So viel Einigkeit

Der evangelische Propst Christian Stäblein und Erzbischof Heiner Koch. | Foto: Gunnar Lammert-Türk

Das Podiumsgespräch „Schule und Gesellschaft – Welche Werte sind (uns) wichtig?“ war größtenteils von gegenseitiger Zustimmung geprägt. Dabei bieten Schulen in freier Trägerschaft durchaus Diskussionsstoff.

Es hätte um so interessante Fragen gehen können wie: In welchem Verhältnis stehen die Wertevermittlungen der verschiedenen Religionen? Worin unterscheiden sie sich? Welchen Stellenwert hat die Vermittlung christlicher Werte in diesem Rahmen? Wo gibt es diesbezüglich Spannungen und Probleme? Aber dazu kam es nicht. Stattdessen war in großer Einhelligkeit von Werten wie Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde die Rede. Und davon, wieviel Wert auf Pluralität und Vielfalt gelegt wird. Erzbischof Heiner Koch und Propst Christian Stäblein als Vertreter des evangelischen Bischofs Markus Dröge stimmten darin mit Thomas Duveneck, der für die Senatsverwaltung die staatlichen Schulen vertrat und Friedrich Ohlendorf, dem geschäftsführenden Vorstand der Rudolf-Steiner- Schule in Dahlem, überein.

Angekündigt war das Podiumsgespräch zum Thema „Schule und Gesellschaft – Welche Werte sind (uns) wichtig?“ Eingeladen dazu hatte die Arbeitsgemeinschaft der Schulen in freier Trägerschaft Berlin im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Tag der freien Schulen“. Im Veranstaltungsort, der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, deuteten Aufsteller an, in welchem Rahmen das Gespräch um Werte und Wertevermittlung stand. Um den koketten Schriftzug „Ist das zu glauben?“ waren Symbole zahlreicher Religionsgemeinschaften gruppiert – ein Sinnbild für die multireligiöse Gesellschaft.

Kaum Diskussion und nur leise Kritik

Doch statt Multireligiosität herrschte eine große Übereinkunft, innerhalb derer nur geringfügig abweichende Eigenheiten verschiedener freier Schultypen angedeutet wurden. So erklärte Propst Stäblein, dass Haltungen und Werte den Schülern an den evangelischen Schulen dadurch vermittelt würden, dass sie lernten, sprachfähig im eigenen Glauben zu sein. Auf dieser Basis, sozusagen aus einer gefestigten eigenen Position heraus, wären sie dann in der Lage, Toleranz anderen gegenüber zu praktizieren. Friedrich Ohlendorf nannte als pädagogisches Ziel der Waldorfschulen, den Kindern zu helfen, Weltvertrauen zu entwickeln, die Welt zu verstehen, um sich frei in ihr bewegen zu können.

Wenn auch nur angedeutet, gab es dann doch etwas Spannung auf dem Podium. Erzbischof Koch, der gern betont, dass es aus seiner Sicht keine ungläubigen Menschen gibt, drückte vorsichtig seine Zweifel gegenüber dem mancherorts stattfindenden Religionsunterricht an staatlichen Schulen aus, was eine fundierte und adäquate Vermittlung der Religion anbelangt. Weil Religion für ihn als unverzichtbarer Aspekt zu einer vollständigen Wahrnehmung des Lebens und der Welt gehört, mahnte er: „Man darf Kinder und Jugendliche nicht um Religion betrügen.“

Das war es im Grunde, was zum Thema Werte und Wertevermittlung zur Sprache kam. Stärkeren Raum nahmen Fragen der Verfügbarkeit von Lehrkräften, der Beschäftigung von Quereinsteigern und der Finanzierung ein. Hier wurde das Gespräch etwas erregter. Auf die Frage von Ohlendorf, warum die freien Träger weniger Unterstützung als staatliche erhielten, was sie oft gegen ihren Willen zwinge, Schulgeld zu nehmen, entgegnete Duveneck, man solle hier keine Gleichstellung verlangen. Damit wären nämlich auch stärkere Eingriffe in die Eigenständigkeit der Schulen verbunden. Eine Schlussfolgerung, die Ohlendorf nicht überzeugte. Das Publikum auch nicht, wie mehrere Äußerungen und der Einwurf „Für den Staat sind die freien Schulen doch ein Sparmodell“ verdeutlichten.

Was die Beteiligung des Publikums anlangt, war die etwas müde Veranstaltung wirklich ein Ärgernis. Das Gespräch wurde so ausgedehnt, dass am Ende die Zeit für Beiträge des Publikums fehlte. Nur aufgrund des Protestes der Besucher gab es noch eine kurze Fragerunde. Die Veranstaltung endete, wie sie begonnen hatte. Propst Stäblein hob noch einmal hervor, wie einig man sich hinsichtlich der zu vermittelnden Werte sei. Eine wirklich beeindruckende – oder vielleicht auch irritierende – Einigkeit.