„So spricht Gott sein Ja …“

Foto: Marina Dodt

In der Serie „Katholisch in Brandenburg“ beleuchtet der Tag des Herrn die brandenburgischen Ränder des Erzbistums Berlin. Im zweiten Teil geht es nach St. Georg in Rathenow und St. Marien in Premnitz.

Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm. Der Eingangsbereich des Pater-Engler-Hauses in Lehnin ist mit bunten Luftballons geschmückt, beschriftet mit den jeweiligen Tageshöhepunkten – sie sind ein kleiner Willkommensgruß für den zweiten Durchgang der Religiösen Kinderwoche (RKW) der Pfarrgemeinden
Brandenburg und Rathenow.

Dann biegen sie um die Ecke, die 16 Teilnehmer der Klassen fünf bis acht. Mit freudiger Aufregung nehmen sie ihr RKW-Domizil in unmittelbarer Nachbarschaft zum altehrwürdigen Kloster Lehnin in Besitz. Bereits am Vorabend sind Vikar Markus Hartung und sieben Helfer angereist, um letzte Vorbereitungen zu treffen. Unter ihnen ist Cornelia Pietsch aus Premnitz, die stundenweise bei der RKW hilft. Gemäß dem RKW-Motto „Miteinander zum Geschenk“ hat sie zuhause 20 Geschenke eingepackt, um den Kindern zu verdeutlichen, dass die Geschenke, die wir von Gott bekommen, vielleicht nicht immer unseren Erwartungen entsprechen, aber ihren Sinn haben. Dabei erweist sich die Tradition der RKW selbst als ein Geschenk.

„Wir können hier neue Leute kennenlernen“, sagen beispielsweise die Helferinnen Dorothea aus Premnitz und Antonia aus Groß Kreutz, die in ihren Schulklassen die einzigen Katholiken und in ihren Heimatgemeinden fast die einzigen Jugendlichen ihrer Altersgruppe sind. Neue Kontakte sind auch unter den Kindern schnell geknüpft, am Kicker oder Klavier. „So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein“ hallt es wie ein Zuspruch nach.

In der Diaspora ganz neu anfangen

Vom guten Samen, der stets und immer wieder von Gott kommt, sprach am vorausgegangen Sonntag auch Vikar Hartung in seiner Predigt, ebenso vom kleinen Senfkorn Hoffnung. Es könnte ein Sinnbild sein für die Rathenower Pfarrei, die er, neben seelsorgerischen Aufgaben in Brandenburg, seit Herbst letzten Jahres betreut. Seinen neuen Wirkungsbereich beschreibt er als typische Diasporasituation mit einem Katholikenanteil von unter zwei Prozent. Weitere 20 Prozent sind evangelisch getauft, aber drei Viertel aller Menschen im Westhavelland sind konfessionslos.

Dabei sieht Markus Hartung in dieser extremen Diasporasituation durchaus auch Chancen, denn das Wissen vom Christentum sei hier so gering, dass es keine Vorurteile gebe und damit die Möglichkeit, ganz von vorne anzufangen, das Samenkorn Hoffnung in traditionsreichen, aber weithin unbelasteten Boden zu legen. Für diesen guten Boden sprechen auch die Zusammenarbeit mit den Kommunen und die große Wertschätzung, die die kleine Schar der insgesamt 800 zur Pfarrei gehörigen Katholiken erfährt. Die Gemeinde ist hier gut gelitten, berichtet er. Die eigentliche Herausforderung, so ist er sich mit der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden (PGR) Fanny Nitsche einig, liegt in der Entwicklung der Gemeinden im Seelsorgeraum selbst, denen fast eine ganze Generation „verlorenging“.

