Vaterunser auf aramäischErzbischof Joseph Melki aus dem Libanon feierte Gottesdienst in Klein Machnow

Thomas Marin, Erzbischof Melki und Prälat Joseph Swidnitzki Foto: Marie Wildemann

Im Rahmen eines mehrwöchigen Pastoralbesuchs feierte Alt-Erzbischof Flavien Joseph Melki aus dem Libanon mit der St. Thomas-Morus-Gemeinde in Kleinmachnow einen Gottesdienst. Er feierte diesen Gottesdienst gemeinsam mit Michael Theuerl, Pfarrrer der St. Thomas-Morus- Gemeinde, und Prälat Joseph Swidnitzki, Pfarrer aus der Ukraine.

Joseph Swidnitzki, der in der Sowjetunion wegen seines Glaubens mehrere Jahre inhaftiert war, war an diesem Wochenende eher zufällig in St. Morus zu Besuch und nutzte diesen Zufall, um in der Messe zu konzelebrieren. Als er neben dem aus Syrien stammenden Erzbischof Melki am Altar stand, wurde das zu einem sinnfälligen Bild für die verfolgte Kirche in Vergangenheit und Gegenwart. Prälat Joseph Swidnitzki hat eine bewegende Geschichte: Zwischen 1984 und 1987 war er in Sibirien im Gefängnis wegen angeblicher „antisowjetischer Propaganda“, doch in Wahrheit war er der kommunistischen Regierung ein Dorn im Auge, denn er hatte Gemeinden gegründet, Kirchen gebaut und die katholischen Russlanddeutschen und Polen betreut. Noch heute würden Katholiken in Sibirien von Pater Joseph sprechen, erzählt Pfarrer Michael Theuerl später im Gespräch.

Erzbischof Flavien Joseph Melki lebt heute im Libanon und vertritt das Patriarchat der Syrisch-Antiochenisch-Katholischen Kirche in Beirut. Bei seinem Deutschlandbesuch wurde er von Zeremoniar Sebastian Eisend begleitet, Student der Katholischen Theologie in Eichstätt.

Predigt über das Johannes- Evangelium

In seiner Predigt bezog sich Erzbischof Melki auf das Johannes- Evangelium. Eine Menschenmenge am See Genezareth wartet auf Jesus, „übrigens nicht weit entfernt von Tyrus und Sidon, das auf dem Gebiet des heutigen Libanon liegt“, erklärte Melki. Die Menschen wollten Zeichen und Wunder. Jesus aber wirkte an ihnen keine Wunder. Er wusste: Mehr als alles andere brauchen sie eine Veränderung ihres Herzens, erläuterte Erzbischof Melki in seiner Predigt. Wir Heutigen seien der Menge am See Genezareth sehr ähnlich, sagte er. „Wir bitten Gott, er möge unsere physische Notlage lindern und vergessen, dass unsere seelische Hilflosigkeit unsere menschliche Existenz weit mehr dominiert als alle materiellen Sorgen.“ Denn das, was die Sehnsucht des Menschen wirklich stille, sei das Spirituelle, gemäß dem Wort Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“ (Joh 6,35).

Wenn er über diese Worte Jesu meditiere, werde ihm bewusst, wie sehr der Nahe Osten inzwischen von der Ideologie des Hasses beherrscht werde, so Erzbischof Melki in seiner Predigt. Der fundamentalistische Islam, der weder den göttlichen Vater noch den Sohn anerkenne, finde seine furchtbarste Erscheinungsform in der brutalen Armee des Islamischen Staates, die in Syrien und im Irak herrsche.

Begonnen hätten Gewalt und Chaos vor mehr als zehn Jahren, als die USA in den Irak einmarschierten. „Durch jene instabilen Verhältnisse wurde der Islamische Staat (IS) ermutigt, seine zerstörerische und fundamentalistische Ideologie zu verbreiten. Die Christen im Orient würden heute zunehmend von den Kämpfern des Islamischen Staates, der keine Barmherzigkeit und Nächstenliebe kenne, verfolgt und vertrieben. So habe der IS im Nordirak allein in einer Nacht 130 000 Christen vertrieben. Häuser, Wohnungen, ihren gesamten Besitz mussten die Menschen zurücklassen, um ihr Leben zu retten.

Doch trotz der dramatischen Situation sollten die Gläubigen nicht vergessen, was Jesus gesagt habe: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“ (Joh 14,27).

Er forderte die Gemeinde auf, für die Christen im Orient zu beten und sie geschwisterlich zu unterstützen. Es war ein bewegender Moment, als der libanesische Bischof das „Vaterunser“ auf aramäisch, der Sprache Jesu, betete.

Vortrag über verfolgte Christen

Im Anschluss an den Gottesdienst nahm Erzbischof Melki in seinem Vortrag über die verfolgten Christen des Orients die Gedanken aus der Predigt wieder auf und erinnerte zunächst an die Bilanz des seit fünf Jahren wütenden Krieges in Syrien: 200 000 Tote, vier Millionen Flüchtlinge, davon lebten mehr als 1,5 Millionen in Flüchtlingslagern im Libanon. Das Land sei längst jenseits seiner Kapazitäten, auch die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen sei überfordert. Für die mehr als 10 000 christlichen Familien in den Flüchtlingslagern sei die Situation unerträglich, sie würden von radikalen Muslimen auch hier bedroht und unter Druck gesetzt. Zuflucht würden sie in den Kirchengemeinden finden, aber auch hier seien die Kapazitäten erschöpft. Darüber hinaus verbreite der IS seine Hass-Ideologie nicht nur in den Flüchtlingslagern, auch unter den ganz normalen Imamen gebe es inzwischen viele IS-Sympathisanten. In der anschließenden Fragerunde ging der Erzbischof immer wieder auf den Unterschied zwischen christlichem und muslimischem Gottesbild ein: „Unser Gott befiehlt nicht, zu töten.“

Der Gott der Muslime hingegen fordere dazu auf, gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Wenn er seine Erfahrungen schilderte, wirkte er trotz seiner 83 Jahre charismatisch und voller Energie. Sehr häufig habe er die Erfahrung machen müssen, sagte Erzbischof Melki, dass muslimische Funktionäre nicht die Wahrheit über den christlichen Glauben lehrten. Wenn Muslime dann das unverfälschte Evangelium zu lesen bekämen, wären sie überrascht und fasziniert von der Botschaft der Nächstenliebe und der Vergebung. An die christlichen Gemeinden in Deutschland richtete Erzbischof Melki den Appell, Muslime einzuladen, den christlichen Glauben kennenzulernen. In Europa hätten sie leichter Zugang zum christlichen Glauben als in islamisch geprägten Ländern.

Beendet wurde der Abend mit einem gemeinsamen Gebet. Erzbischof Melki sprach noch einmal das Vaterunser auf aramäisch und segnete die Zuhörer.