzke: Bei Gläubigen, die ein positives Gottesbild haben, ist der Glaube ein Trost. Denn wer zu Lebzeiten auf Gott vertraut hat, wird das auch im Sterben tun. „Wie Gott will, so mache ich das“, sagte eine sterbenskranke Frau. Wer eine lebendige Beziehung zu Gott hat, Zwiesprache mit ihm hält, für den ist er eine Kraftquelle. Ob gläubige Menschen leichter sterben, weil sie auf die ewige Heimat bei Gott hoffen, kann ich nicht sagen. Nichtgläubige stellen sich den Tod oft als Zustand der Ruhe, des Friedens vor. „Ich existiere dann nicht mehr“, sagen sie, meinen das aber nicht negativ: Sie akzeptieren es. Manche von ihnen glauben auch an eine größere Kraft, die hinter allem steht. Wir sagen Gott dazu

Helferinnen für Trauernde
Kerstin Kurzke leitet seit mehr als 20 Jahren die Trauerarbeit der Malteser in Berlin. Regina Ehm arbeitet seit 15 Jahren als Koordinatorin in der Anlaufstelle für Trauernde der Malteser. Beide sind Sozialarbeiterinnen.

Kontakt:
Malteser-Hilfsdienst e.V.
Treskowallee 110
10318 Berlin-Karlshorst
Tel.: 0 30 / 6 56 61 78 25