Die jungen Familien zogen der Arbeit nach. Fanny Nitsche und PGR-Mitglied Birgit Hubert wissen wovon sie reden, denn auch ihre Kinder leben und arbeiten heute in Lübeck oder Gießen. Lediglich Sohn Stefan Nitsche wohnt noch in Rathenow, betreut die vier festen Ministranten der Gemeinde. Die Zeiten, in denen allein der Gemeindeteil Rathenow 44 Erstkommunionkinder und fast 230 Firmanden zählte, kennt nur noch die Chronik. In diesem Jahr gingen fünf Kinder zur Ersten Heiligen Kommunion, im nächsten Jahr wird es kein einziges Kommunionkind geben. „Vielleicht können wir im Schuljahr 2019/2020 wieder Erstkommunion in unserer Gemeinde feiern“, gibt sich Vikar Hartung zuversichtlich.

Parallel zu dieser Entwicklung sterben ganze Standorte im wahrsten Sinne des Wortes weg, so wie im Seniorenpark Stadtforst. Hier verstarb unlängst der letzte katholische Bewohner – keine Gottesdienste mehr, keine Krankenkommunion und -besuche. Was macht in dieser Situation Hoffnung und Mut? „Wir haben uns“, sagen Fanny Nitsche und Birgit Hubert, erzählen vom Zusammenhalt glaubensstarker Familien und Gemeindemitglieder, die den katholischen Glauben über Generationen und durch die schwierigen DDR-Zeiten durchgetragen haben, bis heute. So ist die Pfarrkirche auch an diesem Sonntag trotz Sommer- und Urlaubszeit erstaunlich gut besucht.

Mit je rund 80 Gottesdienstbesuchern an beiden Standorten liegt die sonntägliche Quote bei überdurchschnittlichen 20 Prozent. „Und wir haben Potenzial“, sind die beiden Frauen überzeugt, nennen etwa die katholische Kita mit 80 Plätzen oder die von Birgit Barthels, Caritas-Beauftragte für den Landkreis Havelland, geleitete Suchtberatung mit Kontaktcafé.

Zu einem Höhepunkt im Stadt- und Gemeindeleben entwickelte sich das ökumenische Martinsfest. Auch der ökumenischen Posaunenchor Premnitz, der Rathenower Frauenchor und die im Jahr 2000 gegründeten Sternsinger sorgen für einen guten Klang und Ruf. „Damals noch mit den eigenen Kindern und gleich das erste Mal beim Bundespräsidenten“, erinnern sich die beiden PGR-Frauen. Zum Gemeindeteil Premnitz gehören gegenwärtig acht Kinder.

Die Kinder sind das kleine Senfkorn Hoffnung

Die größeren von ihnen wirken im Krippenspiel mit, das am vierten Advent in der evangelischen Kirche
und am Heiligen Abend in der katholischen Kirche St. Marien aufgeführt wird. Ob Krippenspieler, Sternsinger, Ministrant oder RKW-Helfer, diese Kinder und Jugendlichen sind das kleine, große Senfkorn Hoffnung der Premnitzer und Rathenower.

So wurde die seit mehreren Jahren praktizierte Form des jahrgangsübergreifenden, monatlichen Samstagsunterrichts zum Anliegen der gesamten Gemeinde. „Was wir hatten, ist nicht mehr“, jetzt müssen wir für die neue Zeit offen und engagiert sein“, zeigt sich Fanny Nitsche offensiv und gibt die Hoffnung nicht auf. Auch Vikar Hartung macht Mut für das Neue, spricht vom Bemühen, den Übergang in neue Strukturen, wie dem geplanten pastoralen Raum mit Brandenburg, so schmerzlos wie möglich zu gestalten.

Dafür steht auch das Wirken von Brandenburgs Pfarrer Matthias Patzelt als Pfarradministrator. Jetzt aber werden erst einmal die Weichen gestellt für das große Jubiläum im kommenden Jahr, den 125. Weihetag der Rathenower Pfarrkirche „St. Georg“ am 3. September. Mit der Gründung des Festausschusses in der vergangenen Woche wurde ein neues Samenkorn gelegt und die Zuversicht der RKW-Kinder klingt noch nach: „So spricht Gott sein Ja!“