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Tor zum Dialog geöffnet

Thomas Bauer auf dem Podium - Foto: Praticia Löwe

Die Guardini Stiftung setzte bei ihrer Jahrestagung einen Schwerpunkt auf den Dialog mit dem Islam und plädierte für eine Rückbesinnung auf die Toleranz. Die Stiftungsleitung kündigt neue Formate und Kooperationen an.

Am 28. Juni 2019 fand in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg die Jahrestagung der Guardini Stiftung statt. Die Festveranstaltung am Zenit des Jahres zählt zu den programmatischen Höhepunkten eines Veranstaltungsreigens, der mit Ausstellungen, Konferenzen, Stadtexkursionen, Lesungen und Diskursen seine Angebote ständig erweitert.

In diesem Jahr konnte die Stiftung für ihren Festakt den renommierten Arabisten und Leibniz- Preisträger Thomas Bauer gewinnen, der als Professor für Islamwissenschaft in Münster lehrt und kürzlich den Sachbuchpreis der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erhielt. In außergewöhnlich großer Zahl fand sich ein interessiertes Publikum ein, darunter der ehemalige Bayerische Kultusminister Hans Mayer und Ex-Umweltminister Klaus Töpfer.

In seinem Vortrag mit dem Titel „Religion und Kunst im Zeitalter der Vereindeutigung“ plädierte Thomas Bauer für eine Rückbesinnung auf die Toleranz – Gegensätze, die sich nicht aufheben lassen, dürfen ausgehalten werden. Sein Begriff dafür: Ambiguitätstoleranz. Sie herrschte noch vor der Aufklärung zwischen Christentum und Islam: „Eine ambiguitätstolerante Persönlichkeit hält Widersprüche aus, erträgt Ungewissheiten und lässt andere Sichtweisen gelten“, führte der Redner aus. Im Spätkapitalismus geriet diese Ausgewogenheit immer tiefer in die Krise. An seine Stelle trat das uns so vertraute und zeitgemäße Bestreben, auf alles eine eindeutige Antwort zu finden und genau zu bestimmen, was richtig und was falsch ist. Der Dialog zwischen den Religionen untereinander und mit der Gesellschaft könnte laut Thomas Bauer eine neue Kultur der Begegnung schaffen. Der Vortrag wurde, ebenso wie die musikalischen Darbietungen der Pianistin Maina Yokoi, mit großem Beifall bedacht.

Die Geschäftsführerin der Guardini Stiftung, Mariola Lewandowska, verlas an Stelle des erkrankten Präsidenten Michael Rutz dessen Begrüßungsrede und nahm den Faden Thomas Bauers auf: „Guardini war ein Meister, diese Toleranz zu üben, heißt sein philosophisches Hauptwerk schließlich ‚Der Gegensatz‘“. Und sie fügte hinzu: „Im Angesichts Gottes lässt sich Pluralität aushalten und gestalten.“ Lewandowska verwies in ihrer Rede auf das aktuelle Guardini- Projekt „Stadt und Religion“. Teil des Projekts sind Exkursionen zu insgesamt 18 der über 250 verschiedenen Religionsgemeinschaften in Berlin. Dass der Imam der ältesten Moschee Deutschlands, der Wilmersdorfer Lahore-Ahmadiyya-Moschee, bei dieser Veranstaltung zugegen war, zeigt, wie sehr die Guardini Stiftung schon das Tor zum Dialog geöffnet hat.

Bei dieser Gelegenheit bot die Geschäftsführerin einen Überblick über die geleistete Arbeit des vergangenen Jahres und stellte zukünftige Projekte vor. Dazu zählt der Guardini Salon, ein Format, in dem in lockerer Atmosphäre über Fragen unserer Zeit gesprochen wird. So soll der nächste Salonabend am 18. September 2019 in Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Forum in Berlin durchgeführt werden und das Spannungsfeld von Macht, Glück und Freiheit zum Thema haben.

Guardini-Tag zukünftig in Kooperation mit Bayern

Mariola Lewandowska kündigte an, dass der jährliche Guardini- Tag, ein weiteres Herzstück des Programnms der Stiftung, in dessen Rahmen etablierte Guardini- Forscher sich mit Nachwuchswissenschaftlern über ein Werk des Gelehrten austauschen, zukünftig in enger Kooperation mit der Katholischen Akademie in Bayern gestaltet wird. Der nächste Guardini-Tag wird Ende Januar 2020 in München stattfinden und dann zwischen Berlin und der bayerischen Hauptstadt abwechseln. Mit Zuversicht sieht die Stiftung der Tatsache entgegen, dass der Guardini-Lehrstuhl ab Herbst dieses Jahres aus der (evangelischen) Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin in das neugeschaffene Katholische Zentralinstitut überführt wird. Das Eingebundensein in das neue Institut eröffnet dem Guardini-Professor – derzeit der italienische Philosoph Ugo Perone – weitere Vernetzungsmöglichkeiten und Perspektiven, die Werke Guardinis offen und diskursiv weiterzudenken.