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„Überwintern im Sozialismus“

Iman Andrea Reimann, Vorsitzende des Deutschen Muslimischen Zentrums, mit Bernd Streich. | Foto: Walter Plümpe

Interreligiöser Dialog geht nicht nur von christlicher Seite aus: Das Deutsche Muslimische Zentrum hat den Diözesanratsvorsitzenden Bernd Streich zum Zeitzeugenbericht eingeladen.

Welche religiösen Wurzeln prägen das jahrzehntelange Engagement von Bernd Streich? Wie veränderte der Mauerfall das Leben im jetzt wiedervereinten Erzbistum Berlin? Welche Etappen nahm das Leben des Vorsitzenden des Diözesanrats im Ostteil und jetzt im gesamten Erzbistum? Diese Fragen waren der rote Faden eines Abends mit Iman Andrea Reimann. Als Vorsitzende des Deutschen Muslimischen Zentrums Berlin hatte sie den Zeitzeugen eingeladen, „damit Geschichte nicht vergessen wird“.

Vor und nach dem Mauerbau 1961, vor und nach der Wende 1989: diese Zeitepochen bestimmen nicht nur das Leben der Berliner, sondern auch die Entwicklung im Erzbistum Berlin. Zahllose engagierte Katholiken hatten bis zur „friedlichen Revolution“ – diesen Ausdruck bevorzugt Streich – Benachteiligungen in Ausbildung und Beruf zu ertragen. Das wurde am Lebensweg Streichs in vielen Beispielen deutlich. Doch ließ der heutige Diözesanratsvorsitzende sich nicht unterkriegen und fand auch auf Umwegen und manchmal mit Glück seinen Weg – gegen die „Diktatur der Arbeiterklasse“ mit ihrer begrenzten Freiheit unter der Herrschaft der SED.

Ziel: Erhalt des religiösen Lebens

Die Gemeinde im Prenzlauer Berg war Heimat für den Jugendlichen, nicht die FDJ. Später waren es die Hochschulgemeinden in der DDR, die Gottesdienste mit West-Besuchern in der St. Hedwigs- Kathedrale, „der Austausch auf allen Ebenen“. Das „Überwintern im Sozialismus der DDR“, wie Bischof Alfred Bengsch es nannte, hatte den Erhalt des religiösen Lebens als Ziel. So wurden zum Beispiel für eine Gemeindefeier Räume in einer Gaststätte als „Verlobungsfeier“ getarnt angemietet. Oder für eine Faschingsfeier der Gemeinde wurden alle Eintrittskarten aufgekauft – zur großen Verwunderung der Stasi.

Das Zusammenwachsen der Gremien nach der Wiedervereinigung, die vielgestaltigen Wünsche im vielschichtigen Erzbistum Berlin, das Angleichen unterschiedlicher Doppel-Strukturen, finanzielle Herausforderungen, Probleme zwischen alteingesessenen und zugezogenen Katholiken: das alles fand sich wieder in vielen persönlichen Erinnerungen und Anekdoten von Bernd Streich.

Was treibt ihn für sein Engagement an? „Ich durfte meinen Glauben als Geschenk empfangen und lebe ihn in dankbarer Zuversicht.“ Vielfältige geistliche Aufbrüche bis hin zu neuen Gottesdienstformaten im Kino lassen Bernd Streich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. „Religion bleibt ein wichtiger Aspekt für unsere Gesellschaft.“

Für den religiösen und interreligiösen Dialog sieht er noch viele ungenutzte Möglichkeiten auf der Ortsebene. „Hier wünsche ich mir mehr Motivation von oben.“ Als konkretes Beispiel berichtete er von einer wertschätzenden vergleichenden Lesung aus der Bibel und dem Koran in Biesdorf. Der Gesprächsabend im Deutschen Muslimischen Zentrum im Rahmen einer Reihe „Geschichte nicht vergessen – Mit Zeitzeugen im Gespräch“ lud ebenfalls dazu ein, aus neuer Perspektive auf die eigene Religion zu blicken.