Stralsund ist göttlich

Die rote Ziegelwand in der katholischen Kirche Heilige Dreifaltigkeit symbolisiert das Rote Meer. | Foto: Anja Goritzka

Die christlichen Innenstadtgemeinden Stralsunds luden am 5. Oktober zur Nacht der Kirchen ein. Zu den Angeboten gehörte ein Lichterweg zur katholischen Kirche, an dem 200 Besucher teilnahmen.

„Stralsund ist göttlich“ – dieses Motto eckte mitunter auch an, meinte der evangelische Pastor Winfried Wenzel zu Beginn der ersten Nacht der Kirchen in der Hansestadt an der Ostsee. Er räumte allerdings ein: „Das ist uns ganz recht, denn hier gibt es mehr lebendigen Glauben und christliche Hoffnung, als es manchmal im Alltag erscheint.“ Die Idee zur ökumenischen Veranstaltung stammte von Martina Steinfurth. Die Leiterin des Caritas Regionalzentrums in Stralsund wollte die Absage der Nacht des offenen Denkmals von Seiten der Stadt nicht hinnehmen. Die Nacht fand aber immer weniger Interessierte. Als Resultat fand sie 2018 erstmals seit 15 Jahren nicht statt. „Wir haben uns alle zusammengesetzt und überlegt, was wir machen könnten“, erzählte die Katholikin. Schnell stand das Motto („Stralsund ist göttlich – da ist Licht drin“) fest: „Stralsund ist göttlich, denn der Glaube in der Hansestadt ist vielfältig und das Licht soll einladen, einzutreten. Viele kennen die Kirchen gar nicht von innen.“ Die Stadt selbst bot den Kirchgemeinden an, sich an der Nacht der Museen zu beteiligen. „Aber wir sind keine Museen. Wir sind offene lebendige Kirchen“, betonte dann auch Pastor Winfried Wenzel, Kirche Heilig Geist am Rande der Innenstadt.

Dort begann die erste Nacht der Kirchen bei Sonnenschein und blauem Himmel. Pastor Wenzel betonte, dass mit dem Licht Gottes Geschichte mit unserer Welt beginne. Außerdem wies er auf die Lichtverschmutzung durch die Menschen hin. „70 Prozent der Europäer können die Milchstraße nicht sehen, weil die Nacht zum Tag gemacht wird.“

Rote Kerzen stehen für biblische Meeresdurchquerung

Nach der Andacht gingen rund 200 Teilnehmer mit Kerzen in der Hand weiter zur katholischen Kirche Heilige Dreifaltigkeit. Hier wurden sie mit Meeresrauschen empfangen, denn es ging um Moses Zug durch das Rote Meer. Rote Kerzen führten symbolisch zur Backsteinwand hinter dem Altar. Die Organisatoren rund um Pfarrer Andreas Sommer wählten das Thema bewusst, denn die Wand aus wellenförmigen roten Ziegeln hinter dem Altarbereich – vom Dresdner Architekten Friedrich Press um 1966 angelegt – zeigt das „Rote Meer“. So betonte Pfarrer Andreas Sommer, dass gerade der Weg vom Dunkel ins Licht, von der Sklaverei in die Freiheit, Thema des Kirchgebäudes sei. „Gott führt immer wieder Wege in die Freiheit und steht an der Seite derer, die im Dunklen sind und führt sie ins Licht.“ Nach 20 Minuten ging es weiter zur Kunst- und Kulturkirche St. Jacobi. Der gemeinsame Weg sollte an diesem Abend etwas Besonderes sein. „Nicht jede Gemeinde schafft es, eine ganze Nacht ein Programm anzubieten“, meinte Pfarrer Sommer, deshalb wählten die Organisatoren eine Art Prozessionsweg. „Dann hat in den Gotteshäusern jede Gemeinde 20 Minuten Zeit, sich vorzustellen“, erklärte er. In St. Jacobi stand die Ausstellung des Künstlers Volker Henze im Vordergrund. Anschließend wurde in der Evangelisch- Freikirchlichen Gemeinde in der Fährstraße kräftig gesungen, denn der Fokus lag auf Lobpreisliedern rund um Gott und Jesus. In St. Nikolai gab es schließlich eine Taizé-Andacht – durchgeführt von Marion von Brechan, katholische Referentin für Tourismuspastoral. „Die evangelischen Organisatoren von St. Nikolai sind gerade auf dem Weg nach Taizé“, erzählte sie am Rande der Veranstaltung, weshalb sie diese Station übernommen habe. Den Abschluss bildete ein Orgelkonzert in der evangelischen Kirche St. Marien. Hier sprach Pastor Christoph Lehnert auch über die Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry, zu der die Stralsunder Kirche gehört.

„Diese Unterschiedlichkeit zu erleben, ist super“, meinte dann auch eine Jugendliche und eine Besucherin ergänzte: „Das könnten wir doch jedes Jahr machen.“ Als Erfolg konnte die erste Nacht der Kirchen in Stralsund auf alle Fälle bezeichnet werden. Die einzelnen Angebote luden zum Nachdenken und Gebet ein und auf dem gemeinsamen Weg durch die Innenstadt blieb genug Zeit, sich über das Erlebte auszutauschen.