Theologe und Glaubenszeuge

Gedenken am Grab von Alfons Maria Wachsmann. Foto: Anja Goritzka

Eine Fachtagung nahm Pfarrer Alfons Maria Wachsmann in den Blick. Damit beginnt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Geistlichen, der ab 1929 die Greifswalder Gemeinde St. Joseph veränderte und 1944 im Gefängnis von Brandenburg-Görden starb.

Braucht Vorpommern einen eigenen Seligen? Diese Frage wird derzeit in der Gemeinde St. Joseph und in der Stadt Greifswald diskutiert. Im Fokus steht damit der frühere Pfarrer Alfons Maria Wachsmann, der von 1929 bis 1943 in der Hansestadt wirkte und am 21. Februar 1944 in Brandenburg-Görden hingerichtet wurde. Die Anklage des NS-Regimes: Wehrkraftzersetzung.

Zu seinem 75. Todestag werden Stimmen in Vorpommern laut, die Wachsmann durchaus mit den Lübecker Märtyrern gleichsetzen, auch wenn er in seiner Art oft eher unbedacht agierte. In seinen Briefen aus dem Gefängnis an seine Schwester Maria, die sie schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges publizieren ließ, wird eine Wandlung der „schillernden Persönlichkeit“ deutlich: Von Verzweiflung und Gottverlassenheit, von Hoffnung und Gottvertrauen ist dort zu lesen und am Ende von der Hingabe zu Gott. Somit wird Wachsmann eben doch zum Glaubenszeugen und Märtyrer. Deshalb wurde er auch als Blutzeuge in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen.

Forschung steht noch am Anfang

„Die wissenschaftlich-theologische Auseinandersetzung steht noch am Anfang, die Fachtagung soll dafür ein Beginn sein“, so Organisator Christian Berkenkopf, verantwortlich in der Propstei Greifswald für die Hochschulseelsorge. Zu dieser Aufarbeitung hatte er unterschiedliche Wissenschaftler eingeladen – beispielsweise den Greifswalder Historiker Frank Möller und den Theologen Thorsten Hoffmann aus Trier, der zum Thema „Zeugnis der Liebe in dunkler Zeit. Gedanken zur Theologie des Martyriums im 20. Jahrhundert“ sprach. Ein Spaziergang, organisiert durch den Pfarrer-Wachsmann- Kreis, zu den Wirkstätten in der Hansestadt – zum Preußischen Hof, dem Audimax-Gebäude der Universität und der kleinen St. Josephs-Kirche am Rande der Innenstadt – eröffnete den Fachtag im Greifswalder Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg. Historiker Frank Möller versuchte anschließend im ersten Vortrag eine Einordnung der Greifswalder Gesellschaft zu NSZeiten: Konservativ ging es in der Hansestadt zu. Bürgerlich geprägt war diese von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

Gemeinde ins Licht der Öffentlichkeit geholt

Hier gab Pfarrer Alfons Maria Wachsmann nicht nur dem Kirchenraum mit neuem Altar, Tabernakel und Kreuz einen neuen Anstrich, sondern auch der Gemeinde selbst. Diese veränderte er in nur kürzester Zeit, wie der evangelische Theologe Professor Thomas K. Kuhn in seinem abendlichen Festvortrag betonte: „Er hat die kleine katholische Diasporagemeinde innerhalb von nur 13 Jahren in die Öffentlichkeit geholt und andere Akzente als seine Vorgänger gesetzt.“ St. Joseph war damals von „einfachen“ Gläubigen und der seelsorglichen Begleitung der polnischen Gastarbeiter im Umland geprägt. Gerade die bürgerlichen Katholiken wünschten sich diesmal einen deutschsprachigen Geistlichen.

Wachsmann, der zuvor als Kaplan in Görlitz und in Herz-Jesu unter dem Berliner Geistlichen Carl Sonnenschein wirkte und unter anderem mit dem Theologen Romano Guardini befreundet war, wurde so im jungen Bistum Berlin – es wurde erst 1930 errichtet – nach Vorpommern geschickt. Hier verfolgte er als Pfarrer eine „aufsuchende Pastoral, wie wir es heute nennen würden“, meint der katholische Hochschulseelsorger Christian Berkenkopf, Nicht nur für die polnischen Schnitter fühlte sich Wachsmann verantwortlich, sondern als Standortpfarrer auch für die Soldaten und ganz besonders für die Studenten der Universität. Hier richtete er im Pfarrhaus Mittagstische ein und Zimmer für katholische Studentinnen, lud mittwochs zu theologischen Veranstaltungen, unter anderem mit Guardini, ein und setzte sich mit einer religionspsychologischen Abhandlung selbst theologisch mit den jungen Studenten auseinander.

Wachsmann war somit Studentenseelsorger, auch wenn er als solcher nie offiziell bezeichnet wurde. „Er hatte eine ausgeprägte soziale Ader und einen geraden Charakter“, wie Thomas Kuhn betonte. „Er war eine schillernde Persönlichkeit, die sich so gar nicht greifen lässt“, so der Theologe weiter. Mit Dietrich Bonhoeffer oder einem Bernhard Lichtenberg sei er jedoch nicht vergleichbar, auch wenn er in seiner Zeit ein gefragter Prediger außerhalb Greifswalds war. Dennoch seien sein Weg bis ins Gefängnis und seine Hinrichtung Grund für eine genauere öffentliche wissenschaftlich- theologische Auseinandersetzung mit Alfons Maria Wachsmann.

Vielfältige Angebote rund um den Todestag

In seiner Seelsorge war der Geistliche für die Greifswalder Gemeinde ohne Zweifel prägend: Noch heute trifft sich immer mittwochs die Katholische Studentengemeinde St. Augustinus in den Räumen des Hauses, welches seit 1994 seinen Namen trägt. Im Pfarrer-Wachsmann- Haus hat der gleichnamige Kreis jetzt ein Archiv eingerichtet; das nicht wissenschaftliche belletristisch-historische Buch „Am Ende das Licht“ vom Greifswalder Autor Hans-Jürgen Schumacher fasst die bisherigen aufgearbeiteten Kenntnisse über Wachsmann zusammen; während der Fastenzeit soll es 2019 Exerzitien im Alltag zu Predigten des Geistlichen geben und an seinem 75. Todestag, dem 21. Februar, lädt die Gemeinde zu unterschiedlichen Veranstaltungen ein. So wird es um 15 Uhr in der Kirche und an seinem Grab auf dem Gelände direkt unter dem Auferstehungsfenster eine Gedenkveranstaltung mit einer Lesung seines Abschiedsbriefes geben, um 15.45 Uhr erfolgt eine Ehrung an der Büste in der Nähe des Walls, um 16.30 Uhr dann eine Gedenkstunde, ab 17.30 Uhr kann das Archiv besichtigt werden. Den Höhepunkt bildet um 18.30 Uhr eine heilige Messe mit Weihbischof Matthias Heinrich, Generalvikar Domkapitular Adam Luzniak und dem Kanzler des Generalvikars Jacek Froniewski aus Breslau.