Sonntags eine kleine Mahlzeit

Gabriele Urban (links) und Christa Drutschmann haben die Lunch-Pakete fertig gepackt. Auch die Kannen mit Kaffee und Kakao stehen schon bereit. Foto: Oliver Gierens

Mehrere katholische Einrichtungen in Berlin geben in der Winterzeit regelmäßig eine Mahlzeit an bedürftige Menschen aus. Eine davon ist das Wärmecafé St. Paulus in Moabit.

An diesem verregneten Wintersonntag ist nicht viel los auf den Straßen im Berliner Stadtteil Moabit. Der Wind pfeift unangenehm zwischen den Häuserblöcken, der Regen wird mit jeder Minute heftiger. Doch gegen 17 Uhr wird sich eine kleine Schlange vor dem Dominikanerkloster St. Paulus in der Oldenburger Straße bilden. Denn jeden Sonntag bekommen hier Bedürftige in den Wintermonaten eine kleine Unterstützung: ein Esspaket mit heißen Getränken, einer Suppe und weiteren Leckereien.

Im ersten Stock des großen, rötlichen Backsteinbaus brennt bereits eine Stunde vorher Licht. Hier bereiten Christa Drutschmann, Gabriele Urban und Christine Orschmann die Lunch-Pakete vor, die sie später an die Gäste ausgeben. Es duftet bereits nach deftiger Erbsensuppe, die in einem großen Topf auf dem Herd köchelt. Gabriele Urban gibt noch ordentlich Fleischwurst hinzu. Auf dem Tisch stehen etwa 15 Papiertüten. In jede kommen zwei Doppelstullen, mit Wurst und Käse belegt, ein Stück Kuchen und ein Päckchen Zucker für den Kaffee. Zwei Mandarinen liefern Vitamine. Jeder Gast bekommt später eine solche Tüte, dazu Suppe im Becher und einen heißen Kaffee oder Kakao. Die fertigen Kannen stehen schon bereit, die drei Helferinnen sind ein eingespieltes Team. Auch viele Gäste kennen sie schon länger. Doch immer wieder sind neue Gesichter darunter. „Wir fragen nicht, ob jemand bedürftig ist – wer kommt, der kommt“, sagt Christa Drutschmann.

Tradition reicht bis in die 90er Jahre zurück

Rund 20 Frauen und Männer wechseln sich hier von November bis März als Helfer ab. Gabriele Urban erinnert sich an die Anfangszeit des Wärmecafés der Gemeinde St. Paulus in den 1990er Jahren. Damals hätten sich mehrere evangelische und katholische Gemeinden zusammengetan, erzählt sie. Der „Warme Otto“, eine seit November geschlossene Einrichtung der Berliner Stadtmission, hatte bis 17 Uhr geöffnet – von da an ist jede Gemeinde an einem anderen Wochentag eingesprungen, um die Zeit bis zur Öffnung der Nachtquartiere um 21 Uhr zu überbrücken. Das Wärmecafé in St. Paulus war am Sonntag dran, und dabei ist es bis heute geblieben.
Dabei scheint der Name aktuell wenig passend – Corona schränkt auch hier die Arbeit spürbar ein. Viele angestammte Gäste blieben weg, seit es kein gemeinsames Essen mehr im Pfarrsaal gibt. „Früher kamen oft um die 80 Leute, jetzt verteilen wir knapp 15 Tüten, und selbst da bleiben manchmal ein paar übrig“, berichtet Christa Drutschmann. Normalerweise werden die Gäste an Tischen im großen Saal bewirtet. Erst gab es Suppe zum Aufwärmen, später stellten die Helfer noch Schnittchenplatten auf die Tische. „Da mussten auf allen Tischen die Schnittchen immer gleich belegt sein“, erinnert sich Christa Drutschmann. Sonst gab es neidische Blicke und entsprechende Bemerkungen. Und manche hätten mit Argusaugen darauf geachtet, dass die Tischnachbarn nicht zu viele Schnittchen nahmen – oder gar in die Tasche steckten.

Trotz mancher kleinerer Reibereien sei es aber immer überwiegend friedlich zugegangen. Die Polizei habe sie jedenfalls noch nicht rufen müssen. Auch heute muss sie das nicht, doch ganz konfliktfrei läuft die Verteilung nicht ab. Eine Frau kommt vorbei, hat große Schmerzen am Fuß. Der Stiefel scheuert an der Wunde, sie kann nur schwer laufen. Ihr Bekannter wartet im Auto, und dort beginnen die beiden schließlich lauthals zu streiten. Unschöne Worte schallen durch die sonst menschenleere Straße.

Die wenigsten Gäste seien Obdachlose, die meisten hätten zwar ein bescheidenes Dach über dem Kopf, seien aber arm und auf Unterstützung angewiesen, erzählt die langjährige Helferin. „Dann haben sie vielleicht fünf Euro gespart, können mal ins Kino gehen oder sich etwas anderes gönnen.“ Doch aktuell ist gemeinschaftliches Beisammensein im Klostergebäude noch nicht wieder möglich. Die drei Frauen stellen einen Tisch vor die große Eingangstür, darauf eine Plexiglasscheibe mit einer kleinen Öffnung, durch die Essen und Trinken gereicht werden.

Die Gäste sollen ihre Suppe mit nach Hause nehmen oder auf der Straße essen und sich dabei möglichst weit verteilen. Bei diesem Regenwetter ist das schon viel verlangt, aber momentan nicht anders zu regeln. Innerhalb von einer Stunde haben die Frauen die Lunch-Pakete fertig gepackt und können schon ein paar Minuten früher mit dem Verteilen beginnen.

Es ist kurz vor fünf, und vor der Türe sind bereits Stimmen zu hören. Eine ältere Dame ist als erste an der Reihe. Kaffee oder Kakao möchte sie nicht, aber sie nimmt gleich zwei Tüten mit. Für ihren Sohn, der Epileptiker ist, erzählt sie. Sie sei auch katholisch, bete jeden Abend. Und beim Weggehen wünscht sie Gesundheit in diesen Corona-Zeiten.